Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Stadt Wolfsburg Corona erschwert den Alltag im Wolfsburger Tagestreff „Carpe Diem“
Wolfsburg Stadt Wolfsburg

Corona erschwert den Alltag im Wolfsburger Tagestreff „Carpe Diem“

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 05.11.2020
Wenig Platz: Jasmin Hinze (Mitte) zeigt den Speiseraum des Carpe Diem, in dem aufgrund der Abstandsregeln nur zwei Personen sitzen können. Quelle: Boris Baschin
Anzeige
Wolfsburg

Abstand halten, das soziale Leben einschränken und Kontaktdaten hinterlassen: All diese Maßnahmen schützen vor der dem Coronavirus und sind vor dem Hintergrund der steigenden Infektionszahlen noch wichtiger geworden. Doch was machen sie mit Menschen, die wohnungslos oder hilfebedürftig und deshalb auf soziale Einrichtungen angewiesen sind? Jasmin Hinze, Leiterin des diakonischen Tagestreffs „Carpe Diem“, hat der WAZ beschrieben, wie sehr die Corona-Auflagen ihre Arbeit erschweren.

Der Tagestreff Carpe Diem ist für viele eine Ersatzfamilie

Das Carpe Diem ist eine Beratungsstelle und ein Treffpunkt für Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Zwei Besucher sitzen am Dienstag bereits gegen 11 Uhr im Speiseraum des Treffs in der Poststraße und warten auf ihr Mittagessen. Kotelett soll es heute geben. Draußen im Hof stehen bereits vier weitere Personen. Sie können erst hinein, wenn der Speiseraum wieder leer ist, oder müssen sich ihr Essen mitnehmen.

Anzeige
Eine warme Mahlzeit: Koch Thomas Krücker muss das Essen aufgrund der Corona-Auflagen alleine zubereiten. Viele Besucher nehmen es mit, da es im Tagestreff nur wenige Sitzplätze gibt. Quelle: Boris Baschin

Die Schutzmaßnahmen seien wichtig und richtig, betont Hinze. Trotzdem möchte sie auf die Nöte aufmerksam machen, vor die Corona die Besucher ihrer Einrichtung stellt. „Wir sind nach wie vor geöffnet und zugänglich für Menschen in einer Notlage“, betont die Leiterin des Carpe Diem. Aber: Seit dem Beginn der Pandemie leide die Gemeinschaft stark. „Für viele ist der Treff eine Ersatzfamilie“, berichtet Hinze. Der Spirit in der Einrichtung sei durch die Pandemie ein anderer geworden.

Die Geselligkeit geht in den kleinen Räumen des Carpe Diem durch die Abstandsregeln verloren

Im rund 22 Quadratmeter großen Speiseraum hätten früher teilweise 18 Leute zusammen gegessen – jetzt sind nur noch zwei erlaubt. „Und das ist unser größter Raum“, verdeutlicht Hinze die Problematik. Hinze sieht die Gefahr, dass Menschen vereinsamen. Auch, weil die Mitarbeiter durch die Begrenzungen weniger Zeit für jeden Einzelnen hätten. Der Winter verschärfe das Problem: „Was die psychische Belastung betrifft, haben wir große Sorgen.“

Anonymität ist nicht mehr möglich: Wer sich im Tagestreff aufhalten will, muss zunächst bei Mitarbeiter Jan Werbik seine Kontaktdaten hinterlassen. Quelle: Boris Baschin

Neben der fehlenden Gesellschaft bringt laut Hinze auch die Erfassung der Kontaktdaten Probleme mit sich: „Vor Corona sind die Menschen einfach durch die Tür gekommen, ohne, dass sie ihre Daten hinterlassen mussten. Uns hat nur das Hier und Jetzt interessiert. Diesen Schutz der Anonymität möchten viele nicht verlassen.“ Die Folge: Die Bedürftigen wenden sich unter Umständen nicht mehr an die Einrichtung oder können die benötigte Unterstützung nicht in Anspruch nehmen. Der Tagestreff habe laut Hinze seine Niedrigschwelligkeit verloren: „Und die war unsere große Stärke.“

Der Kontakt übers Telefon kann das persönliche Gespräch nicht ersetzen

Um für die Menschen da zu sein, die nicht mehr vorbeikommen, versuchen Hinze und ihre Kollegen verstärkt den Kontakt über Telefonate aufrecht zu erhalten: „Es ist aber total schwierig, Empathie und Nähe durch das Netz zu schleusen.“

Helfen könnten dem Tagestreff höchstens größere Räumlichkeiten – doch bezahlbare Räume in zentraler Lage seien in Wolfsburg kaum zu finden.

Lesen Sie auch

Von Melanie Köster