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Stadt Wolfsburg Unvergessliche Tage: Tausende DDR-Besucher strömen nach Wolfsburg
Wolfsburg Stadt Wolfsburg Unvergessliche Tage: Tausende DDR-Besucher strömen nach Wolfsburg
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16:26 06.11.2019
Auch die WAZ-Geschäftsstelle wurde vor 30 Jahren zum Anlaufpunkt für DDR-Bürger – sie durften dort umsonst telefonieren. Quelle: WAZ/Archiv
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Wolfsburg

Der 9. November 1989 war ein markantes Datum der deutschen Geschichte. An diesem Tag fiel spät abends die Berliner Mauer. Die nächsten Tage und vor allem das folgende Wochenende waren auch für Wolfsburg unvergesslich: Rund 15 000 DDR-Bürger strömten über die nunmehr offene Grenze in die Stadt. „Das waren einmalige Tage, so etwas hatte Wolfsburg bis dahin nicht erlebt“, erinnert sich der frühere Stadtdirektor Günter Odenbreit.

30 Jahre Mauerfall: Andrang im Rathaus war groß

„In der ganzen Innenstadt herrschte Volksfest-Stimmung“. Groß war der Andrang im Rathaus. Bereits am Freitag (11. November) bildeten sich vor Zimmer 208 lange Schlagen. Hier gab es für jeden DDR-Bürger 100 D-Mark als Begrüßungsgeld, ausgezahlt von drei Mitarbeiterinnen. Am Samstag und Sonntag war der Andrang dann noch viel größer, was Folgen hatte: Das Begrüßungsgeld ging aus.

Begrüßungsgeld: Lange Schlangen vor den Banken

Die Sparkasse half mit Bargeldbeständen aus den Geldautomaten und den Tresoren, schließlich gaben auch Deutsche Bank und die Hauptpost in der Porschestraße das Begrüßungsgeld aus - die Warteschlangen reichten bis auf den Hugo-Bork-Platz hinaus. Außerdem waren die Volksbank sowie die Verwaltungsstellen in Fallersleben und Vorsfelde beteiligt. In der Bürgerhalle des Rathauses versuchten Oberstadtdirektor Prof. Peter Lamberg und Stadtdirektor Günter Odenbreit höchstpersönlich, den Andrang ein wenig in Bahnen zu lenken.

30 Jahre Mauerfall in Bildern:

Auch auf den Straßen und Parkplätzen herrschte oft qualvolle Enge: Viele DDR-Bürger kamen mit dem Auto, die VW-Stadt glich zeitweilig eher einer Trabbi-Stadt. Lutz Bauer stand damals auf seinem Balkon am Berliner Ring und staunte. „Den Anblick der vielen Trabbis werde ich nie vergaßen“, so der Wolfsburger Rentner. „Diese Tage waren auch sonst einfach überwältigend!“ Überwältigt waren zumeist auch die DDR-Bürger, zum Beispiel Andreas Köpping aus Leipzig, der mit seiner Familie kam – im Wartburg, den er sich kurzerhand von seinem Schwiegervater geliehen hatte: „Wir haben uns spontan nachts um 2.30 Uhr auf die Socken gemacht!“

Der 9. November ist ein historisches Datum – an dem Tag fiel die deutsch-deutsche Mauer endgültig. Tausende Menschen aus der DDR strömten auch in die Volkswagenstadt und wurde mit offenen Armen empfangen.

Verstopfte Autobahnen und tausende Menschen in den Zügen

Aus dem Kreis Aschersleben war Familie Wildt gekommen – und brauchte allein für das völlig verstopfte Autobahn-Teilstück von Magdeburg nach Helmstedt-Marienborn gut 15 Stunden! Zudem trafen auf dem Wolfsburger Bahnhof täglich viele Sonderzüge aus der DDR ein, in einem langen Zug aus Stendal befanden sich allein 2000 Fahrgäste!

Wichtigster Anlaufpunkt waren zumeist die Wolfsburger Geschäfte, die zum Teil sogar am Sonntag aufhatten. Vor allem das Hertie-Kaufhaus am Nordkopf war ein Magnet, ebenso wie WKS, die Kaufhalle oder Woolworth.

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Apfelsinen und Bananen wurden teilweise vom Laster aus verkauft

Verkauft wurden vor allem kleine Elektrogeräte wie Radio-Wecker, aber auch Spielwaren und Textilien, zum Beispiel Strumpfhosen. An diese turbulenten Tage erinnert sich auch der Wolfsburger Geschäftsmann Wolfgang Heuberger, der sein Fußpflege-Studio damals in der Porschestraße hatte und Mitglied der City-Werbegemeinschaft war. „In der Nähe unseres Geschäfts war ein Jeans-Laden, der wurde fast leer gekauft“. Besonders begehrt waren auch Südfrüchte. Heuberger: „Zum Teil wurden Apfelsinen und Bananen gleich vom Laster runter verkauft“.

Kaffee und Brötchen gab es für DDR-Bürger umsonst

Zudem standen überall kleine Stände in der Innenstadt, wobei Händler vor dem Bahnhof zum Teil auch überhöhte Preise nahmen: 1,50 Mark pro Apfelsine oder Banane. Hier schritten Passanten aus Wolfsburg ein. Doch es gab für die Besucher aus der DDR auch viel umsonst in Wolfsburg. Die Stadt gab zum Beispiel umsonst Brötchen und Kaffee aus, wobei Ratsherr und Bäckermeister Rolf Wolters Schwerstarbeit leistete, er backte mit Sohn und Mitarbeitern am Wochenende rund 20 000 Brötchen.

„Die Helfer vom DRK haben die Brötchen quasi gleich aus dem Ofen rausgeholt und ins Rathaus abtransportiert, damit es schneller ging“, so Wolters. „Das waren wirklich unglaubliche Tage in Wolfsburg.“ Auch sonst halfen viele Privatleute und Geschäfte: Bei Cadera gab es Gratis-Kuchen, Im Imperial lief für DDR-Bürger zum Beispiel kostenlos „Das Dschungelbuch“, die Belegschaft von Hempel sammelte Geld und verschenkte an DDR-Besucher Tüten mit Lebensmitteln - nur einige kleine Beispiele für die Welle der Hilfsbereitschaft an diesen geschichtsträchtigen Tagen.

Begrüßungsgeld, Hilfsbetten und eine Party vor dem Rathaus

In den ersten Wochen nach der überraschenden Grenzöffnung kam Wolfsburg nicht zur Ruhe: Täglich strömten Tausende aus der nahen DDR in die Stadt, um hier einzukaufen oder sich einfach nur im Westen umzuschauen. Am zweiten grenzoffenen Wochenende kamen rund 20 000 DDR-Bürger, am dritten Wochenende immer noch knapp 10 000. Auch an den Wochentagen wurden stets 2000 bis 5000 Besucher gezählt.

Nicht alle DDR-Bürger konnten nachts zurück, weil die rasch eingerichteten Pendelzüge nicht rund um die Uhr fuhren. Daher bot die Stadt kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten an. Hunderte DDR-Bürger schliefen zum Beispiel auf Feldbetten im DRK-Heim am Walter-Flex-Weg oder im Schulzentrum Vorsfelde. Auch Kindergärten boten Übernachtungen für Familien mit Kindern an, außerdem nahmen viele Privatleute DDR-Besucher auf.

Kostenlos durften DDR-Bürger beim Vorzeigen des Ausweises in den Bussen der WVG fahren. Freien Eintritt erhielten sie im Planetarium, in der Städtischen Galerie im Schloss und den Museen, das Theater verschenkte 200 Freikarten für „Aschenputtel“. Bei der WAZ in der Porschestraße gab es Kaffee und kostenlose Telefonate für alle, die von Wolfsburg aus Verwandte oder Freunde in der Bundesrepublik anrufen wollten. Kirchengemeinden boten kostenlose Mittagsessen an, ebenso der Paritätische Wohlfahrtsverband; der Möbel- und Kleiderkeller des Kirchenkreisamtes in der Kleiststraße war auch für DDR-Bürger geöffnet, Tausende nahmen das Angebot einer kostenlosen Stadtrundfahrt an - nur ein kleiner Auszug aus den Hilfsangeboten.

Ein buntes Kulturprogramm für die DDR-Besucher organisierte die Stadt auf dem Rathausplatz. Das VW-Orchester spielte, Örtschi und Charly sorgten für Disco-Stimmung, ebenso wie die Kartuffelstampers oder die Siebenbürger Blaskapelle. Für besinnliche Melodien sorgte der Posaunenchor Vorsfelde.

Weil das Begrüßungsgeld von 100 D-Mark pro Person bei weitem nicht für alle Wünsche reichte, nahmen viele Läden auch Ostmark an, zum (durchausfairen) Umtauschpreis von zehn Ostmark für eine D-Mark.

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