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Stadt Wolfsburg Foodsharing: So kämpft diese Initiative gegen Verschwendung
Wolfsburg Stadt Wolfsburg Foodsharing: So kämpft diese Initiative gegen Verschwendung
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11:16 03.08.2019
Gegen Verschwendung: Foodsharing kämpft gegen das Wegschmeißen von eigentlich noch verzehrbaren Lebensmitteln an. Quelle: dpa
Wolfsburg/Gifhorn/Peine

Die Zahlen sind erschreckend und eigentlich kaum zu glauben: 18 Millionen Tonnen Lebensmittel wandern in Deutschland jedes Jahr unverbraucht in den Müll. Nach Berechnungen des Landwirtschaftsministeriums schmeißt jeder Deutsche jährlich 82 Kilo Lebensmittel einfach weg – umgerechnet sind das ungefähr 235 Euro, die wortwörtlich für die Tonne sind. „Das ist angesichts hungernder Menschen eine Katastrophe. Zumal die unnötige Überproduktion auch Auswirkungen auf die Preise auf dem Weltmarkt und die CO2-Emissionen hat, denn auch die Ressourcen für Anbau, Ernte, Produktion und Verpackung sind verschwendet“, sagt Anna-Maria Spezia Kaiser. Die Wolfsburgerin ist Botschafterin für die InitiativeFoodsharing“. Diese hat es sich auf die Fahnen geschrieben, der Lebensmittelverschwendung Einhalt zu gebieten und rettet dafür Gemüse, Obst und Co. vor den Mülltonnen.

Hier ein Video von einer Abholung der „Foodsaver“ aus Wolfsburg mit Anna-Maria Spezia beim Edeka Markt in Lehre:

25 Millionen Kilo wurden bundesweit gerettet

Mittlerweile umfasst die erst 2012 gegründete Initiative bundesweit fast 60.000 aktive Mitglieder, die sich selbst gerne Lebensmittelretter oder „Foodsaver“ nennen. Auf den Foodsharing-Plattformen, auf denen beispielsweise Lebensmittel geteilt werden, sind sogar 270 000 Mitglieder registriert. Insgesamt wurden durch Foodsharing bundesweit bei etwa 1,6 Millionen Rettungseinsätzen bereits fast 25 Millionen Kilogramm an Lebensmitteln vor dem unnötigen Wegschmeißen bewahrt. 5 650 Betriebe, darunter zumeist Restaurants, Bäckereien oder Supermärkte aber auch Kantinen oder sogar ganze Festivals, kooperieren mit Foodsharing.

Betriebe haben feste Ansprechpartner

„Jeder Betrieb hat dann bei uns feste Ansprechpartner. Wir holen die Lebensmittel zu vereinbarten Zeitpunkten – entweder regelmäßig oder auf auch kurzfristig auf Abruf bei den Kooperationspartnern ab“, erklärt Spezia Kaiser. „Diese sparen dabei natürlich Entsorgungskosten.“ Und lernen mitunter, sorgsamer zu wirtschaften. „Wir merken bei den meisten unserer Partner eine Besserung. Die Abfälle werden deutlich weniger, weil sie sich durch die Kooperation bewusst damit beschäftigen. Das macht uns dann sehr stolz, denn unser Ziel ist es, uns selbst unnötig zu machen“, berichtet sie.

Das meiste wird in Privathaushalten weggeschmissen

Dabei sind die Betriebe gar nicht unbedingt die größten Verschwender. „Das Meiste wird in Privathaushalten weggeschmissen“, weiß Spezia Kaiser. „Da fehlt einfach die Wertschätzung für Lebensmittel und auch für die Produzenten. Wenn man sich mal überlegt, wie viel Arbeit in einem Brot steckt und wie lang der Weg der Banane zu uns ist. Und dann wird das Produkt einfach weggeworfen. Oder nur weil ein Apfel angeditscht ist, wird die ganze Packung weggeworfen. Das ärgert mich maßlos“, erzählt sie.

Nicht-Wissen führt zu Verschwendung

Vor allem auch, weil vieles mit Nicht-Wissen zusammenhängt. „Das Mindesthaltbarkeitsdatum heißt nicht, dass man das Produkt danach nicht verzehren kann. Früher sind wir auch mit der Kanne Milch holen gegangen, da hat uns keiner ein Haltbarkeitsdatum genannt“, argumentiert sie. Die Penibilität und das Nicht-Wissen der Konsumenten, führten auch zu mehr Verschwendung im Handel. Spezia Kaiser: „Etliche Tonnen Lebensmittel gelangen gar nicht erst in den Verkauf, weil der Konsumverbraucher sagt: Das sieht nicht mehr schön aus!“ Dieser Verschwendung tritt Foodsharing mit Aufklärung in allen Nachhaltigkeitsthemen und natürlich ihren „Rettungseinsätzen“ entgegen.

Verteilt werden die Lebensmittel dann auf unterschiedlichste Weise. „Vieles wird über unsere Whats-App- oder Facebookgruppe verteilt. Wir haben aber auch feste Abgabestellen wie Flüchtlingsheime, ein Seniorenwohnheim, das Frauenhaus oder, wenn die Lebensmittel für den Menschen wirklich nicht mehr genießbar sind, verteilen wir sie auch an Tiere“, erklärt die Botschafterin. In manchen Regionen gibt es auch sogenannte „Fair-Teiler“; feste, öffentlich zugängliche Orte, an denen die Lebensmittel bereit gestellt werden.

Keine Konkurrenz zur Tafel

An der Verteilungspraxis kann man erkennen: „Es geht uns nicht um Bedürftigkeit, bei uns kann jeder mitmachen. Wir sind keine Konkurrenz zur Tafel“, betont Spezia Kaiser. Die Tafel selbst kooperiert sogar mit Foodsharing, denn auch dort fallen hin und wieder Abfälle an. Und viele der von den Ehrenamtlichen „Foodsavern“ geretteten Lebensmittel kommen für die Tafel aus unterschiedlichen Gründen gar nicht in Frage. „Das Retten der Lebensmittel, das Reduzieren der Verschwendung steht für uns an erster Stelle“, so Spezia Kaiser.

Als Überzeugungstäter könnte man die Foodsaver deshalb am besten beschreiben. Spezia Kaiser ist dafür das beste Beispiel. Sie ernährt sich mittlerweile so gut wie vollständig von geretteten Lebensmitteln, obwohl sie es wirtschaftlich nicht nötig hat. „Man kann davon gut leben, aber natürlich hat man Einschränkungen“, sagt sie. Doch die nimmt sie gerne in Kauf. Denn: „Ich hasse es einfach, Essen wegzuschmeißen.

Wie wird man Foodsaver?

Grundsätzlich ist jeder bei Foodsharing willkommen und kann sich über die Plattform www.foodsharing.de anmelden. Um zu gewährleisten, dass die Verhaltensregeln der Initiative eingehalten werden, muss vorher allerdings ein kleines Quiz mit Lebensmittelfragen bestanden werden. Zudem gilt es eine Rechtsvereinbarung zu unterschreiben. Mit dieser haftet man für alle etwaigen Schäden, die mit der Verteilung von geretteten Lebensmitteln entstehen. Eine private Haftpflichtversicherung ist deshalb prinzipiell notwendig, um aktiver Foodsaver zu werden. Anschließend werden neue Mitglieder von erfahrenen Foodsaver auf Rettungsaktionen mitgenommen und ausgiebig eingewiesen. „Wichtig ist dabei immer ein respektvoller, höflicher Umgang untereinander und mit allen Kooperationspartnern“, betont Anna-Maria Spezia Kaiser.

Von Steffen Schmidt

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