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Stadt Wolfsburg Mit dem DDR-Golf auf Spurensuche im früheren Grenzgebiet
Wolfsburg Stadt Wolfsburg Mit dem DDR-Golf auf Spurensuche im früheren Grenzgebiet
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14:35 09.11.2019
DDR-Golf am früheren deutsch-deutschen-Grenzübergang: Robert Dott freut sich über den farbenfrohen DDR-Golf. Quelle: Roland Hermstein
Wolfsburg

30 Jahre Mauerfall – dieses Ereignis wird am heutigen 9. November überall in Deutschland gefeiert. Zum Beispiel in Zicherie-Böckwitz im Landkreis Gifhorn und am ehemaligen Grenzübergang in Helmstedt-Marienborn. Welche Spuren haben die deutsche Teilung und die Wiedervereinigung an den historischen Orten der Region hinterlassen? WAZ-Reporter Carsten Bischof und WAZ-Fotograf Roland Hermstein fuhren hin – in einem so genannten „DDR-Golf“.

Bildergalerie zur Ausfahrt im DDR-Golf:

Die WAZ fuhr mit dem DDR-Golf (Baujahr 1978) an die frühere deutsch-deutsche Grenze und lässt Menschen ihre Geschichte erzählen.

Im Frühjahr 1977, über 20 Jahre vor der Einheit, lieferte Volkswagen 10 000 Golf 1 in die damalige DDR – „DDR-Golf“ genannt. Im Gegenzug erhält der Konzern Wirtschaftsgüter im Wert von 80 Millionen D-Mark. Darunter Blechpressen, Werkzeugmaschinen, Brennstoffe, Reifen, Thüringer Bratwurst, Dresdner Stollen – und einen Projektor des VEB Carl Zeiss Jena für das Wolfsburger Planetarium. Damals ein Auto mit magerster Ausstattung – heute ist der DDR-Golf ein besonders begehrtes Sammlerobjekt, von dem es nur noch wenige gibt.

Spartanischer DDR-Golf mit 50 PS

Volkswagen Classic hat eines dieser seltenen Fahrzeuge – und stellt es der WAZ für eine Grenzfahrt der besonderen Art zur Verfügung. Beim Blick aufs Armaturenbrett fällt einem sofort „Sparta“ ein: Nur ein Rundinstrument im Cockpit, kein Radio, kein Schnickschnack, nur das Nötigste. Auch unter der Motorhaube: 50 PS aus 1,1 Litern Hubraum müssen reichen, um das 750 Kilo leichte Auto zu bewegen. Es soll ja fahren, keinen westlich-dekadenten Fahrspaß vermitteln und Trabbi sowie Wartburg spartanisch aussehen lassen.

Zu erkennen ist der DDR-Golf von außen nur am „DDR“-Aufkleber – und Michael Propst erkennt ihn sofort, als wir an der Grenzausstellung des Landwirtschaftsmuseums in Böckwitz vorfahren. „Der Westen hat damals Golf gegen DDR-Güter getauscht“, weiß der Gemeindearbeiter. „Und dieser Golf gehört dazu.“ Gemeinsam mit seinem Kollegen Dirk Päseke möchte er einen Blick unter die Motorhaube werfen – darf er: „Simple Technik, kann man alles selbst reparieren“, schmunzelt er. „Wie beim Trabbi. Aber von uns normalen Bürgern hat keiner einen Golf bekommen – den gab es nur für Funktionäre.“

Hier wurde ein Journalist erschossen

Nun, funktional war und ist er auch, der DDR-Golf. Wir fahren weiter zur früheren Grenzanlage bei Zicherie, Teile der Grenzzäune und ein Grenzturm stehen noch. Plötzlich stehen wir mitten auf dem früheren Todesstreifen, ein westdeutscher Journalist ist hier 1961 erschossen worden. Mit mulmigem Gefühl fahren wir weiter in Richtung Westen. Durch Grafhorst und Velpke, wo Passanten dem knallorangenen (offiziell panamabraun) Golf zulächeln, an die ehemalige Grenze nach Büstedt, nur einen Steinwurf von Oebisfelde entfernt.

Ein riesiges Schild erklärt Besuchern den Aufbau der früheren Grenzanlage an der Aller – ein Mauer-Denkmal erinnert an die dunklen Jahre. Manuel Alber kann sich an die Grenze noch gut erinnern, dabei ist er gerade einmal 36 Jahre alt: „Ich komme ursprünglich aus Gardelegen“, sagt er. Jetzt wohnt der VW-Beschäftigte in Bahrdorf und hat eine Pferdeweide direkt an der früheren Grenze, ist jeden Tag hier. „An die Grenzöffnung 1989 kann ich mich noch genau erinnern“, erzählt er. „Wir sind damals nach der Grenzöffnung hier entlang nach Wolfsburg gefahren.“ Für ihn sei dieses frühere Zonenrandgebiet mittlerweile „normal“, aber: „Hier kommen regelmäßig Besucher aus ganz Deutschland her, um sich über die ehemalige Grenze zu informieren.“

Schikanen in Marienborn

Wer das tun will, sollte zum ehemaligen Grenzübergang in Marienborn, direkt an der A2, fahren. Mittlerweile ein riesiges Grenzmuseum. Allein acht Spuren für LKW-Kontrollen gab es auf Seiten der DDR, ähnlich viele für Autos. „Hier gab es früher eine unglaubliche Schikane“, sagt Robert Dott und zeigt auf die Häuschen für die Grenzpolizisten. „Stundenlang ist man hier festgehalten und durchsucht worden.“ Der 53-Jährige aus der Eifel weiß, wovon er spricht: „Ich hatte eine Pflegemutter, die ursprünglich aus Leipzig kam und damals über die grüne Grenze geflohen ist. Mit ihr waren wir regelmäßig bei ihrer Familie. Jedesmal gab es Schikane.“

Jetzt, 30 Jahre nach dem Mauerfall, wollte er einfach mal sehen, was aus dem Grenzübergang von damals geworden ist. „Vieles steht ja noch. Türme, die Kontrollstellen...“ Er sieht das „DDR“-Schild auf dem Golf: „Witzig“, sagt er. Wir erklären ihm die Geschichte des Golf-Tauschgeschäfts – er will das Auto von innen sehen: „Echt spartanisch.“ Aber spartanisch seien ja auch die Fahrzeuge aus der DDR gewesen, die man bei Neckermann und Quelle habe kaufen können: „Simson oder MZ 125.“ Stimmt. Er geht ins Marienborner Grenzmuseum und wir machen uns auf den Heimweg.

Drei deutsch-deutsche Geschichten

Fahren durchs frühere Niemandsland von Helmstedt über Velpke zurück nach Wolfsburg. Und sind erstaunt, an allen drei Orten Menschen getroffen zu haben, die ihre ganz eigene deutsch-deutsche Geschichte zu erzählen haben. Jenseits aller offiziellen Feiern zum 9. November. Und sind ein wenig traurig, dass wir den geschichtsträchtigen Volkswagen wieder abgeben müssen. Sascha Neumann, Mitarbeiter von Volkswagen Classic, tröstet uns: „Im Frühjahr dürft Ihr ihn wieder fahren...“

Von Carsten Bischof

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