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Thema des Tages Ein Blick hinter die Kulissen eines Steinkohlekraftwerks
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07:27 29.08.2019
Das Kraftwerk in Mehrum. Quelle: Dennis Nobbe
Mehrum

Wie funktioniert eigentlich ein Steinkohlekraftwerk? Torsten Habekost weiß das genau, für ihn ist es sein „täglich Brot“: Er ist Kraftwerksmeister in Mehrum. Zusammen mit den beiden Standorten in Wolfsburg ist es eines von den insgesamt drei Kraftwerken in den Landkreisen Peine und Wolfsburg – im Kreis Gifhorn hingegen gibt es kein Kraftwerk, doch Strom wird natürlich auch hier benötigt.

Wegen der aktuell niedrigen Preise an der Strombörse steht die Produktion im Mehrumer Kraftwerk vorübergehend still. Herrschen in den großen Hallen sonst ein hoher Lärmpegel und Hitze, so ist derzeit alles ruhig. „Das ist schon ein bisschen gespenstisch“, sagt Habekost. Mitarbeiter sind dennoch anzutreffen, denn das Kraftwerk muss in Bereitschaft gehalten werden. Außerdem laufen gerade diverse Wartungs- und Reparaturarbeiten.

Kohlevorrat lagert am Mehrumer Hafen

Damit das Kraftwerk Strom produzieren kann, sind in erster Linie Kohle, Wasser und Sauerstoff nötig. Bis zu 500 000 Tonnen Steinkohle, geliefert aus den USA und Russland, lagern am 1,3 Kilometer entfernten Mehrumer Hafen am Mittellandkanal. Auf einem automatischen Förderband kommt die Kohle ins Kraftwerk und wird dort auf sechs verschiedene Bunker verteilt. Bis zu 6000 Tonnen werden bei Volllast des Kraftwerks pro Tag benötigt.

Weiter geht es in die Mühlen: „Diese zermahlen die Kohle zu feinem Staub“, so Habekost. Die zermahlene Kohle wird in mehrere Brenner geleitet, um von dort aus Wasser für die Turbinen zu erhitzen. „Das Wasser wird extra in unserer Anlage aufbereitet, es muss komplett frei von Elektrolyten sein“, erklärt der Kraftwerksmeister. 320 000 Liter fasst der entsprechende Behälter. Durch Erhitzung wird das Wasser – bei Volllast 2000 Tonnen pro Stunde – zu Dampf und kommt mit 540 Grad Celsius und 200 bar in die Turbinenanlage.

750 Megawatt Bruttoleistung

Der Dampf wird im Kreislauf durch drei verschiedene Teile der Turbine geleitet: Hier entsteht, vereinfacht ausgedrückt, der Strom. 750 Megawatt Bruttoleistung kann das Kraftwerk erzeugen, netto sind es 690: 60 Megawatt sind für den Eigenbetrieb nötig. Habekost: „Trotz seines hohen Alters von 40 Jahren ist es damit noch eines der leistungsstärksten Kraftwerke in Deutschland.“

Kühlwasser kommt aus Mittellandkanal

Das Kühlwasser – bei Volllast 50 000 Kubikmeter pro Stunde benötigt der Kessel – kommt aus dem angrenzenden Mittellandkanal. Die überschüssige Wärme wird als Dampf über den 130 Meter hohen Kühlturm abgegeben. Dabei verdunstet aber nur ein kleiner Teil des Wassers, der Großteil sammelt sich in einem Becken unter dem Turm, der sogenannten Kühlturmtasse.

Kraftwerksmeister Torsten Haberkost führt durch das Steinkohlekraftwerk in Mehrum.

Die bei der Verbrennung entstehenden Rauchgase werden in einem Katalysator mit E-Filter entstickt, bevor sie durch den 250 Meter hohen Schornstein abgeleitet werden. „Das funktioniert ähnlich wie beim Auto – und das Gewerbeaufsichtsamt überwacht permanent die Emissionen“, sagt der Kraftwerksmeister. Die Flugasche, die beim Verbrennen übrig bleibt, wird nicht abgeleitet. Sie wird an die Baustoff-Industrie verkauft, diese mischt die Asche dann Zement bei.

Gips „made in Mehrum

Schwefel ist ein weiteres „Überbleibsel“ der Stromproduktion in einem Kohlekraftwerk. Das Rauchgas wird entschwefelt, als Endprodukt bleibt nach der Filterung Gips übrig. Auch hier ist die Baustoff-Industrie der Abnehmer: Das Material für etliche Gipsfaser-Platten kommt aus Mehrum.

Die Technik des Kraftwerks steuern die Mitarbeiter in der Blockwarte. „Einer bis zwei von ihnen sind gleichzeitig da, wir fahren den gesamten Block mit vier Leuten“, erklärt Habekost. In Betrieb ist heute übrigens nur noch Block 3, der 1979 fertiggestellt wurde. Bis mindestens 2021 soll das Kraftwerk am Netz bleiben. „Es gibt nur noch wenige Kohlekraftwerke in Deutschland – das hier ist quasi ein Dinosaurier“, zieht Habekost abschließend einen Vergleich.

Die beiden Kohlekraftwerke in Wolfsburg

In Wolfsburg stehen mit dem Heizkraftwerk Wolfsburg Nord/Süd und dem Heizkraftwerk West zwei Kohlekraftwerke. Beide gehören zu Volkswagen.

Das Nord/Süd-Werk ist mit seinen vier hohen roten Schornsteinen ein Wahrzeichen der Stadt. 1939 wurde der südliche Teil in Betrieb genommen, 1962 folgte der nördliche Teil – zu diesem gehören auch die je 125 Meter hohen Schornsteine. 1999 erfolgte eine Modernisierung des Nord-Teils, während der südliche stillgelegt wurde. 2018 teilte VW mit, dass der Umstieg vom Kohle- auf Gasbetrieb beschlossen sei, spätestens 2022 soll die Inbetriebnahme erfolgen.

Dann soll das Kraftwerk eine thermische Leistung von 386 Megawatt haben. Derzeit liefert es 755 Megawatt Wärme- und 136 Megawatt Nettoleistung – es versorgt das Volkswagenwerk mit Energie und die Stadt mit Fernwärme.

Das Heizkraftwerk Wolfsburg West ging 1984 und 1985 in zwei Schritten in Betrieb, um den gestiegenen Energiebedarf zu decken. Neben Steinkohle können in dem Werk auch Heiz- und Altöl sowie Lack- und Klärschlamm-Granulate verfeuert werden.

In jedem der zwei Blöcke können pro Stunde rund 45 Tonnen Kohle verbrannt werden, die Fernwärmeleistung liegt zusammen bei 750 Megawatt. Jeder Block erzeugt bis zu 150 Megawatt Strom.

Auch das Heizkraftwerk West versorgt sowohl VW mit Energie als auch die Stadt mit Fernwärme. Genau wie beim Werk Nord/Süd plant Volkswagen eine Umrüstung auf Gasbetrieb, der Austausch der Anlagen soll bis 2021 erfolgen.

Von Dennis Nobbe

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