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Fallersleben Ehmen erinnert an Leben und Tod von Ferdinand Itzkewitsch
Wolfsburg Fallersleben Ehmen erinnert an Leben und Tod von Ferdinand Itzkewitsch
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00:18 22.06.2018
Erinnerungstafel: Pastor Hartmut Keitel (r.), Rabbiner Yakub Yosef Hareti (l.) und Dimitri Tukuser gedenken gemeinsam dem Tod von Ferdinand (Faybusch) Itzkewitsch.
Erinnerungstafel: Pastor Hartmut Keitel (r.), Rabbiner Yakub Yosef Hareti (l.) und Dimitri Tukuser gedenken gemeinsam dem Tod von Ferdinand (Faybusch) Itzkewitsch. Quelle: Boris Baschin
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Ehmen

1915 kam Faybusch Itzkewitsch, der sich selbst Ferdinand nannte, als Dolmetscher für russische Kriegsgefangene ins Kalibergwerk nach Ehmen und blieb. Er verliebte sich, wurde Vater und ernährte seine kleine Familie als Schuhmacher – bis er wegen „Rassenschande“ verhaftet und 1941 vergast wurde. Eine Gedenktafel am Kolumbarium in Ehmen erinnert seit Montag an den Mann, der wegen seiner jüdischen Wurzeln ermordet wurde.

Zur Gedenkfeier hatte Pastor Hartmut Keitel auch Dr. Yakub Yosef Hareti, den Rabbiner der heutigen orthodox-jüdischen Gemeinde in Wolfsburg, und Dimitri Tukuser von der liberalen jüdischen Gemeinde eingeladen. Dass die Ehmener sich an Ferdinand (Faybusch) Itzkewitsch erinnern, ist der Forschungsarbeit des ehemaligen VW-Chefhistorikers Manfred Grieger zu verdanken – und Mitgefangenen im KZ Buchenwald, denen der Analphabet Itzkewitsch Briefe an seine Frau und seinen Sohn diktiert hatte.

Dieser Sohn wiederum – Horst Krauskopf – habe sich gegen die Aufarbeitung der Geschichte tatsächlich gewehrt, berichtete Keitel: „Weil er große Ängste hatte.“ Das ist sicher verständlich angesichts der Erfahrungen der Familie. Denn als ein beruflicher Konkurrent den Vater angezeigt hatte, stellten sich Mitbürger und Bürgermeister Mitte der 1930er Jahren nicht etwa schützend vor den fleißigen und freundlichen Nachbarn, sondern rieten ihm lediglich, sich eine Wohnung getrennt von Frau und Kind zu nehmen.

Keitel berichtete in seiner Gedenkansprache aus der Biografie des Juden, dessen Grab auf dem Friedhof in Ehmen schon vor Jahren eingeebnet worden war. Eine Urne mit seiner Asche und 120 Mark Witwenrente waren alles, was seiner Frau blieb. Dabei hatte er bis kurz vor Schluss gehofft, freizukommen.

Das Schicksal des einzigen bekannten Juden aus Ehmen berührte die Gäste. Musikalisch gestalteten Victor Nelde, Matthias Klingebiel und Andreas Meyer die Gedenkfeier – mit Klezmer-Musik in jüdischer Tradition.

Von Andrea Müller-Kudelka