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Stadt Wolfsburg „Die Welt muss es sehen“: Uigure aus Wolfsburg fürchtet um Familie und Volk in Xinjiang
Wolfsburg Stadt Wolfsburg „Die Welt muss es sehen“: Uigure aus Wolfsburg fürchtet um Familie und Volk in Xinjiang
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00:19 03.06.2019
Osman Tursun: Der Uigure kam schon 1996 aus Xinjiang in China nach Deutschland. Hier protestiert er jetzt gegen Umerziehungs-Lager, in denen auch seine Familienmitglieder in der alten Heimat sein sollen. Quelle: Britta Schulze
Wolfsburg

Osman Tursun hat nach eigenen Angaben allen Grund zu schweigen: Die chinesische Geheimpolizei habe ihn in Wolfsburg persönlich angerufen und damit gedroht, seine Familie in der Region Xinjiang zu töten, erzählt der 65-Jährige, der in Deutschland für einen unabhängigen Staat Ostturkistan in der ehemaligen Heimat demonstriert. Osman Tursun gehört zur Volksgruppe der Uiguren. Er will reden. Auch um VW-Chef Herbert Diess noch klarer zu machen, wie die Situation seiner Angehörigen rund um das VW-Werk mitten im Unruheherd konkret aussieht. Diess war im April in die Kritik geraten, als er Fragen eines Journalisten zu den „Educationcamps“ in Xinjiang abblockte. Angst vor Konsequenzen durch die chinesische Regierung habe er selbst nicht, sagt Osman Tursun, denn: „Schlimmer kann es nicht werden.“

„Mich auszuliefern rettet niemanden“

Eine Dolmetscherin unterstützt beim Gespräch mit der WAZ, weil Osman Tursun fürchtet, dass er in gebrochenem Deutsch nicht alles Wichtige vermitteln kann. 1996 floh er nach Deutschland und 2003 holte er seine zweite Frau, mit der er sieben Kinder zwischen vier Monaten und 16 Jahren hat, über die Türkei nach. Seine erste Frau und zwei seiner Söhne, die er 1996 zurückließ, seien in Xinjiang im Gefängnis, berichtet er. Die Regierung dort spricht von Umerziehungslagern. „Eine Ausrede, eine Lüge!“ Der dritte und jüngste Sohn Emet, 26 Jahre alt, verstecke sich zur Zeit in der Türkei. Auch er sei ein Jahr lang in einem Lager gewesen, dann aber von der Geheimpolizei nach Dubai geschickt worden. Als Lockvogel. „Ich sollte mich dort mit ihm treffen, weil die Vereinigten Arabische Emirate anders als Deutschland Uiguren nach China ausliefern“, erklärt Tursun. Sein Sohn habe ihm offen gesagt, worum es geht. Tursun riet statt dessen zur Flucht. Retten würde seine Auslieferung letztlich niemanden, ist er überzeugt. Unruhen und Gewalt prägen seit Jahrzehnten, eigentlich sogar seit Jahrhunderten das Verhältnis zwischen Chinesen und Uiguren.

Uiguren in Xinjiang

Die Uiguren bilden die größte turksprachige Bevölkerungsgruppe im Gebiet Xinjiang, das in China an der Grenze zu Kasachstan liegt. Verschiedenen Quellen zufolge waren sie ursprünglich ein Zusammenschluss verschiedener Steppenvölker aus der Mongolei und der Türkei sowie dem Iran. Ein Großreich der Uiguren gab es im ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung für kurze Zeit in der Mongolei, nach dessen Zerschlagung wurde ein kleinerer Staat im heutigen Xinjiang (Neuland) gegründet, der allerdings offiziell schon im 14. Jahrhundert unterging. Es folgte einer Zeit der Warlords.

Der Oberbegriff Uiguren setzte sich erst ab etwa 1930 durch. Damals gab es auch Bestrebungen, einen autonomen Staat Ostturkestan auf dem Gebiet Xinjiangs zu gründen. Der Plan scheiterte, bleibt aber bis heute Wunsch vieler Uiguren und führte immer wieder zu Unruhen mit vielen Toten. Dabei gibt es auch gewalttätige Separatisten: Die „Ostturkestanische Muslimische Bewegung“ wurde von der UNO und den USA als Terrororganisation eingestuft, die Auslieferung von Terror-Verdächtigen an China lehnen die USA allerdings ab.

Xinjiang ist ein Zentrum der chinesischen Rüstungsindustrie – und seit 2013 auf Wunsch der Chinesen Standort eines Volkswagenwerks. Man wolle in der krisengeschüttelten, ärmlichen Region Aufbauarbeit leisten, hieß es vor der Eröffnung von einem Konzernsprecher. 25 Prozent der Beschäftigten sind keine Han-Chinesen. Das ist eine Besonderheit für die Region, in der Uiguren sonst kaum eine Chance auf eine Anstellung haben oder laut Schilderungen einer WAZ-Informantin sogar enteignet wurden. Aber seit 2016 hat Parteichef Chen Quanguo in der Region das Sagen – und die Situation für die Uiguren hat sich unter seiner harten Hand noch verschlechtert. In den sogenannten Umerziehungslagern der Region waren Schätzungen zufolge zeitweise bis zu 3 Millionen der etwa 10 Millionen Uiguren zwangsweise untergebracht.

Der Zusammenhalt der Uiguren entsteht vor allem durch die gemeinsame Sprache und Kultur sowie Familienbande – und auch dadurch, dass sie quasi seit Jahrhunderten Ausgrenzung und Restriktionen durch chinesische Regierungen ausgesetzt sind. Rund neun Zehntel leben auf dem Gebiet der Volksrepublik China. In Deutschland gibt es etwa 600 – die meisten rund um München.

Unruheherd: Im Jahr 2009 gab es zuletzt die heftigsten Zusammenstöße von Uiguren und der chinesischen Polizei in Xinjiang. 2013 baute VW auf Drängen der Regierung in der Region eines von acht Werken in China. Quelle: Vectur

Seit drei Jahren werde es immer schlimmer, sagt Osman Tursun und zeigt Fotos von seinen Brüdern mit ihren Familien – einer sei tot, der andere abgeholt und lebe wahrscheinlich auch nicht mehr. Die gemeinsame Mutter sei bereits erschlagen worden, als er selbst sechs Jahre alt war. Seine Stimme wird lauter. „Hier darf man nicht mal einen Hund umbringen. Dort sterben Menschen, einfach so, jeden Tag“, sagt er.

Schockierendes Bild

Nach den Berichten im April mit Kritik an VW-Chef Herbert Diess hat Tursun Hoffnung geschöpft, dass sich hierzulande doch jemand für die Situation interessiert und dass der Druck auf China durch Diplomaten und Wirtschaft steigt. Krieg wolle er nicht, aber: „Die ganze Welt muss wissen, was passiert!“ Seine zweite Frau sucht auf dem Handy ein Foto heraus. Es zeige Emet bei seiner Rückkehr aus dem Lager, erklärt sie. Und es erinnert frappierend an Bilder, die die Alliierten 1945 von KZ-Häftlingen machten. Viele, die aus den Umerziehungslagern entlassen würden, überlebten nur wenige Tage, sagt Tursun. Da gehe es nicht um Erziehung oder Bildung, sondern darum, die Menschen zu brechen. Und Terroristen seien das auch nicht. Bauern würden genauso interniert wie Künstler und Studenten. Wer im Ausland studiert hat, werde als besondere Gefahr eingeschätzt. Pässe wurden einkassiert. „Uigure zu sein heißt Schuld zu sein“, so Tursun.

Handyfoto: Laut Familie Tursun zeigen die beiden Bilder den 26-jährigen Uiguren Emet vor und direkt nach dem Aufenthalt in einem der sogenannten Umerziehungslager in China. Quelle: privat

Er sei kein Terrorist, versichert er. Ein Nationalist ist er allerdings schon – das zeigt nicht nur die blaue Fahne mit dem weißen Halbmond an der Wand. Wenn die Uiguren nicht mehr von den Chinesen unterdrückt werden, wolle er mit seine Familie zurück nach Ostturkestan, sagt der 65-Jährige. Seine Frau (46) schüttelt traurig lächelnd den Kopf und streicht der dreijährigen Tochter Hadice übers Haar. Sie glaubt offensichtlich nicht daran, dass sich schnell etwas ändert. Vielleicht geht ja ein etwas kleinerer Wunsch in Erfüllung: Tursun hofft auf Hilfe, um den 26-Jährigen Emet nach Deutschland zu holen. Hier sei es sicherer als in der Türkei.

Von Andrea Müller-Kudelka

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