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Stadt Wolfsburg Abschied vom Turbo-Abi: Warum Schüler 13 Jahre lernen gut finden
Wolfsburg Stadt Wolfsburg Abschied vom Turbo-Abi: Warum Schüler 13 Jahre lernen gut finden
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00:21 25.06.2019
Tschüss, Turbo-Abi: Schüler, Eltern und Lehrer sehen in dem einen Jahr mehr Zeit fürs Lernen viele Vorteile. Quelle: dpa Archiv
Peine/Gifhorn/Wolfsburg

Tessa Marotz gehört zu jenen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, die ein Stück weit schulpolitische Geschichte schreiben. Die 17-jährige Peinerin ist am Gymnasium am Silberkamp bis zu den Ferien noch im elften Jahrgang. „Somit bin ich der erste Jahrgang, der wieder nach 13 Jahren (G9) Abitur macht.“ Ein Jahr länger Schule bedeutet aus ihrer Sicht, „mehr Zeit, um die teilweise komplexen Themen zu erlernen und zu vertiefen und nicht wie in den vergangenen Jahren von einem Thema zum Nächsten zu hetzen, so dass am Ende nur noch die Hälfte mitgekommen ist“.

Der entzerrte Unterricht verschaffe künftig auch die Möglichkeiten, ein Auslandsschuljahr einzulegen, sagt Philip Knotz aus der 10.1 des Gifhorner Otto-Hahn-Gymnasiums. Viele seiner Mitschülerinnen und Mitschüler nähmen das in Anspruch.

„Was sich herausgestellt hat ist, dass der Lehrstoff aus 13 Jahren nicht in zwölf zu verpacken ist“, sagt Alexander Paul aus Wolfsburg, der auch im Vorstand des Stadtelternrats ist. „Aus meiner persönlichen Einschätzung war es eine richtige Entscheidung“, bewertet er die Rückkehr zum G9. „In den zwölf Jahren blieb manches auf der Strecke.“ Etwa Tiefgang beim Stoff, aber auch die Kreativität. „Das ist so wertvoll, dass man den Kindern das 13. Schuljahr gönnen sollte.“

„Die meisten Kollegen begrüßen das“, sagt Dr. Wolfram Bartsch, Leiter des Ratsgymnasiums in Peine. Mehr Zeit zum Lernen führt auch er als Hauptgrund an. Ein Jahr mehr mache viel aus. Etwa bei Reife und Überblick. Und mit G8 seien zum Beispiel einige mathematische Probleme viel zu früh auf die Schüler zugekommen. Künftig tauche der Stoff auf, wenn sie dafür zugänglicher seien.

Marotz und Knotz sehen durchaus auch Kehrseiten von G9. Das zusätzlich Jahr fehle auf dem späteren Berufsweg. Die Vorteile des Turbo-Abis: „Abiturientinnen und Abiturienten können schneller ins Berufsleben einsteigen, Unternehmen kriegen früher qualifizierte Arbeitskräfte, nach dem Abitur ist Platz für ein ,Gap Year’ oder ein FSJ“, sagt Knotz.

Das Abi nach zwölf Jahren sei keinesfalls abgeschafft, sagt Bartsch. Für Überflieger gebe es die Möglichkeit der Abkürzung. Allerdings: „Es muss gut überlegt sein, welches Schuljahr man überspringt.“

Wolfsburg muss nur ein Gymnasium anbauen

Von den fünf Wolfsburger Gymnasien sind drei – die Standorte Vorsfelde, Ratsgymnasium, und Fallersleben– auf jeden Fall auch baulich fit für G9. Das teilte die Stadtverwaltung mit. Eigentlich auch Westhagen, doch dafür prüfe die Stadt gerade die Umsetzung eines Modells der öffentlichen-privaten Partnerschaft.

Ergänzungsbedarf gibt es beim Standort Theodor-Heuss-Gymnasium. Dort muss die Stadt anbauen, um die notwendigen Räume für den Unterricht bereit zu stellen. „Dies umfasst sowohl allgemeine Unterrichtsräume als auch Fachunterrichtsräume“, erläutert Jan-Niklas Schildwächter von der Pressestelle. „Die Gesamtkosten im Jahr 2019 für die Planung des Hochbaus, der Außenanlagen und der Einrichtung und Ausstattung betragen insgesamt 366.000 Euro.“ Die konkreten Kosten der baulichen Umsetzung des Bauvorhabens dürften ihm zufolge aber erst nach Abschluss dieser Planungsphase vorliegen. „Hierzu wird zu gegebener Zeit dem Rat ein weiterer Beschlussvorschlag vorgelegt.“

Erfahrungen der IGS mit G9: „Lernstress blieb unseren Schülern erspart“

Das Abitur nach 13 Jahren ist in Niedersachsen kein Neuland. Bis 2011 galt es an Gymnasien, bis heute gilt es noch an den Gesamtschulen. Die WAZ sprach mit Rolf Maskus, den Leiter der IGS Sassenburg im Kreis Gifhorn.

Rolf-Dieter Maskus. Quelle: Ron Niebuhr

Der fehlende Abiturjahrgang im kommenden Jahr ist gerade ein schulpolitisches Thema, aber er fehlt ja nicht ganz. Die Gesamtschulen haben ja bereits das Abitur nach neun Jahren. Wie viele Abiturienten wird Ihre IGS Sassenburg voraussichtlich 2020 entlassen, Herr Maskus?

Maskus: Im nächsten Schuljahr werden etwa 85 Schülerinnen und Schüler an der IGS Sassenburg am Abitur teilnehmen.

Wie bewerten Sie pädagogisch das Abitur nach neun Jahren anhand Ihrer eigenen Erfahrungen?

In diesem Schuljahr haben unsere Schülerinnen und Schüler erstmalig am Abitur teilgenommen. Gesamtschulen in Niedersachsen haben schon immer das Abitur nach 13 Jahren (G9) durchgeführt. Nur an den Gymnasien wurde ab 2011 die Schulzeit von 13 Jahren (G9) auf 12 Jahre (G8) verkürzt. In der Folge wurden am Gymnasium Pflichtstunden verändert und der Unterrichtstoff der Jahrgänge 11 bis 13 verdichtet, zum Teil auch in das zehnte Schuljahr vorverlagert. Viele Gymnasiasten klagten in dieser Zeit über sehr hohe Belastungen, Lernstress, weniger Freizeit für außerschulische Aktivitäten und Probleme im Lernverhalten. Das blieb den Schülerinnen und Schülern von Integrierten Gesamtschulen erspart.

Hatte das G8 in den vorigen Jahren Auswirkungen auf das Wahlverhalten von Eltern, sich für die IGS und damit G9 zu entscheiden?

In Gesprächen über den Grund der Anwahl der IGS gab es auch Eltern, die befürchteten, ihr Kind würde den erhöhten Anforderungen von G8 und dem damit verbundenen Stress nicht standhalten können. Aber sie bildeten keinesfalls die Mehrheit. Sehr viel häufiger äußerten Eltern, dass sie das Gesamtkonzept der IGS Sassenburg überzeugt habe. Kein Sitzenbleiben, eine attraktive Ganztagsbeschulung mit interessanten Arbeitsgemeinschaften, kein Notendruck und damit ein entspanntes Lernen in den Jahrgängen fünf bis acht, sehr viel aussagekräftigere Leistungsrückmeldungen in Form von Lernentwicklungsberichten an Stelle der sonst üblichen Notenzeugnisse, eigene Erfahrungen der Eltern, die früher selbst Schülerinnen und Schüler einer IGS waren, aber durchaus auch der Wunsch nach wohnortnaher Beschulung wurden sehr viel häufiger als Begründungen für die Anwahl unserer IGS benannt.

Von Dirk Reitmeister

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