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Olympia-News "Immer lächeln" - Japans fragwürdiger Neuanfang zu Olympia
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"Immer lächeln" - Japans fragwürdiger Neuanfang zu Olympia

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Olympia 2016
12:34 31.05.2021
Von Euphorie ist in Japan vor den Sommerspielen wenig zu spüren: Ein Mann mit Mund-Nasen-Schutz geht an einem Werbeplakat vorbei.
Von Euphorie ist in Japan vor den Sommerspielen wenig zu spüren: Ein Mann mit Mund-Nasen-Schutz geht an einem Werbeplakat vorbei. Quelle: Cezary Kowalski/SOPA Images via ZUMA Wire/dpa
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Tokio

Ausländische Fans ausgesperrt, die Athleten im Olympischen Dorf wie eingesperrt und eine Bevölkerung, die überhaupt keine Lust auf sündhaft teure Spiele in Corona-Zeiten hat - Japans hochfliegender Traum von Olympia als nationaler Neuanfang droht zum Alptraum zu werden.

Eigentlich wollte sich Japan als ein Land präsentieren, das die jahrzehntelangen wirtschaftlichen Folgen der gesellschaftlichen Überalterung überwunden und es wieder an die Spitze der Welt geschafft hat.

Doch der extrem spät und langsam angelaufene Impfprozess, die ständig nötige Verlängerung des Corona-Notstands, der zugleich den erstaunlichen Rückstand in Sachen Digitalisierung offengelegt hat - all das passt so gar nicht zum coolen Image, das Japan eigentlich der Welt vermitteln will.

Zweifel und Sorgen

Zwar werden Japans Olympia-Macher und das Internationale Olympische Komitee nicht müde zu versichern, dass die in weniger als zwei Monaten geplanten Spiele "sicher" und "geschützt" sein werden. Doch allen Beteuerungen zum Trotz halten sich Zweifel und Sorgen. Auch unter den zehntausenden Freiwilligen, die die größte Gruppe der Teilnehmer stellen. Sie wissen weniger als zwei Monate vor Beginn nicht einmal, ob sie auf Corona getestet, geschweige denn geimpft werden. "Darüber gibt es null Informationen", beklagt Barbara Holthus.

Die stellvertretende Direktorin des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio hat sich als Freiwillige für die Spiele angemeldet. "Wir haben zwei Masken erhalten, sollen zu den Athleten zwei Meter und zu allen anderen Leuten einen Meter Abstand halten, unsere Hände desinfizieren und 14 Tage vor Beginn unserer Arbeit ein Tagebuch über unseren Gesundheitszustand führen. Das ist alles", erklärt Holthus der Deutschen Presse-Agentur in Tokio. Und wer angesichts der schwülen Sommerhitze während der Spiele keine Maske tragen könne, für den reiche auch ein Plastikvisier vor dem Gesicht.

Die Deutsche, die seit Jahren in Japan lebt und forscht, kann über derlei "Schutzmaßnahmen" nur den Kopf schütteln. Während die 15.000 Athleten täglich Corona-Tests unterzogen werden, seien Tests für die Zehntausenden von Freiwilligen bislang "nicht auf der Agenda". Genauso wenig eine Impfung außerhalb der offiziell nach Alter festgelegten Reihenfolge. Ohnehin wird der größte Teil der japanischen Bevölkerung bis zu den Spielen noch nicht geimpft sein.

Zwar sind für die Athleten äußert strikte Verhaltensregeln vorgesehen, so strikt, dass das Olympische Dorf manchem schon wie ein Gefängnis anmutet. Das Heer der Freiwilligen ist derweil auf die öffentlichen Bahnen angewiesen. Und die sind in Tokio selbst während des Corona-Notstands hoffnungslos überfüllt. In den vergangenen Tagen haben denn auch wiederholt Ärzte vor den Risiken gewarnt, so auch davor, dass während der Spiele eine neue "Super-Mutante" aus dem Zusammentreffen der bisherigen Virus-Varianten entstehen könnte. Auch Holthus befürchtet, dass sich das Virus rasant ausbreiten könnte.

Trotz allem: "Immer schön lächeln"

Dennoch gilt für sie und all die anderen freiwilligen Helfer die oberste Maxime: "Immer schön lächeln". Und das, obwohl jeder Maske tragen muss. "Das ist schon arg unsensibel", kritisiert Holthus. "Da fühlt man sich irgendwie auf den Arm genommen." Medienberichten zufolge haben sich bereits rund 1000 Freiwillige zurückgezogen, aus Protest über frauenfeindliche Äußerungen des zurückgetretenen Olympia-Organisationschefs. Wenn sich die Lage nicht bessere, könnten noch mehr abspringen, so Holthus. Auch sie selber wisse noch nicht, ob sie am Ende teilnimmt. "Das hängt vom Infektionsgeschehen ab".

Dabei hatte Japans Regierung eigentlich gehofft, mit den Olympischen Spielen eine neue Kultur der Freiwilligenarbeit schaffen zu können, um nach dem riesigen Spektakel viele der sozialen Probleme des Landes beheben zu können. Freiwilligenarbeit wurde lange in Japan als eine Pflicht an der Gesellschaft beziehungsweise des Staates angesehen. Jetzt soll dagegen der Spaßfaktor in den Vordergrund rücken. Olympia sei ein cooles Erlebnis, bei dem man neue Leute treffe, die man in Japans festgefahrenen Strukturen sonst nicht kennenlernen würde.

Eine solche positive Olympiaerfahrung, so war bislang die Hoffnung der Regierung, würde in Zukunft mehr Bürger dazu bringen, sich auch für andere, weniger coole Aufgaben freiwillig einzusetzen. Und auf diese Weise zu einem stärkeren Zusammenhalt in Japans rasant alternder Gesellschaft führen, in der immer mehr Menschen allein leben. Ob dieser Wunsch des Staates in Erfüllung gehen wird, ist mehr als fraglich. Statt cool zeigt sich Japan Beobachtern derzeit eher von seiner alten, höchst bürokratischen Seite. "Ich fürchte, dass das Ganze noch zu einem Imageschaden führen könnte", meint auch Holthus.

© dpa-infocom, dpa:210531-99-805316/2

dpa