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Thema des Tages Handschrift: Darum ist sie auch im Smartphone-Zeitalter wichtig
Thema Specials Thema des Tages Handschrift: Darum ist sie auch im Smartphone-Zeitalter wichtig
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08:00 09.01.2020
Nicht perfekt, aber individuell soll es sein: Ulrike Brockmann aus Hillerse gibt Handschrift-Kurse. Quelle: Sebastian Preuß
Wolfsburg

Wie bedeutsam ist Schreiben eigentlich noch in Zeiten, wo ohne das Scrollen und Tippen auf Smartphones (fast) nichts mehr geht? Ein Besuch bei Ulrike Brockmann in Hillerse. Die 57-Jährige gibt seit Jahren Kurse, in denen es um die schöne Handschrift und Handlettering geht.

„Ich kann übrigens nicht jede Handschrift

„Durch die Hand in den Verstand.“ Als ich den Satz meines alten Lateinlehrers eingangs zitiere, lacht Ulrike Brockmann wissend. „Ja, das ist es...“ Aber nur ein Teil von ihrer großen Leidenschaft. Auf dem Wohnzimmertisch liegen Aktenordner und ein paar beschriftete Seiten. „Die habe ich vorbereitet, damit Sie mal die Unterschiede von Handschriften sehen.“ Fünf Mal hat die Hillerserin denselben Text geschrieben, mal in klaren, gedrungenen Buchstaben, mal mit Schnörkeln, mal in schräg gestellten Lettern.

Schreiben ist für Ulrike Brockmann viel, viel mehr als einen Stift übers Papier zu bewegen. Kreativ, individuell und einfach nur schön ist für sie das Schreiben mit der Hand.

„Ich kann übrigens nicht jede Handschrift. Das ist individuell verschieden.“ Kleiner Tipp von ihr am Rande: Fürs Schreiben empfiehlt sich einen Gel-Stift. Feder und Tinte packt Ulrike Brockmann nur noch selten aus, zu groß ist die Gefahr der Kleckserei, die nur schwer von den Fingern abgeht.

Mit eigenen Aufzeichnungen besser gelernt

Wer nun glaubt, Ulrike Brockmann lebe technikmäßig auf dem Mond, der irrt gewaltig. Natürlich könne sie mit Computer, iPad und Smartphone umgehen. „Aber ich schreibe es eben lieber.“ Und das war schon immer so. Es begann während der Schulzeit in Bremen. Da habe sie ein paar Lehrer regelrecht „bewundert“, weil sie entweder eine deutliche, markante Handschrift hatten oder aber mit Schnörkeln schrieben. Zur bloßen Lust am Schönschreiben kam dann noch die Erkenntnis, dass sie mit eigenen Aufzeichnungen besser lernen konnte.

Viele Stunden übt sie

Diese Faszination blieb, auch während ihrer Berufstätigkeit und der Kinderzeit. Animiert durch immer mehr positive Rückmeldungen auf selbst geschriebene Karten und die Bestärkung durch ihren Ehemann ist inzwischen ihr eigenes Business entstanden – „Meine Schrift & mehr“. So einige Stunden verbringt sie am Schreibtisch – „zum Üben, fertig ist man nie“. Das vermittelt sie auch in Volkshochschulkursen. „Ich wundere mich immer wieder, wie viele noch gerne schreiben oder kommen, weil ihnen ihre Handschrift zu krakelig ist.“

Es geht um Individualität

Hier geht es ihr weniger darum, dass die Teilnehmer nach festen Vorgaben quasi nur Schönes nachzeichnen und dabei Perfektionismus anstreben. „Es gibt nicht die schöne, perfekte Handschrift“, sagt Ulrike Brockmann – sie legt vielmehr Wert auf die individuelle Note beim Schreiben. Ein Akt, der meditativ und anstrengend zugleich sei und im besten Fall damit ende, „ein gutes Gefühl zu haben, was man da geleistet hat“. Eine leise Ahnung, dass sie mit ihrer Liebeserklärung an die Handschrift zunehmend zur Minderheit gehören wird, hat sie. „Für Grundschüler habe ich auch schon Kurse gegeben.“ Schulen könnten in dem voll gepackten Lehrplan nicht mehr so intensiv die Handschrift trainieren, ist ihr Eindruck.

Schönschrift steht nicht auf dem Lehrplan

In der Tat: Lernten Grundschüler vor wenigen Jahrzehnten noch akribisch das ABC in Schönschrift, so steht das heutzutage bei Grundschulen nicht mehr so im Fokus. Oft seien Kinder auch motorisch gehandicapt, sagt Ute Rathje von der Astrid-Lindgren-Schule. Sie weiß: „In der Lehrerschaft wird schon diskutiert, ob man nicht wieder eine Benotung der Handschrift einführen sollte.“ Bisweilen seien Wörter der Schüler so krakelig, dass „wir die Schrift nicht lesen können“. Auch im Computer-Zeitalter sei eine gute Handschrift „immer noch wichtig“, findet sie.

Eltern sollen mehr unterstützen

Für Quint Gembus vom Verband Bildung und Erziehung, Regionalverband Hannover-Braunschweig, ist es ohnehin nicht eine Fähigkeit, die ausschließlich in der Schule erlernt werden muss. „Gerade auch eine gute Handschrift kann nicht nur in Schule erlernt werden.“ Zwar seien die Lehrer die Experten, aber die Eltern seien ein wichtiger Teil des Systems. Sie müssten die Leistungen ihrer Kinder zuhause anerkennen und wertschätzen, sie müssen helfen und unterstützen. „Wenn Papa oder Mama aber nur kurz vom Smartphone aufschauen, um den mühevoll geschriebenen Text des Kindes zu scannen, dann hat das Kind einfach nicht das Gefühl, dass das wichtig sei, mit der guten Handschrift und dem Text und Schule überhaupt.“

Die Handschrift: Ein bisschen Persönlichkeit verrät sie auch

Handschrift ist etwas sehr Individuelles – darauf legt Ulrike Brockmann großen Wert. Deshalb macht sie auch keinen Unterricht im klassischen Sinne – etwa das stumpfe Nachschreiben von Buchstaben. Ihre Workshop-Teilnehmer sollen sich ausprobieren, ihren eigenen Stil finden, Buchstaben mal dick oder dünn, groß oder klein schreiben. „Jeder kann eigene Schriftbilder schaffen und sich in seine eigene Handschrift verlieben.“ Die ist auch ein kleiner Spiegel der Persönlichkeit. Zwar will sie sich nicht anmaßen, einen Menschen aufgrund seines Schriftbildes zu erkennen. „Aber wer groß und schlank ist und sich etwa wenig schminkt, wird kaum mit vielen Schnörkeln schreiben.“ Wer hingegen extrovertiert ist, etwa viel Schmuck trägt, schreibt entsprechend auffälliger. „So richtig kann man das nicht analysieren, aber oft liege ich richtig“, sagt sie lachend.

Handschreiben macht schlauer“

Am 23. Januar ist Tag der Handschrift. Anlass, Dr. Marianela Diaz Meyer, Ergonomie-Expertin und Geschäftsführerin des Schreibmotorik Instituts, Fragen zu stellen.

„Schreiben aktiviert das Gehirn“: Marianela Diaz Meyer vom Schreibmotorik Institut. Quelle: Schreibmotorik Institut

Warum ist es wichtig, dass Kinder eine Handschrift erlernen?

Diaz Meyer: Weil Handschreiben schlauer macht. Die handschriftlichen Bewegungen aktivieren zwölf Hirnareale und unterstützen dadurch nachhaltig das Lesen- und Schreibenlernen. Handschreiben spielt also eine entscheidende Rolle für die Bildungschancen.

Wie und in welchem Alter gelingt das Erlernen am besten?

Diaz Meyer: Eltern und pädagogische Fachkräfte in Kitas sollten die Zeit bis zur Einschulung nutzen, um die Kinder motorisch auf das Schreibenlernen vorzubereiten. Dabei müssen sie auch gar nicht mit Worten üben, manchmal reicht auch schon ein „Krickelkrackel“, um dem Umgang mit dem Stift zu lernen.

Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung. Ist Handschreiben da nicht ein bisschen antiquiert?

Diaz Meyer: Es gibt mehrere wissenschaftliche Studien, die ganz eindeutig belegen, dass das Tippen am Computer das Schreiben von Hand beim Lernen nicht ersetzen kann. Von Hand zu schreiben bedeutet, dass wir charakteristische Buchstabenformen schreiben. Der damit verbundene Bewegungsablauf wird im Gehirn verarbeitet, was wiederum das Schreiben- und Lesenlernen unterstützt. Schreibanfänger können etwa Buchstaben, die sie mit der Hand zu schreiben gelernt haben, besser erkennen. Beim Tippen handelt es sich dagegen immer um die gleiche Bewegung, egal ob ich ein A, ein S oder ein B drücke.

Merkt man sich Dinge, die man mit der Hand notiert, tatsächlich besser?

Diaz Meyer: Handschriftliche Notizen spielen eine zentrale Rolle für das Merken von Faktenwissen und für das inhaltliche Verständnis, nicht nur bei Kindern. Dem Gehirn helfen die Bewegungsabläufe beim Handschreiben, Informationen besser abzuspeichern.


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Von Andrea Posselt

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