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Lockdown: Wolfsburger Einzelhändler fürchten um ihre Existenz

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17:00 07.01.2021
Leere Geschäfte: Trotz des Lockdowns will Annette Hempel weiterhin für ihre Kunden da sein. Sie fürchtet die langfristigen Folgen des Lockdowns für den Einzelhandel in Wolfsburg.
Leere Geschäfte: Trotz des Lockdowns will Annette Hempel weiterhin für ihre Kunden da sein. Sie fürchtet die langfristigen Folgen des Lockdowns für den Einzelhandel in Wolfsburg. Quelle: Roland Hermstein
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Wolfsburg

Annette Hempel möchte nicht jammern. Dennoch macht sich die Inhaberin des gleichnamigen Modehauses Sorgen und sagt: „Die aktuelle Situation ist sehr belastend.“ Sie kritisiert die geplanten Corona-Hilfen und fürchtet die langfristigen Folgen des mindestens bis zum 31. Januar andauernden Lockdowns für den stationären Einzelhandel in Wolfsburg.

Im Gegensatz zur Gastronomie erhält der Handel keine Erstattung der Umsätze

Hempel sieht den Einzelhandel im Vergleich zu anderen Branchen, wie zum Beispiel der Gastronomie, im Nachteil. Denn: Die Restaurants bekommen für den November und Dezember bis zu 75 Prozent der Umsätze aus dem gleichen Monat im Vorjahr erstattet. Die Händler können hingegen lediglich die Überbrückungshilfe III beantragen, über die Fixkosten-Zuschüsse ausgezahlt werden sollen. „Ich gönne die Hilfen jedem, aber für mich ist das eine Ungleichbehandlung“, meint Hempel mit Blick auf Restaurants, Hotels oder Kultureinrichtungen. Ähnlich wie Hempel hatte sich vor wenigen Wochen bereits der Handelsverband Deutschland (HDE) geäußert. Die Bundesregierung wies die Kritik zurück, die Hilfen für Unternehmen seien seit Beginn der Krise großzügig und umfassend. Die Erstattung der Umsätze führt die Regierung in 2021 nicht fort. Der Grund: zu hohe Kosten.

Mit der Auszahlung der Überbrückungshilfe III wollen Bund und Länder laut eigenen Angaben im ersten Quartal des Jahres beginnen. Allerdings: Bislang können die Einzelhändler noch nicht einmal Anträge auf die Zuschüsse stellen.

Ein Bild aus der Zeit vor dem Lockdown: Die Einzelhändler leiden bereits seit Monaten unter Umsatzrückgängen in Folge der Corona-Pandemie. Quelle: Archiv

Die Wolfsburger Geschäfte müssen in den kommenden Wochen die Ware für das Frühjahr bezahlen

Dabei ist der stationäre Handel nach Einschätzung von Hempel in der aktuellen Phase stärker vom Lockdown betroffen als die Gastronomie. Denn: Ab Januar kommen die Frühjahrskollektionen in den Geschäften an und die Lieferanten wollen bezahlt werden. „Die neue Ware wird ein halbes Jahr vorher bestellt und im Sommer sah die Situation noch ganz gut aus. Jetzt müssen wir 100 000 Euro ohne Umsätze bezahlen“, berichtet ein anderer Wolfsburger Einzelhändler, der anonym bleiben möchte. Problematisch sei das laut Hempel insbesondere, weil es durch die Pandemie bereits seit Monaten erhebliche Umsatzrückgänge gebe: „Gerade die Zeit vom 16. Dezember bis zum 10. Januar ist sonst sehr umsatzstark. Das sind wichtige Tage, in denen wir Liquidität aufbauen.“

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Hempel bietet zwar Ware zum Abholen oder Liefern an und hat seit wenigen Wochen auch einen Online-Shop. Beides könne die Umsatzrückgänge aber nicht ausgleichen. „Wir waren vor der Corona-Pandemie sehr gesund und haben einen großen Anteil der Umsatzrückgänge durch die Pandemie selbst geschultert. Aber die Reserven sind nicht unendlich“, betont Hempel. Von der Politik wünscht sie sich neben einer Kompensation des Umsatzausfalls eine differenziertere Gestaltung der Überbrückungshilfe III.

Durch die Corona-Krise gehen Gelder verloren, die für Investitionen in die Zukunft notwendig wären

Der stationäre Einzelhandel hatte bereits vor der Corona-Krise mit dem immer stärker werdenden Online-Handel zu kämpfen. Jetzt fürchtet Hempel, dass durch die Folgen der Pandemie langfristig das Geld für Investitionen fehlt: „Wir hatten eine Strategie und konkrete Pläne für die Zukunft. Jetzt fehlt die Handhabe, um so etwas voranzutreiben.“

Drohen weitere Leerstände in der Innenstadt? Wolfsburger Einzelhändler und der Handelsverband Deutschland warnen davor. Quelle: Britta Schulze

Beim Gang durch die Fuzo fallen bereits einige leere Ladenflächen auf. Das Eicafé Tiziano schloss im Herbst aufgrund der Corona-Krise, der Inhaber eines Fotogeschäfts in der Nähe des Rathauses gab der Pandemie eine Mitschuld an der Aufgabe seines Ladens und das Geschäft „La Donna“ kündigt auf einem Plakat den Räumungsverkauf bis Ende Februar aufgrund „coronabedingter“ Schließung an. In der City-Galerie schlossen in den vergangenen Monaten mit Bonita, Schuhkay und Herzog & Bräuer gleich mehrere Geschäfte aufgrund von Insolvenzen.

Der Wolfsburger Einzelhändler, der anonym bleiben möchte, meint: „Dieser Lockdown wird vielen das Genick brechen.“ Der HDE hat am Dienstag seine Forderungen erneuert. Hauptgeschäftsführer Stefan Genth erklärte: „Der Bundesfinanzminister muss sich jetzt bewegen. Wenn die Hilfen nicht angepasst werden, gibt es für viele Händler keine Zukunft mehr. Es zeichnet sich eine Pleitewelle ab, wie wir sie noch nicht erlebt haben.“

Von Melanie Köster