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Stadt Wolfsburg Diabetes: Die Krankheit, die sich in den Körper schleicht
Wolfsburg Stadt Wolfsburg Diabetes: Die Krankheit, die sich in den Körper schleicht
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06:00 02.11.2019
Moderne Technik erleichtert ihren Alltag als Diabetikerin: Medizinisches Gerät hat die Gifhornerin Elke Simon stets dabei. Quelle: Sebastian Preuß
Gifhorn/Peine/Wolfsburg

Die Gefahr kommt schleichend – es gibt fast keine Warnsignale. „Man merkt es nicht, hat keine Schmerzen“, sagt Elke Simon. Dabei leidet die Gifhornerin unter einer gefährlichen Krankheit: Sie hat Diabetes Typ 1, die extremste Form des Zuckers. Rund um die Uhr diktiert der Blutzuckerspiegel Elke Simons Tagesablauf – und nicht nur den eigenen. „Familie, Kollegen, alle, die mit einem zu tun haben, müssen Bescheid wissen“, sagt die 55-Jährige.

„Da passiert schon nichts“

Die Krankheit kam über Nacht in ihr Leben. Da war sie gerade einmal 16 Jahre alt. Eine schwere Grippe hatte die Jugendliche damals niedergestreckt. „Extrem Durst“ hatte sie, erinnert sie sich. Nach einem Arztbesuch brach sie plötzlich zusammen, kam ins Krankenhaus. Der dort gemessene Blutzuckerwert war astronomisch hoch.

Die Diagnose stand schnell fest: Diabetes 1. „Bei uns in der Familie war das gar nicht so bekannt. Und ich selbst habe das gar nicht so ernst genommen“, erinnert sie sich an die Anfänge der Krankheit. „Da passiert schon nichts, habe ich gedacht.“ Ein Trugschluss, der sich schnell rächte und ihr den nächsten Krankenhausaufenthalt bescherte. Das war das entscheidende Hallo-wach-Signal. Denn von dort ging es direkt zur Diabetes-Klinik nach Bad Lauterberg.

Wenn der Blutzuckerspiegel macht, was er will: Millionen Deutsche leiden an Diabetes. Was das im Alltag bedeutet, zeigt die Gifhornerin Elke Simon.

Und dort begann der quälende Alltag: mit festem Diät-Plan, Blutzuckermessung und Insulinspritze. Der Albtraum einer 16-Jährigen, sagt Elke Simon – heute kann sie darüber lachen. Aber damals fiel es ihr schwer, sich all das zu versagen, was sie so gern gegessen oder getrunken hätte. „Tranken andere Cola, gab’s bei mir Wasser.“

Enormer medizinischer Fortschritt

Seit damals hat sich auf dem Gebiet der medizinischen Versorgung Diabetes-Kranker eine Menge getan. Längst hat ein Sensor auf der Haut die Funktion des Messgeräts mit Bluttropfenpieksen abgelöst. Auch die Zeiten der speziellen Diabetiker-Diät sind Geschichte. Was bleibt, ist die Rund-um-die-Uhr-Überwachung des Blutzuckerspiegels. „Das beginnt schon morgens vor dem Aufstehen und geht weiter mit dem Frühstück – zwei Toast sind zehn Broteinheiten“, schildert Simon. Nachschlagen muss sie den Nährwert von Lebensmitteln längst nicht mehr. „Das weiß man mit der Zeit.“ Entsprechend ist die Insulinzufuhr von ihr zu regulieren.

Vor jeder Autofahrt ein Blutzucker-Test

Trotzdem kann ihr Blutzuckerwert ganz plötzlich Achterbahn fahren. Da ist es wichtig, dass nicht nur die Familie im Thema ist. Denn Höhen und Tiefen können blitzartig kommen, und dann ist schnelles Handeln wichtig. Vor jeder Autofahrt testet Elke Simon ihren Blutzucker. „Im Auto ist vorsichtshalber immer Apfelsaft.“ Auch bei der Arbeit als Verkäuferin ist die Krankheit stets präsent. Da rennt dann auch schon einmal ein Kollege los und besorgt ihr eine Notfall-Cola, um ihren Blutzuckerspiegel wieder aus dem Keller zu kriegen.

Regelmäßige Besuche beim Diabetologen sind nicht alles. „Auch auf die Augen und Füße muss man achten, man sitzt ständig beim Arzt“, sagt Simon. Ihr ständiger Begleiter ist ein Messgerät und Insulinvorrat. Zum Urlaubsgepäck gehört dann zusätzlich noch ein ganzer Karton voller Gerätschaften.

Ganz normale Kaffeerunde

Nach dem Gespräch in der Redaktion geht’s zur Kaffeerunde mit anderen Diabetikern.

Genuss trotz Diabetes – kein Problem mehr dank des Medizinischen Fortschritts. Quelle: Sebastian PreußSebastian Preuß

Versagen muss sich Elke Simon nichts mehr, auch das ist anders als früher. „Das kann ich gut ausgleichen dank des medizinischen Fortschritts.“ In der Gruppe ist sie als Diabetikerin Typ 1 eine „Exotin“, ihre Krankheit ist genetisch bedingt. Zu ihrer großen Erleichterung hat ihr inzwischen erwachsener Sohn sie aber nicht geerbt. „Davor hatte ich damals die größte Angst.“

Diabetes: Die wichtigsten Fakten

In Deutschland leiden aktuell rund 8 Millionen Menschen an Diabetes. Nach Angaben der Deutschen Diabeteshilfe weiß von diesen 6 Millionen jeder Fünfte – also 1,3 Millionen – nichts von der Erkrankung. 300 000 Erkrankte sind Typ-1-Diabetiker, die meist von Kindesbeinen an lebenslang Insulin zuführen müssen. Diabetes Typ 2 tritt meistens nach dem 40. Lebensjahr. Zu wenig Bewegung, falsche Ernährung können unter anderem Ursache einer Erkrankung sein. Gerade zu Beginn der Erkrankung lassen sich daher mit einer Umstellung des Lebensstils Symptome lindern.

Diabetes-Kranke: Auch in der Region steigen die Zahlen

Diabetes, das unterschätzte Risiko: Die Fallzahlen in der Region steigen, alle Altersklassen sind betroffen. Und dennoch: „Das Thema ist in dieser Region noch unterbelichtet“,sagt Arnfred Stoppok, Landesvorsitzender von Diabetiker Niedersachsen, über den Bereich Gifhorn, Wolfsburg und Peine.

Das hänge sicher auch mit dem Wesen der Krankheit zusammen. Denn: Diabetes schleicht sich erst einmal unbemerkt in den Körper. So ist es fast kein Wunder, dass der Verband beim Tag der Niedersachsen in Wolfsburg im Jahr 2017 an seinem Infostand bei seinem Diabetes-Risiko-Test viele Menschen entdeckte, die die Krankheit haben, es aber noch gar nicht wussten. Drei Tage waren Stoppok und sein Team in der VW-Stadt. „Immer mehr haben dann bei uns nachgefragt, ob es in Wolfsburg eine Selbsthilfegruppe gibt.“ Die gibt es in der Tat schon seit vielen Jahren, angedockt ist sie bei KISS in der Saarstraße.

Stoppok schätzt den Bedarf an Austausch und Hilfsangeboten aber als noch größer ein. Viele würden sich vermutlich aufs Internet als Informationsquelle verlassen. Aber das sei höchstens zweite Wahl. Den persönlichen Austausch in Selbsthilfegruppen kann das Netz nicht ersetzen.

Helfen kann es aber sehr wohl. Stoppok wünscht sich beispielsweise für Familien, in denen ein Kind an Diabetes erkrankt ist, digitale Selbsthilfe zum Beispiel in Form von Whatsapp-Gruppen.

In Wolfsburg sind nach Schätzungen rund 11 000 Menschen von Diabetes betroffen. Die Selbsthilfegruppe Helmstedt-Wolfsburg trifft sich jeden ersten Mittwoch im Monat um 19.30 Uhr bei Kiss in der Saarstraße, Kontakt über Michael Schimschar, Tel. (0 53 57)15 85.

Im Landkreis Gifhorn dürfte die Zahl der Diabetiker bei fast 17 500 liegen. Die Selbsthilfegruppe Gifhorn trifft sich am 2. Montag im Monat im Gesundheitsamt, Eingang Wilhelmstraße, 19 bis 21 Uhr. Kontakt über Heinrich Jördens, Tel. (0 53 71)5 80 48.

Im Landkreis Peinesind rund 13 000 Menschen Diabetiker. Die Selbsthilfegruppe Bülten trifft sich jeden 3. Dienstag im Monat im Bürgerzentrum Bülten, Goethestraße 2, von 19.30 bis 21 Uhr. Kontakt über Gerhard Bässler, Tel. (0 51 72) 64 85.

Von Andrea Posselt

Spritzen, Messen, strenge Diät – die Qualen, unter denen Diabetes-Patienten früher zu leiden hatten, sind Vergangenheit. Trotzdem ist mit Diabetes nicht zu spaßen. Die Krankheit sich meist unbemerkt ins Leben ein. Wer an unserer WAZ-Umfrage teilnimmt, kann einen 100-Euro-Gutschein der Konzertkasse gewinnen.

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