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Gifhorns Thema des Tages Region: Landwirte im Zuckerrübenstress
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08:00 05.11.2019
Die sogenannte Maus verlädt die Rüben von der Miete in die Transportwagen. Quelle: Mara-Ann Meeuw
Peine/Gifhorn/Wolfsburg

Der Tiger ist riesig. Im Morgennebel zieht das gelbe Ungetüm dröhnend seine Kreise auf dem Feld von Karl Christian Brandes in der Nähe von Schwicheldt. „Unser Fahrer Bernd Grobe ist seit halb sieben hier. Sein Kollege hat erst um drei Uhr morgens aufgehört zu roden“, sagt Ulrich Langenhoff. Er ist der Chef der Rodegemeinschaft Hofschwicheldt, zu der 55 Landwirte und zwei Tiger gehören - hochmoderne Erntemaschinen, die Zuckerrüben aus dem Boden holen, die Blätter abtrennen und die dicken Rüben in einem voluminösen Korb sammeln. Derzeit läuft die Zuckerrübenernte in der Region auf Hochtouren, und so wird es noch einige Wochen bleiben.

Tiger und Bunker für die Rübenernte

Die Ernte beginnt, wenn die Zuckerfabrik ihre Kampagne startet. „Die läuft etwa 120 bis 130 Tage“, erklärt Andreas Windt, Leiter der Rübenabteilung bei Nordzucker, „In dieser Zeit verarbeiten wir die Rüben 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.“ Seine Aufgabe ist es unter anderem, festzulegen, wie viele Tonnen geliefert werden müssen. Wenn das feststeht, gehen die benötigten Informationen auf digitalem Wege an die Landwirte. Für Ulrich Langenhoff und seine Kollegen beginnt damit eine arbeitsreiche Zeit: Ob Tag oder Nacht, kalt oder warm, solange es trocken ist, wird nonstop gerodet.

Die Ernte von Zuckerrüben in der Region läuft auf Hochtouren. Wie Mäuse und Tiger dabei helfen, zeigen Impressionen der Ernte, des Verladens und der Ankunft bei der Fabrik.

Was früher mühsame Handarbeit war, erledigen heute Maschinen. Von außen macht der Tiger viel Krach, sitzt man aber im Fahrerhaus, ist es überraschend ruhig. Wenn das maschinelle Kraftpaket voll automatisiert die Blätter der Rüben abtrennt und die Früchte aus dem Boden über ein Fließband in den Bunker des Tigers befördert, ist ein Rumpeln zu spüren, mehr nicht. Ein Blick nach hinten zeigt den „Bunker“, den großen Gitterkorb, in dem bis zu 30 Tonnen Rüben Platz finden. Wenn der Bunker voll ist, werden die Rüben zu einer sogenannten Miete aufgeschichtet - alles auf Knopfdruck.

Südniedersachsen ist Rübenland

Die Region Peine ist Rübenland, auf etwa 20 Prozent der Ackerflächen wachsen Zuckerrüben. Die Landwirte in Peine liefern ihre Ernte hauptsächlich an die Nordzucker-Fabrik in Clauen, die 1869 gegründet wurde. „In Clauen verarbeiten wir etwa 9400 Tonnen reine, also gesäuberte, Rüben pro Tag“, sagt Nordzucker-Experte Windt. Um auch Sonntags Zucker produzieren zu können werden täglich rund 12 500 Tonnen Rüben angeliefert. Zur Zuckerfabrik in Clauen reisen die Rüben maximal 50 Kilometer. Andere Zuckerfabriken haben Lieferwege von bis zu 200 Kilometern - denn die Zahl der Produktionsstätten ist dramatisch gesunken.

Bis zu den 1950er Jahren gab es allein in Niedersachsen noch etwa 150 Zuckerfabriken, zumeist von den Rübenanbauern selbst betrieben. Die Rüben wurden zu der Zeit noch von Hand geerntet. Die Entwicklung von Rodemaschinen erleichterte zwar die Arbeit, doch die kleinen Zuckerfabriken wurden trotzdem bald unwirtschaftlich. Von den verbliebenen 20 Zuckerfabriken in ganz Deutschland sind vier in Niedersachsen angesiedelt, drei davon in einem Umkreis von 40 Kilometern um Peine.

Klimawandel bringt Verluste

Vor der Verarbeitung wird der durchschnittliche Zuckergehalt der reinen Rüben ermittelt. Inzwischen liegt der Durchschnitt bei 18 Prozent. „Der Rübenanbau war viele Jahre auf einem Hoch“, weiß Windt, „denn durch gezielte Züchtungen konnte der Zuckergehalt erhöht und der Anbau nahezu perfektioniert werden.“ Externe Einflüsse erschweren den Landwirten jetzt jedoch ihre Arbeit. „Durch den Klimawandel wird sich einiges ändern“, meint Landwirt Ulrich Langenhoff. Extreme Wettersituationen wie zu viel Regen sorge für niedrigere Zuckergehalte und es erschwere die Rodungen, bei zu viel Trockenheit können die Rüben konnten ihr Ertragspotenzial nicht voll ausschöpfen.

Ungewisse Zukunft der Rüben

Zu trocken darf es andererseits auch nicht sein. Den guten Lehmböden der Region sei es zu verdanken, dass die letzten beiden sehr trockenen Jahre nicht zu Verlusten führten. „Die Wurzeln der Rüben reichen über zwei Meter tief. Die gute Wasserspeicherkapazität der Böden hat auch in der Hitze zu guten Erträgen geführt“, erklärt Rübenfachmann Windt. „Bei der Hitze gab es weniger Rüben, aber sie hatten einen hohen Zuckergehalt.“ Jetzt seien die Wasserspeicher aber leer. „Wenn das Grundwasser sich bis Februar nicht durch ausreichend Regen auffüllt, wird es negative Folgen für den Rübenanbau geben und damit für die Landwirte, die Zuckerfabriken und die Endverbraucher.“

Der Zuckerrübenanbau in der Region

Südniedersachsen gilt als Zuckerrübenhochburg in Deutschland. Laut der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker (WVZ) werden im Landkreis Peine 17,5 Prozent der gesamten Ackerflächen für den Zuckerrübenanbau genutzt. „Insgesamt sind das 6072 Hektar für den Rübenanbau in Peine“, bestätigen WVZ-Sprecherin Sandra Golz und Registrierungen bei der Landwirtschaftskammer (LWK). In Gifhorn sind es bis zu zehn Prozent, das entspricht laut LWK-Sprecher Wolfgang Ehrecke 6135 Hektar, die in diesem Jahr für den Zuckerrübenanbau gemeldet wurden. In Wolfsburg sind es 540 Hektar, also bis zu zwei Prozent der Ackerflächen. Deutschlandweit schätzt die WVZ die Anbaufläche für Zuckerrüben auf 375 500 Hektar.

Bewirtschaftet werden die Anbauflächen in Niedersachsen von 5000 Landwirten. Allein die Zuckerfabrik in Clauen wird von 1000 landwirtschaftlichen Betrieben beliefert, die dazu beitragen, dass während der Kampagne in Clauen 202 000 Tonnen Weißzucker hergestellt werden.

Zuckerrüben für Wirtschaft und Einkommen

Jeder Landwirt, der an Nordzucker liefert, kann seinen Ertrag einsehen. In Peine liegt der Rübenertrag zwischen 67 und 74,3 Tonnen pro Hektar mit einem Zuckergehalt von bis zu 18,8 Prozent. Das entspricht einem Zuckertrag von bis zu 13,1 Tonnen pro Hektar. In Gifhorn liegt der Ertrag bei 69,8 Tonnen Rüben pro Hektar mit einem Zuckergehalt von 18,3 Prozent – der Zuckerertrag beträgt 12,8 Tonnen pro Hektar.

Vom Zuckerrübenanbau sind viele Menschen abhängig, denn er schafft Arbeitsplätze und ist ein zentraler Wirtschaftsfaktor. Laut dem unabhängigen Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR sichert die deutsche Zuckerindustrie heute mit vor- und nachgelagerten Arbeitsplätzen das Einkommen von 80 000 Menschen.

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Von Mara-Ann Meeuw

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