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Thema des Tages Klimawandel: Darum stirbt unser Wald
Thema Specials Thema des Tages Klimawandel: Darum stirbt unser Wald
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11:58 20.09.2019
Kaum zu retten: In dem Wäldchen zwischen Eddesse und Wehnsen hat erst der Sturm gewütet, jetzt vernichten Borkenkäfer weitere Bäume. Quelle: Tobias Mull
Wolfsburg

Sturmschäden, Dürre und nun auch noch starker Borkenkäferbefall: Den Wäldern in der Region geht es derzeit deutlich schlechter als noch vor zwei Jahren. Zwei Millionen Kubikmeter Schadholz mussten niedersachsenweit gefällt werden, rund 10 000 Hektar baumlose Fläche sind so entstanden, meldet das Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. „Bei einer unserer Hauptbaumarten, der Buche, ist das eine Naturkatastrophe“, sagt Frank Gärtner, Bezirksförster der Försterei Braunschweig-Peine. Seiner Einschätzung nach hat es so umfassende Schäden in seinem Bereich noch nie zuvor gegeben.

Orkane, starke Nässe und starke Trockenheit seit 2017

Jedenfalls nicht, seit er vor 25 Jahren seinen Beruf ergriff. Grund für das Dilemma sei schlicht die hohe Anzahl der Wetterkapriolen seit 2017, meint der Fachmann. Zunächst gab es übermäßig viel Niederschlag, das schadet Laubbäumen an Standorten, an denen Staunässe entsteht, wie zum Beispiel über Lehmsohlen und Betonschichten, die es in dieser Gegend reichlich gibt. Dann folgten Anfang Oktober 2017 mit Sturmtief Xavier und Orkan Friederike im Januar 2018 zwei starke Stürme innerhalb einer Saison, die zahlreiche Bäume, sowohl Nadel- als auch Laubbäume, umwehten.

Frank Gärtner ist Bezirksförster der Försterei Braunschweig-Peine. Quelle: privat

Nur zwei Monate später begann die lange Trockenphase des Jahrhundertsommers 2018. „Im ganzen Jahr hatten wir nur 300 Millimeter Niederschlag“, sagt Gärtner. Buchen beispielsweise brauchen aber 600 Millimeter Wasser pro Jahr, um gesund zu bleiben. Denn ohne Feuchtigkeit gibt es keinen Harzfluss, den die Bäume brauchen, um sich gegen Käfer, Pilze und Bakterien zu wehren. Und weil Buchen ihre Wurzeln nur bis in zwei Meter Tiefe ausbreiten, geraten sie aktuell in große Schwierigkeiten, wie der Dürremonitor des Helmholtzzentrums für Umweltforschung zeigt.

Das ist der aktuelle Dürremonitor des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung vom 16. September, der für Peine, Gifhorn und Wolfsburg eine extreme bis außergewöhnliche Dürre (höchste Dürrestufe) angibt. Quelle: Stadt Wolfsburg

Dieser kartiert die aktuelle Feuchtigkeit der oberen Bodenschichten. Sowohl der Oberboden bis 25 Zentimeter Tiefe als auch die Schicht darunter bis 1,8 Meter Tiefe werden darin erfasst. Der Dürremonitor zeichnet ein erschreckendes Bild für Peine, Gifhorn und Wolfsburg: Auf den meisten Flächen herrscht hier in der Bodenschicht bis 1,8 Meter eine „außergewöhnliche Dürre“, die höchste Dürrestufe nach „extremer Dürre“. „Wie will man jetzt die Ziele des Naturschutzes erfüllen?“, fragt Bezirksförster Gärtner. Denn auf diesem trockenen Boden innerhalb des Flora-Fauna-Habitats „Eichenwälder zwischen Braunschweig und Wolfsburg“ sind diverse Gebiete ausschließlich den Buchen vorbehalten – die werden dort aber vorerst nicht gedeihen.

Tornado bei Edemissen vernichtete 150 Hektar Wald

Ein Tornado, der am 9. August 2018 durch den Landkreis Peine fegte, hat zusätzlich zwischen 100 und 150 Hektar Wald vernichtet. Ein Fichtenwald bei Edemissen war dabei besonders betroffen: Zwei Drittel des Waldes sind zerstört. „Wenn das so weitergeht, sind dort alle Bäume verloren“, prognostiziert er. Doch für eine ordentliche Durchforstung und Wiederaufforstung bleibe aktuell überhaupt keine Zeit. „Ich laufe nur noch dem hinterher, was der Wind umbläst, vertrocknet ist oder die Käfer befallen haben.“

Üblicherweise überlebe nur einer von drei Borkenkäfern. Aktuell sei es aber durch die Trockenheit so, dass nahezu alle Borkenkäfer überleben und sich unkontrolliert ausbreiten. Gärtners Kollege Thorsten Schäfer hat unter anderem im Hillerser Holz (Landkreis Gifhorn) mehrere tetraederförmige Borkenkäferfallen rund um eine große Kahlfläche aufgestellt, deren Bestand wegen des Befalls abgeholzt werden musste. Auf der Kahlfläche entsteht nun ein Mischwald mit Vorwald. Das bedeutet, dass schneller wachsende Baumarten wie zum Beispiel Eichen die anderen Baumarten, sogenannte Schattbäume wie Buchen und Weißtannen, zunächst beschatten und vor Hitze beschützen sollen.

So sehen die Borkenkäfer-Fallen aus, die an mehreren Stellen im Hillerser Holz aufgestellt wurden. Quelle: Yvonne Droste

Zum Abarbeiten der Schäden fehlen Personal und junge Bäume

Nach Einschätzung von Forstleuten werden für die Aufforstung geschädigter Wälder in Niedersachsen mehr als 100 Millionen junge Bäume benötigt. Landesweit wurden im vergangenen Jahr nach Angaben des Bundes Deutscher Forstleute rund 10 000 Hektar Wald geschädigt. Frank Gärtner hält es jedoch für kaum möglich, die Schäden in seinem Bezirk zügig abzuarbeiten. „Die Baumschulen müssen ja erstmal genügend Bäume heranziehen“, sagt er. Und diese dann alle neu anzupflanzen, „dafür haben wir das Personal überhaupt nicht“

„40 Prozent der Bäume leiden“

Der Allgemeinzustand des Waldes im Forstbezirk Fallersleben, der sich vom Papenteich im Landkreis Gifhorn über das Stadtgebiet Wolfsburg bis in den Nordkreis Helmstedt erstreckt, ist besorgniserregend. Von 3800 Hektar sind nach Angaben des zuständigen Bezirksförsters Ingo Delion mehr als 600 Hektar massiv geschädigt, rund 40 Prozent aller Bäume leiden.

Ingo Delion ist Bezirksförster der Försterei Fallersleben. Quelle: privat

Die Borkenkäfer setzen den Fichten zu, die Trockenheit schadet den Buchen, der Eichenprozessionsspinner den Eichen und der Diplodia-Pilz den Kiefern. Schaffen es beim Eicheprozessionsspinner mehrere Generationen innerhalb einer Saison zu überleben, fressen diese das gesamte Blattwerk einer Eiche auf. Kurzzeitig überleben Eichen das, aber langfristig nicht. „Da hilft oft nur die Entnahme“, sagt Ingo Delion und meint damit: Der Baum muss weg. Einerseits muss die Verkehrssicherheit für Waldbesucher wiederhergestellt werden, wenn geschädigte Bäume umzustürzen drohen oder trocken gefallene Äste aus Baumkronen herunterstürzen können. Andererseits müssen umstehende Bäume vor Schädlingsbefall geschützt werden. Deshalb sind auf insgesamt 40 Hektar seines Bezirks Kahlflächen entstanden, die nun „mit großem, finanziellem Aufwand wiederaufgeforstet werden“.

Fichtenwäldern geht es schlecht

Schlecht geht es den Fichtenwäldern bei Neindorf, Almke und Hehlingen im südlichen Wolfsburger Stadtgebiet. Im Südkreis Gifhorn sind die Gegenden um Wedesbüttel und Vordorf stark betroffen. „Aber hier sind wir schon dabei, die Wälder in naturnahe Mischwälder umzubauen“, versichert Delion. Unter einem sogenannten Vorwald aus Eichen, Erlen, Pappeln, Kiefern und Douglasien, werden Baumarten gepflanzt, die nur in Schattenbereichen gedeihen.

Eine gute Nachricht gibt es in dem ganzen Dilemma: Unter den vertrockneten Altbuchen wachsen bereits junge. Das bedeutet, dass an diesen Stellen keine Kahlschlagsflächen entstehen werden, die bei einigen Waldbesuchern Unmut erzeugen.

Von Yvonne Droste

Sturmschäden und Trockenheit mit anschließender Schädlingsplage setzen den Wäldern in der Region immer mehr zu. Für Förster und Waldbesitzer sind Spaziergänge im Wald keine Entspannung mehr. Was ist Ihre Meinung? Wer an unserer WAZ-Umfrage teilnimmt, kann einen 100-Euro-Gutschein der Konzertkasse gewinnen.

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