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Stadt Wolfsburg Wolfsburgs Kirchen-Oberhäupter im Interview: „Corona war ein kräftiger Anschieber“
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Kirche und Corona: Interview mit Christian Berndt und Thomas Hoffmann

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14:00 23.12.2020
Im Gespräch mit der WAZ: Superintendent Christian Berndt (links) und Pfarrer Thomas Hoffmann.
Im Gespräch mit der WAZ: Superintendent Christian Berndt (links) und Pfarrer Thomas Hoffmann. Quelle: Roland Hermstein
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Wolfsburg

Weihnachten im Lockdown. Wie wird das Fest in diesem Jahr? Kann die Kirche einsame Menschen auffangen? Die WAZ sprach mit Superintendent Christian Berndt und dem katholischen Pfarrer Thomas Hoffmann über die Verantwortung der Kirchen in der Krise und ob Podcasts die Gotteshäuser ersetzen können.

Herr Hoffmann, Herr Berndt, der Lockdown ist da. Die Geschäfte sind zu, die Kirchen auf. Die evangelische Kirche in Westfalen rät von Präsenzveranstaltungen an Weihnachten ab. Was sind ihre Gedanken? Gottesdienste in Wolfsburg: ja oder nein?

Berndt: Wir befinden uns im Dilemma: Veranstalten wir Gottesdienste, werden wir gefragt, warum wir die Pandemie antreiben? Machen wir keine Gottesdienste, heißt es: Wie könnt ihr nur die Menschen im Stich lassen, denen Gottesdienste gerade zu Weihnachten extrem wichtig sind? Unser Weg: Wir schränken unsere Gottesdienste stark ein. Nur weil wir sie durchführen dürfen, heißt es noch lange nicht, dass wir es überall tun. So wird es dieses Jahr auch in den Kirchen viel stiller. Weihnachten wird an die Ursprünge zurück gehen.

Zur Person: Christian Berndt

Christian Berndt wurde 1967 in Hannover geboren und wohnt in Wolfsburg an der Christuskirche. Er ist verheiratet mit der Kirchenmusikerin Lorrie Berndt und hat zwei Kinder. In seiner Freizeit fährt er Ski, macht Kraft- und Ausdauersport, segelt und ist bei der Feuerwehr aktiv. Seit August 2018 ist er Superintendent des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Wolfsburg-Wittingen. Christian Berndt studierte von 1987 bis 1995 evangelische Theologie in Münster, Dallas (Texas, USA) und Göttingen. Sein Vikariat durchlief er von 1991 bis 1992 und 1996 bis 1998 in San Angelo (Texas, USA) und in Göttingen. Von 1998 bis 2018 war Christian Berndt Pastor der evangelisch-lutherischen Markusgemeinde in Stade.

Hoffmann: Das bleibt spannend. Die großen Gottesdienste in den Stadien haben wir abgesagt. Andere finden mit vielen Regelungen und weniger Besuchenden statt. Es geht darum ein Hoffnungszeichen zu setzen, wir verlesen das Weihnachtsevangelium.

Und wie feiern Sie im Lockdown Weihnachten?

Hoffmann: Ich werde heute am Heiligen Abend um 11, um 12 und um 13 Uhr das Weihnachtsevangelium in der Christophoruskirche vortragen und danach zwei Gottesdienste feiern. Anschließend gibt es ein gutes Essen. Dann wahrscheinlich zwei, drei ruhige Stunden. Die gemeinsame Feier mit meinen drei Geschwistern und meiner Mutter fällt dieses Jahr aus – das werde ich natürlich sehr vermissen.

Zur Person: Thomas Hoffmann

Thomas Hoffmann wurde am 22. August 1959 in Hannover geboren und wohnt in Wolfsburg. Er ist seit rund sieben Jahren Pfarrer in Wolfsburg und Gifhorn in den Pfarreien St. Christophorus, St. Michael und St. Marien sowie in St. Altfrid in Gifhorn/Meine und Dechant des Dekanates Wolfsburg/Helmstedt. In seiner Freizeit treibt er Sport und angelt gern. Thomas Hoffmann studierte Theologie in Eichstätt, Jerusalem, Münster und Innsbruck. Zum Priester wurde er 1988 geweiht.

Berndt:Ich werde am ersten Weihnachtsfeiertag den musikalischen Gottesdienst in der Christuskirche leiten. An dem Tag feiere ich dann auch mit meiner Familie – meine Frau ist Amerikanerin. Dieses Jahr fällt der Besuch bei meinen Eltern zu Hause aus. Wir machen aber einen gemeinsamen Spaziergang in Hannover.

Online-Adventskalender, Krippenspiele auf Youtube und die Predigt im TV... Die Kirchen setzen in der Krise auf digitale Angebote. Wäre die Kirche auch ohne das Virus so schnell digital geworden?

Hoffmann: Natürlich nicht! Die Pandemie war ein kräftiger Anschieber. Kirche braucht manchmal auch einen ordentlichen Tritt.

Berndt: Corona hat die Digitalität um mindestens zehn Jahre beschleunigt! Manche hätten sonst nie eine Videokonferenz gemacht oder auf Youtube ein Video eingestellt. Und es wurde gut angenommen. Kirche kann gut Nähe –Distanz haben wir jetzt auch richtig schnell gelernt. Wir sind digital aber noch nicht überall gut aufgestellt.

Hoffmann: „Kirche ist emotionaler Raum nicht zu ersetzen“

..... wird der Gang in die Kirche dann bald überflüssig, weil die Predigten als Podcast immer abrufbar sind?

Hoffmann: Auf gar keinen Fall! Es geht ja nicht nur um die Predigten, es geht um gemeinsamen Gesang, Begegnungen miteinander und mit Gott. Kirche ist als emotionaler Raum nicht zu ersetzen. Solche Orte kann man nicht digital erschaffen. Für einen Pfarrer ist die Viertelstunde vor und nach dem Gottesdienst eine wichtige Zeit für Gespräche – und auch für die Gemeinde.

Berndt: Das ist wie mit einer Beziehung zwischen Menschen – das geht auch nicht ohne Nähe, ohne Berührung. Und so ist es auch mit dem Glauben. Für manche ist die Kirche im Netz gut vorstellbar – statt sonntags um 10 Uhr, den Gottesdienst mittwochs um 19 Uhr abrufen, wenn man mal Zeit hat. Wir haben in der Krise viel mehr Menschen erreicht, als sonst. Davor waren das einfach nicht ihre Angebote – viele machen jetzt digital mit.

Mit der Impfung besteht Hoffnung auf ein Stück Normalität, Beten mit Mindestabstand und Anmeldung, das wird hoffentlich bald vorbei sein. Was hat sie in diesem Jahr in ihren Gemeinden am meisten bewegt?

Hoffmann: Beeindruckend war, dass viele Menschen die Aufgabe angepackt haben ihr Leben zu gestalten, obwohl viele unbekannte Grenzen aufgetaucht sind. Ich denke, dass Menschen auch dabei über sich hinausgewachsen sind. Natürlich habe ich auch Einsamkeit und Unverständnis erlebt –aber eben auch funktionierende Nachbarschaften. Das fand ich stark. Viele wollten helfen. Es war ein herausforderndes Jahr, aber auch eins indem viel passiert ist, obwohl nicht viel passieren durfte.

Berndt: „Die neu gefundene Solidarität war auffällig“

Berndt: Ich habe Kirche noch nie so vielfältig und entwicklungsfähig erlebt. Und die neu gefundene Solidarität war auffällig, beispielsweise beim Päckchen packen mit den Rotariern, den Lions, der Fabi und den VfL-Ultras. Das war der Hammer! Auch Jung und Alt haben sich gefunden – die evangelische Jugend begleitet Angehörige beim Besuch im Altenheim. Das Aufeinander achten habe ich neu entdeckt – und gleichzeitig war da auch eine große Rücksichtslosigkeit. Ich möchte das Jahr auf jeden Fall nicht schnell wieder vergessen. Wir haben gemerkt, wie krisenfest wir sind.

Menschen brauchen Nähe und Gemeinschaft. Während der Corona-Krise leiden viele unter Einsamkeit. Konnten sie den Menschen Trost spenden und eine Orientierung geben?

Berndt: Haben wir alle erreicht? Nein. Hätten wir das schaffen können? Nein. Angebote haben wir genug gemacht, sicherlich nicht immer die richtigen für alle. Um nur eine Sache zu nenne: Die Telefonseelsorge hat viel geleistet. Dennoch, sitzen bestimmt viel zu viele Menschen einsam zu Hause und werden dieses Weihnachtsfest als noch einsamer empfinden – das geht mir sehr nah. Das können wir als Kirche nicht komplett auffangen. Wir haben noch Ideen, aber die Ressourcen reichen nicht. Wir sind über dem Anschlag, bei der Belastung für Haupt- und Ehrenamtliche.

Hoffmann: Jesus hat Zeichen gesetzt, vielmehr konnten wir auch nicht machen. Wir haben 3000 Senioren einen Weihnachtsbrief geschrieben, darüber freuen sich viele, auch wenn es eigentlich nur eine kleine Sache ist. Wir hatten eine offene Kirche, Whatsapp-Gottesdienste und den Mittagstisch. Bald gibt es wieder eine telefonische Seelsorger-Hotline. Aber es war sicher nicht für jeden das maßgeschneiderte Angebot dabei.

Das Corona-Jahr neigt sich dem Ende zu. Auf was freuen sie sich im nächsten Jahr?

Hoffmann: Ich freue mich dienstlich gesehen auf Normalität. Auf Treffen von Angesicht zu Angesicht. jemandem auf die Schulter klopfen. Und ich freue mich auf Urlaube und möchte gerne wieder zum Sport gehen, wenn die Herdenimmunität erreicht ist.

Berndt: Auf mehr Nähe. Und: Auf weniger Regeln, das ständige Ermahnen ist mir zuwider. Ich freue mich darauf, Kontakte mit Freunden zu pflegen. Auf den gemeinsamen Whisky-Abend mit Thomas Hoffmann und Propst Ulrich Lincoln. Einfach auf gemeinschaftliche Erlebnisse.

Von Nina Schacht