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Stadt Wolfsburg Protest bei VW: So endete die Demonstration in der Autostadt
Wolfsburg Stadt Wolfsburg Protest bei VW: So endete die Demonstration in der Autostadt
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19:31 14.08.2019
Hingen ein wenig in den Seilen: Den Aktivisten hat die Autostadt den Wind aus den Segeln genommen. Quelle: Roland Hermstein
Autostadt

24 Stunden lang haben sechs Aktivisten den „Globus“ im Autostadt-Foyer besetzt, um für eine autofreie Zukunft zu demonstrieren. Am Mittwoch Mittag endete die Aktion. „Ich hätte es lieber gehabt, wenn es konfliktreicher gewesen wäre“, meinte eine der Aktivistinnen – denn die Autostadt hatte der Gruppe mächtig den Wind aus den Segeln genommen.

„Von uns aus hätten sie auch noch länger bleiben können“

Ganz anders, als die Aktivisten es erwarteten, hatte die Autostadt keine Anstalten gemacht, sie aus der hängenden Metallkonstruktion zu vertreiben oder gar runterzuholen. „Von uns aus hätten sie auch noch länger bleiben können“, sagt Autostadt-Sprecher Tobias Riepe. „Wir sind die Kommunikationsplattform von Volkswagen und bieten deshalb natürlich den Dialog an.“ Und nicht nur den Dialog, auch beschmierte Brote, Säfte und Zugang zu den Toiletten bot die Autostadt den verdutzten Aktivisten an.

Interviews mit Fernsehsendern, Gespräche mit dem Autostadt-Sprecher und Diskussionen mit Besuchern: Am Mittwochvormittag gab es noch einige Auseinandersetzungen.

Aus dem öffentlichen Gespräch wurde aber zunächst nichts. Den Aktivisten schwebte eine Diskussion per Megafon im Foyer vor, die Autostadt-Chefs- und Sprecher luden stattdessen in einen separaten Raum ein, wo beide Seiten erst einmal ohne die Öffentlichkeit miteinander hätten sprechen können – doch genau das lehnten die Aktivisten ab.

Dennoch fanden sich am Rande der Demonstration immer wieder Diskussionspartner. Nicht nur Sprecher Tobias Riepe und Autostadt-Geschäftsführer Claudius Colsman sprachen dann doch mit einzelnen Aktivisten, auch einige Fernseh- und Radiosender interviewten die Teilnehmer der Demo. Und auch manche Besucher der Autostadt sprachen die Gruppe immer wieder an.

„Haben Sie sich mal Gedanken darüber gemacht, was mit den Menschen passiert, die in der Automobilbranche arbeiten?“, fragte zum Beispiel Matthias Biegel aus Thüringen. Er habe ähnliche Einbrüche in der Beschäftigung erlebt, als der Abbau von Kohle und Kalisalzen zurückgefahren wurde. „Ich will doch auch nicht, dass meine Enkelkinder in einer total kaputten Umwelt leben. Aber versuchen Sie doch, mehr mit diesen Menschen ins Gespräch zu kommen!“

Besucher: „Ein schlechtes Gewissen hatte ich vorher auch schon“

So oder so hat die Aktion Aufmerksamkeit erregt und hier und da schon den gewünschten Effekt erzielt: Frank Breiser, der aus Frankfurt in die Autostadt gefahren war, um seinen neuen Firmenwagen abzuholen, ließ sich zum Nachdenken anregen: „Ein schlechtes Gewissen hatte ich vorher auch schon. Und ich fahre gerne meine 40 Kilometer Fahrrad am Tag.“ Doch ganz ohne Dienstwagen gehe es im Alltag eben doch nicht.

Feueralarm in der Nacht setzt den Aktivisten zu

Über Nacht hatten die Aktivisten noch mit einem ganz anderen Thema zu kämpfen: Um 23 Uhr ging ein Probealarm los, der laut einer Demonstrantin sehr laut gewesen sei und eine Stunde angedauert habe. Die Demonstranten werteten ihn als Versuch der Autostadt, sie „mürbe zu machen“. Tobias Riepe von der Autostadt versichert hingegen, dass ein solcher Probealarm regelmäßig stattfinde und schon lange für diese Nacht geplant war.

Unterstützung gab es hingegen von den Wolfsburger Fridays-for-Future-Schülern. „Wir haben Decken gebracht und Brote beschmiert“, berichtet Organisatorin Miriam Buchhauser. Da es den Demonstranten um Klimaschutz gehe und ihre Aktion außerdem gewaltfrei, unparteiisch und ohne Sachschaden verlaufen sei, habe man sich mit ihnen solidarisiert. „Es ist ein Weckruf an die Gesellschaft: Wir wissen, was ihr tut – und wir sind nicht einverstanden.“

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Dicke Fische, aber zahme Löwen

Dass nun ausgerechnet VW die volle Breitseite abbekommt und als Schauplatz herhalten muss, ist auch unter den Aktivisten umstritten. „VW ist einer der dicken Fische!“, begründete einer. Doch bei einem anderen klang das später schon ganz anders: „VW ist nicht der schlimmste Löwe in der Grube.“

Kommentar von Frederike Müller: Ohne Gegner keine Helden

Es gibt Kampfsportarten, in denen man die Kraft des Gegners für sich selbst nutzt. Statt sich gegen den Angreifer zu stemmen, trickst man ihn aus und lässt ihn ins Leere laufen. Doch selbst große Kampfsportkünstler können sich bei der Autostadt noch einiges abgucken.

Dabei hatten die Umwelt-Aktivisten mit dem Autostadt-Globus eigentlich eine super Bühne gewählt. Ihn als Klettergerüst umzufunktionieren, zeugte schon von Abenteuersinn. Und das Bild mit den Hängematten zwischen den Metallstreben, teilweise 15 Meter über dem Boden – das bleibt im Gedächtnis.

Doch mit der Reaktion der Autostadt hatten die Demonstranten ganz sicher nicht gerechnet: Statt des Sicherheitsdienstes kam das Catering und tischte Snacks und Säfte auf. Die Einladung zum Dauercampen samt Zugang zu den hauseigenen Toiletten gab den Protestlern dann denn Rest. Ohne Gegner keine Helden.

Die Autofrei-Aktivisten haben in vielen Punkten Recht, auch wenn ihre radikalen Forderungen gerade für die Volkswagenstadt schwer zu verdauen sind. Aber niemand kann mehr so tun, als sei der Autoverkehr kein Problem für Klima und Gesundheit.

Und trotzdem ist der Autostadt ein Geniestreich gelungen: Nicht nur hat sie die Diskussion vom Boden aus, quasi mit dem Kopf im Nacken, vermieden – sie hat ihre „Angreifer“ auf charmante Weise entwaffnet.

Von Frederike Müller

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