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Stadt Wolfsburg Heiligabend mit zwei Flaschen Schnaps, Kuchen und dem Ehepaar Schmidt
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Obdachlose in Wolfsburg: Weihnachten wird mit Schnaps gefeiert

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16:00 24.12.2020
Essensausgabe in der Borsigstraße: Monika und Wolfgang Schmidt stehen dort jede Woche – auch an Heiligabend.
Essensausgabe in der Borsigstraße: Monika und Wolfgang Schmidt stehen dort jede Woche – auch an Heiligabend. Quelle: Roland Hermstein
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Wolfsburg

Graue Fassaden. In den Fenstern hängt kein Weihnachtsstern. Ein paar Autoreifen liegen herum. Lichterketten sieht man im Obdachlosenheim in der Borsigstraße nicht. Kein Tannenbaum und keine leuchtenden Kerzen. Weihnachten in der Unterkunft ist meist ein Fest ohne Familie, ohne gemeinsames Essen. Was sich die Menschen hier wünschen? Ein Aftershave, eine Jogginghose, zwei Flaschen Schnaps – oder den Tod. Doch einen Lichtblick gibt es: das Ehepaar Schmidt.

„Ich bin Weihnachten alleine“, sagt ein 59-jähriger Bewohner, der von allen Ouzo genannt wird. Zwei Flaschen Schnaps trinkt er am Tag. Damit er einschlafen kann, sagt er. So wird er auch Heiligabend verbringen. „Früher habe ich an Weihnachten für meine Angestellten gekocht, ein eigene Familie hatte ich nie“, erzählt der Wolfsburger. Seine Eltern sind verstorben, vor fünf Jahren kam er in die Obdachlosenunterkunft. „Ich bin pleite gegangen, habe auf eine Erbschaft verzichtet“, berichtet Ouzo. Wünsche habe er keine, vielleicht einen: „Ich möchte eigentlich nicht mehr leben...“ Ein Lächeln huscht dann doch über sein Gesicht. „Solche Menschen gibt es kaum“, sagt der Bewohner und blickt zum Ehepaar Schmidt.

Monika und Wolfgang Schmidt bringen Deo, Stollen und Plätzchen

Denn, ganz alleine sind die Menschen in der Borsigstraße an Heiligabend nicht. Monika Schmidt und ihr Mann Wolfgang bringen kleine Geschenke vorbei: Deo, Stollen und Plätzchen, eine warme Decke. Wunscherfüller sind sie eigentlich das ganze Jahr über. Jeden Donnerstag bauen sie ihren Tisch auf der Straße vor der Unterkunft auf, geben Lebensmittel aus – seit mehr als 25 Jahren. „Ohne die Hilfe anderer Menschen würden wir das aber nicht schaffen“, sagt Monika Schmidt. Unterstützt werden die Wolfsburger von der Margarete-Schnellecke-Stiftung.

Zu Weihnachten bekamen sie auch Hilfe von Svenja Heling. Seit sechs Jahren sammelt sie für die Bewohner. Erst im VW-Konzern, dann machten auch Schulen, Freunde und Bekannte mit. „Ich bin wirklich positiv überrascht, wie viele sich beteiligen“, sagt Heling: Am Anfang waren es 15 Tüten, in diesem Jahr seien es vier Autos voller Lebensmittel und Hygieneartikel.

Übergabe der Spenden: Svenja Heling (rechts) und das Ehepaar Schmidt freuen sich über Lebensmittel. Quelle: Privat/Svenja Heling

Lutz wünscht sich eine Jogginghose

Eine Jogginghose ist auch dabei. Die hat sich Lutz gewünscht. Wie verbringt er Weihnachten? Er hat keine Eltern mehr, keinen Kontakt mehr zu seinen zwei Brüdern und seiner Schwester. „Ich mache mir nicht soviel aus Weihnachten“, sagt er. Er wird einen Kaffee mit Christel trinken, die auch in der Unterkunft wohnt, und ein Stück Kuchen essen. Den bekommt er von Monika und Wolfgang Schmidt an Heiligabend gebracht.

„Ihr seid undenkbar wichtig für uns“

„Ohne die Unterstützung von anderen Menschen würden wir das aber nicht schaffen. Von der Hilfsbereitschaft sind wir überwältigt – und wir sind sehr dankbar“, sagt Monika Schmidt, „wir haben viel Wertschätzung für unsere Arbeit bekommen.“ Die bringen auch die Bewohner der Unterkunft den Schmidts entgegen: Auf der Straße überreichen sie dem Ehepaar einen Weihnachtsstern und einen selbst gebastelten Elch aus Holz. Eine Bewohnerin sagt: „Ihr seid undenkbar wichtig für uns.“ Monika Schmidt und ihr Mann Wolfgang schweigen. Dann bedanken sie sich bei den Bewohnern: „Das müsst ihr nicht tun, aber es tut gut.“

Von Nina Schacht