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Stadt Wolfsburg 50 Jahre Tunesier in Wolfsburg: „Vom Bandarbeiter zum Fachreferenten“
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50 Jahre Tunesier in Wolfsburg: Interview mit Hattab Hicheri

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08:00 29.12.2020
50 Jahre in Wolfsburg: Hattab Hicheri kam als 20-Jähriger in die VW-Stadt.
50 Jahre in Wolfsburg: Hattab Hicheri kam als 20-Jähriger in die VW-Stadt. Quelle: Britta Schulze
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Wolfsburg

Vor 50 Jahren sind die ersten Tunesier als Gastarbeiter nach Wolfsburg gekommen. Mittlerweile sind sie und ihre Kinder ein fester Bestandteil der Stadt. Die zum Jubiläum geplante große Festwoche musste wegen der Corona-Pandemie auf das kommende Jahr verschoben werden. Die WAZ hat anlässlich des Jubiläums jetzt mit Hattab Hicheri gesprochen. Er kam als einer der ersten Tunesier nach Wolfsburg und kann sich noch gut an die Anfangszeit in der VW-Stadt erinnern.

Hatten Sie schon einmal etwas von „Wolfsburg“ gehört, bevor Sie nach Deutschland gekommen sind?

Wolfsburg kennt keiner in Tunesien. Ein Nachbar von uns hatte damals einen VW Käfer. Da habe ich den Namen Wolfsburg das erste Mal drauf gesehen. Als ich dann nach Deutschland gekommen bin, habe ich gehofft, dass Wolfsburg eine große Stadt ist. Im Zug von Hannover nach Wolfsburg habe ich aber nur noch Wald gesehen und habe leichte Magenschmerzen bekommen. In Wolfsburg hatte ich auf der Höhe von Hertie dann richtige Bauchschmerzen.

Zur Person

Hattab Hicheri ist am 1. Mai 1950 in Mornaguia in der Nähe von Tunis geboren. Hicheris Vater wollte eigentlich, dass er eine militärische Ausbildung macht. Diese Idee schlug Hicheri ihm jedoch aus. Er strebte stattdessen eine Ausbildung in Frankreich an. Schließlich meldete sich das Arbeitsamt bei ihm und bot ihm an, stattdessen nach Deutschland zu gehen. Hicheri sagte zu und kam schließlich am 4. Dezember 1970 in Wolfsburg an. Am 7. Dezember begann er bei VW zu arbeiten.

Hicheri ist verheiratet und hat fünf Kinder. Bei VW hat er bis zu seiner Verrentung im Jahr 2015 insgesamt 44 Jahre lang gearbeitet.

Wie waren die ersten Tage in Wolfsburg?

Wir sind am Freitag angekommen. Ich habe mir bei Sopper ein Buch gekauft und über das Wochenende die Zahlen von eins bis 100 gelernt. Als ich am Montag zur Arbeit gekommen bin, konnte ich daher schon bis 100 zählen. Da wir in Tunesien italienische Nachbarn hatten, sprach ich auch ein bisschen italienisch. Mein Arbeitskollege war Italiener, mit ihm habe ich am Anfang immer italienisch gesprochen. Später habe ich mir aber gesagt: Das geht so nicht, dass ich mich andauernd nur auf Italienisch unterhalte, ich muss deutsch lernen.

Wie waren Sie in der ersten Zeit untergebracht?

Ich habe Glück gehabt, dass wir nicht in der Kaserne gewohnt haben, in der die ersten Tunesier untergebracht waren. Die war schlimm. Ich bin einer von denen, die in der Werderstraße in der Nordstadt gewohnt haben. Die Unterkunft dort war vernünftig. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir 1970 am Silvesterabend zu Fuß über die Berliner Brücke in die Diskothek in der Seilerstraße gelaufen sind. Es fuhr kein Bus mehr und wir haben so gefroren. Ich habe hier in Wolfsburg auch den ersten richtigen Kontakt mit Schnee gehabt.

Ein Bild aus dem Januar 1971: Hattab Hicheri erlebt den ersten Schnee in Wolfsburg. Quelle: Britta Schulze

Welche Rolle haben der tunesische Verein und die Gemeinschaft mit den anderen Tunesiern für Sie gespielt?

Am Anfang habe ich nur einen kleinen Bekanntenkreis gehabt. Später bin ich dann in den tunesischen Verein eingetreten. Erstmal als Mitglied, dann als Vorstandsmitglied und schließlich als Vorsitzender. Leider sind viele Mitglieder mittlerweile älter oder nach Tunesien zurückgegangen. Einige leben nur noch die Hälfte des Jahres in Deutschland und die andere in Tunesien.

Wie wichtig war und ist das Vereinsleben für die Tunesier?

Es ist schade, dass es kaum Vereine gibt. Wir Tunesier haben nicht die Mentalität, dass wir in Vereinen oder in der Politik aktiv sind. Die Unterdrückung von Seiten der tunesischen Regierung und die Bespitzelung der eigenen Leute, sitzen heute bei manchen Leuten noch tief. Seit 1975 musste ich zum Beispiel jedes Mal, wenn ich nach Tunesien gekommen bin, erstmal bei der Grenzpolizei stehen bleiben und bin kontrolliert worden. Ich bin 1975 oder 1974 einer oppositionellen Partei beigetreten und verpfiffen worden. Dreimal haben sie mir den Pass weggenommen und ich musste bei der tunesischen Staatssicherheit Rede und Antwort stehen. Ich musste unterschreiben, dass ich in Deutschland nicht politisch aktiv bin. Trotzdem bin ich 1974 in die SPD eingetreten.

„Ein Arbeitskollege hat mich überredet, in die SPD einzutreten“

Wie sind Sie dazu gekommen?

Erstmal war ich Anhänger von Willy Brandt. Er kam in 1968 nach Tunesien und hat mich beeindruckt. Ein Arbeitskollege hat mich dann überredet, in die SPD einzutreten. Nach ein paar Jahren bin ich wieder raus und später aber wieder rein. Außerdem bin ich auch in mehreren sozialen Vereinen aktiv, wie der Arbeiterwohlfahrt.

Sie haben sich hier in Deutschland auf unterschiedlichste Art und Weise engagiert. Wie funktioniert die Integration hier aus Ihrer Sicht?

Für mich persönlich muss ich sagen, dass ich keine Probleme mit der Integration hatte. Ich habe mir gedacht: Wenn du jetzt in ein fremdes Land kommst, dann ist es ein bisschen, wie mit einem Lichtschalter zum Dimmen. Du musst den Schalter finden und ihn langsam drehen, bis es hell ist. Die Stadt Wolfsburg ist in meinen Augen sehr erfolgreich bei der Integration. Die Probleme, die es woanders gibt, die gibt es hier nicht. Wenn wir mit dem Auto nach Tunesien fahren und auf dem Schiff von Genua nach Tunis sind, da triffst du Leute aus ganz Europa. Und wenn man hört, wie die Integration in Frankreich ist oder in Belgien – das kann man nicht vergleichen. In Sachen Integration hat Wolfsburg wirklich etwas gemacht, auch bedingt durch VW.

„Wolfsburg hat erstmal Ruhe bedeutet“

Was hat Wolfsburg für die tunesischen Gastarbeiter bedeutet?

Wolfsburg hat für die Tunesier erstmal Ruhe bedeutet. Man hat ein regelmäßiges Gehalt gehabt, eine gute Arbeit, gute Einbindung und keine Schwierigkeiten, zum Beispiel eine Wohnung zu finden. Außerdem hat uns die starke Gewerkschaft geholfen. Wenn etwas nicht gestimmt hat, dann bist du zum Vertrauensmann gegangen und der hat das dann für dich geregelt. VW war gut zu uns Tunesiern. Als unsere Arbeitsverträge wegen der Käfer-Krise nicht verlängert wurden, sind viele nach Peine, Salzgitter oder ins Ruhrgebiet gekommen. Als die Krise vorbei war, hat VW alle angeschrieben, ob sie Lust haben, wieder zu kommen. Es war gut, dass VW uns nicht im Stich gelassen hat.

Zu Besuch bei der WAZ: Hattab Hicheri (70) und sein Sohn Ramzi (29). Quelle: Britta Schulze

Sie selbst haben bei VW ja auch eine spezielle Karriere gemacht, erzählen Sie mal, wie die ablief.

Nach fünf Jahren in Deutschland bin ich zum Arbeitsamt gegangen und habe gesagt: Jetzt habe ich fünf Jahre lang Beiträge gezahlt, ich will etwas lernen. Ich habe dann nach der Arbeit einen Lehrgang zum Mechaniker gemacht. Später folgten der Meister und ein Lehrgang zum Techniker. Ich habe insgesamt zehn oder zwölf Jahre am Band gearbeitet, bevor ich in die Qualitätssicherung gewechselt bin. Dort war ich zunächst Sachbearbeiter, später bin ich Fachreferent geworden. Wenn ich meiner Zeit bei VW einen Titel geben müsste, hieße er daher ’Vom Bandarbeiter zum Fachreferenten’. Von den Tunesiern, die in den 1970er-Jahren nach Wolfsburg gekommen sind, bin ich der Erste, der in ein Angestelltenverhältnis gekommen ist. Es war kein einfach Weg und ich bin stolz darauf, dass ich es geschafft habe.

50 Jahre Tunesier in Wolfsburg

Nachdem die Festwochen zum 50-jährigen Jubiläum der Tunesier in Wolfsburg in diesem Jahr coronabedingt ausfallen mussten, wollen die Organisatoren sie ins kommende Jahr verlegen. An den Planungen sind verschiedene Organisationen beteiligt (unter anderem der Tunesische Verein Wolfsburg, der Vereine Qantara, das Islamische Kulturzentrum und die Sportunion Wolfsburg). Zum geplanten Programm gehören neben einer Ausstellung im Rathaus auch Vorträge im Kunstmuseum. Außerdem wollen Volkswagen und Wolfsburger Schulen tunesische Gerichte anbieten. Für die Porschestraße ist ein Basar mit Händlern aus Tunesien geplant. Die Organisatoren wollen zudem eine Mosaik-Gedenktafel von einem Künstler an einem öffentlichen Ort in der Stadt anbringen. Sie soll den Bus mit den ankommenden Tunesiern zeigen. „Unser Wunschort wäre die Fassade der Markthalle“, berichtet Hattab Hicheri. Eine Archivzeitung des Instituts für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation zur Migrationsgeschichte der Tunesier ist bereits erschienen.

Wie blicken Sie heute auf Ihre Zeit bei VW zurück?

Ich war insgesamt 44 Jahre lang im Werk. Durch VW bin ich durch die Welt gereist – nach Amerika, Japan, China und in mehrere europäische Länder. Ich habe VW viel zu verdanken.

Der 1. Dezember 1970: Das Bild zeigt Hattab Hicheri (l.) am Tag vor seiner Abreise aus Tunesien nach Deutschland. Quelle: privat

Hätten Sie gedacht, dass Sie so lange in Wolfsburg bleiben?

Mein Plan war, in Deutschland etwas zu lernen und das nach fünf Jahren mit zurück nach Tunesien zu nehmen. Tja und mittlerweile haben sich die fünf Jahre verzehnfacht. Ich hätte nicht gedacht, dass 50 Jahre so schnell rumgehen und habe auch gar keine Lust woanders zu leben.

Von Melanie Köster