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Stadt Wolfsburg Marienborn: So erlebte der Journalist Jürgen Gückel den Mauerfall
Wolfsburg Stadt Wolfsburg Marienborn: So erlebte der Journalist Jürgen Gückel den Mauerfall
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10:19 09.11.2019
„Wahnsinn“: Auch am Übergang Helmstedt-Marienborn fiel am 9. November 1989 die Grenze. Quelle: Rainer Droese
Helmstedt / Wolfsburg

„So lange ich hier Dienst tue, geht diese Grenze nicht auf!“ Der Grenzschutz-Beamte sagte es im Brustton der Überzeugung. „Wie lange haben Sie denn noch Dienst?“, fragte ich und schaute auf die Armbanduhr. Es war 19.45 Uhr. „Na, vier, fünf Jahre muss ich noch bis zur Pension.“ Zwei Stunden später rollten die Trabbis.

Das Tagwerk war getan – oder doch nicht?

Es war der 9. November 1989, bis dahin ein ganz normaler Arbeitstag. Die tägliche Regionalseite für die Zeitungen in Peine, Gifhorn, Wolfsburg und Harzburg war fertig, die Kollegen der Niedersachsen-Redaktionen von Neuer Presse und Hannoverscher Allgemeiner Zeitung waren bedient. Arbeitsende für die beiden Redakteure im Madsack-Korrespondentenbüro Braunschweig. Zwei Jahre vorher waren Rüdiger Jacobs und ich noch Lokal- und Sportredakteure der PAZ gewesen. Jetzt lieferten wir Neuigkeiten aus dem Raum zwischen Harz und Heide. Unser Tagwerk für diesen Donnerstag war getan.

„Fahr mal nach Helmstedt

Es war ein langer Donnerstag. Der Einzelhandel, der seit Jahrzehnten um 18 Uhr schloss, durfte donnerstags eine Stunde länger verkaufen. Als ich punkt 19 Uhr in unser Geschäft kam, die Babystube nahe des Marktes, räumte meine Frau gerade die Ständer herein. Ich fasste mit an; dann klingelte das Telefon: „Fahr mal nach Helmstedt!“

„Ab sofort, unverzüglich!“

Soeben hatte sich im Internationalen Pressezentrum der DDR in Ostberlin eine Szene abgespielt, die die Welt bewegen würde: Politbüromitglied Günter Schabowski hatte vor Journalisten die neue Reiseregelung der DDR verkündet, hatte Beschränkungen für Reisen in den Westen aufgehoben und auf die Frage des italienischen Journalisten Ricardo Ermann – „Ab sofort?“ – sowie auf Zwischenrufe – „Wann tritt das in Kraft?“ – mit den legendären Worten geantwortet: „Ab sofort, unverzüglich!“ Minuten später verkündete Hans-Joachim Friedrichs in den Tagesthemen: „Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“

Journalist Jürgen Gückel war live dabei, als am Kontrollpunkt Marienborn die Grenze fiel Quelle: privat

Als erster an der Grenze

Ich war der erste an der Autobahn-Kontrollstelle Helmstedt-Marienborn. Jetzt hatte mich der Beamte für verrückt erklärt, seine Kollegen ließen mich nicht weiter vor als bis zur West-Abfertigung, und der spärliche Interzonenverkehr schien an diesem Abend so normal zu laufen wie immer. Selbst jene Autofahrer, die aus dem DDR-Abschnitt der A 2 kamen, wussten von nichts. Niemand hatte Besonderes gesehen. Handys oder Internet gab es noch nicht. Ich hatte mir aus dem Laden genügend Groschen einstecken müssen, um die Kollegen in Hannover zu informieren, falls was passierte.

Nur mal sehen, ob es klappt

Beim ersten Anruf aus der Telefonzelle nahe der BGS-Baracke war ich immer noch allein. Die Kollegen in Hannover versicherten mir, dass in Berlin schon die ersten DDR-Bürger in den Westen strömten. Ich müsse nur weiter warten. Das tat ich ab etwa 20.30 Uhr nicht mehr allein. Kollegen der Braunschweiger Zeitung, der Helmstedter Nachrichten, dann des NDR, von ffn sowie viele freie Journalisten trudelten nach und nach ein. Es muss 21.45 Uhr gewesen sein, als der erste Trabbi kam. Junge Leute, aufgekratzt, mit strahlenden Augen. Sie wollten nur mal sehen, ob es klappt, sagten sie. Wollten eine Runde drehen durch Helmstedt und wiederkommen – wieder zurück in die DDR.

Das Wort dieser Nacht

Das wünschte sich auch die Wartburg-Fahrerin, die als zweite den Schlagbaum passierte. Einen flammenden Appell richtete die Ärztin aus Magdeburg an ihre „sozialistischen Landsleute“. Sie sollten sich nicht blenden lassen, sollten zurückkommen oder gleich daheim bleiben, sollten das gemeinsame Werk des Sozialismus nicht verraten, predigte sie in die Mikrofone – wie auswendig gelernt. Ihr Appell ging im Jubel der nachfolgenden Trabbi-Fahrer unter. „Wahnsinn, Wahnsinn“, das wurde das Wort dieser Nacht. Immer mehr Menschen waren gekommen, hatten Sekt mitgebracht. Viele Politiker darunter, der Helmstedter Rat, Bürgermeister, Landtags- und Bundestagsabgeordnete. Der Verkehr in die Gegenrichtung war längst zum Erliegen gekommen. Die beiden Autobahn-Stücke in Ost- und Westrichtung wurden zu einem riesigen Festplatz. Der Ort, wo Autofahrer mit flauen Gefühlen der Grenzkontrolle entgegenbangten oder die in der Gegenrichtung der Kontroll-Willkür entkommen waren und aufatmeten, war in dieser Nacht eine Partymeile. Und ich kramte immer wieder nach Groschen für die Telefonzelle, musste Scheine wechseln und alles, was sich da abspielte, melden nach Hannover. Dass der Trubel dieser Nacht auf der Autobahn im gleichzeitigen medialen Mauertrubel in Berlin untergehen würde, ahnte ich noch nicht.

Betten? Brauchte niemand

Tief in der Nacht setzte ich mich ins Auto, nahm noch zwei DDR-Bürger, die zu Fuß gekommen waren, mit und fuhr nach Braunschweig. Dort hatten die Behörden inzwischen Notquartiere errichtet. Bundeswehrsoldaten waren nach Hause geschickt worden, damit ausgereiste DDR-Bürger in der Kaserne an der Hamburger Straße ein Bett finden. Doch so viele waren es gar nicht. Die meisten machten durch in dieser Nacht.

Ich auch. Wieder in Helmstedt, traf ich die jungen Leute, die nur einmal die Stadt hatten sehen wollen. Sie waren auf dem Marktplatz mit Freibier versorgt worden und reisten tatsächlich zurück. Gegen Morgen nahm ich zwei junge Frauen mit nach Braunschweig. Sie waren 17, erzählten, dass sie zu Hause in Wernigerode noch nicht in die Disco hatten gehen dürfen. In dieser Nacht aber hatten ihre Eltern ihnen die Koffer gepackt, sie zum Bahnhof gebracht und in den Westen geschickt: „Seht zu, dass ihr rüber kommt!“ Vages Ziel: In Hameln – Adresse auf einem Zettel – soll es Verwandte geben. Sie waren mit der Bahn nach Halberstadt, dann nach Magdeburg gefahren, waren zu Fuß zur Autobahn gelaufen und hatten getrampt bis zur Grenze. Jetzt wollten sie nach Braunschweig – „es soll doch 100 Mark Begrüßungsgeld geben“.

Der erste Kaufrausch

Auf der Autobahn bei Tempo 130 wurde meine Beifahrerin immer kleiner. So schnell war sie noch nie gefahren. Ob ich etwas langsamer...? Nein, in die Kaserne, wo die Betten warteten, wollten sie nicht. Sie wollten doch schon mal sehen, was man für 100 Mark im Westen so kaufen kann. Ob sie bis Hameln gekommen sind? Tatsächlich öffneten die Geschäfte bereits, als ich die beiden Freundinnen in Braunschweig vor Karstadt absetzte und sie mit dem Wort dieser Nacht im Eingang des Kaufhauses verschwanden: „Wahnsinn!“

Von Jürgen Gückel

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