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Gifhorns Thema des Tages Darum engagieren sich Helfer für Opfer
Thema Specials Gifhorns Thema des Tages Darum engagieren sich Helfer für Opfer
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09:45 26.11.2019
Den Opfern helfen: Karlheinz Becker und Birgit Krämer wissen aus beruflicher und ehrenamtlicher Erfahrung, wie wichtig die Arbeit des Weißen Rings ist. Quelle: Sebastian Preuß
Gifhorn

Darauf ist so manches Verbrechensopfer nicht gefasst: Der Zeugenstuhl kann so unbequem werden wie die Anklagebank. Der Verteidiger nimmt das Opfer so stark ran, dass es danach nicht weiß, wo sein Kopf steht, und sich fragt, wer eigentlich angeklagt ist. „Das kann es nicht sein“, sagt sich Karlheinz Becker an einem Prozesstag nach seiner Zeugenaussage als Kriminalbeamter. Die Entscheidung ist gefallen. Zusammen mit Birgit Krämer aus Calberlah, die ähnliche Erlebnisse als Schöffin hatte, arbeitet der Wittinger deshalb ehrenamtlich für den Weißen Ring Gifhorn.

Karlheinz Becker war Kriminalbeamter. „Da kriegt man das ganze Elend der Opfer mit.“ Etwa wenn er nach seiner Zeugenaussage als Polizist einen Prozess als Zuschauer noch weiter verfolgte. „Da ist mir sehr häufig aufgefallen, wie die Opfer massiv angegangen wurden. Hinterher sind die häufig psychisch angeschlagen.“ Becker zufolge müssten Opfer viel besser auf Gerichtsverfahren vorbereitet werden – sachlich und mental.

„Da sieht man, wie Betroffene leiden“

Ähnliche Erlebnisse hat Birgit Krämer, die als Schöffin bei Gericht arbeitet. „Da sieht man, wie Betroffene leiden.“ Die Tochter eines Polizisten, die mit „Aktenzeichen xy“ groß geworden ist, trat 1991 zunächst passiv dem Weißen Ring bei. Nach einiger Zeit als ehrenamtliche Richterin war ihr klar: „Da musst du aktiv werden.“ Das ist sie nun seit zehn Jahren, und fast so lange schon als Kreisstellenleiterin in Gifhorn.

Fälle, die dem Profi nahe gehen

Becker trat vor fünf Jahren dem Weißen Ring in Gifhorn bei. Der 69-jährige Südpfälzer, der seit 2013 der Liebe wegen in Wittingen lebt, wird jetzt Krämers Stellvertreter. Eine übelst zugerichtete Prostituierte und eine von einem Heiratsschwindler um ihr Erspartes gebrachte Rentnerin: Das sind zwei Beispiele, der er spontan nennt, wenn er nach ihm nahe gehenden Fällen gefragt wird. „Das hat mich sehr berührt.“

Warten auf Therapieplatz

Von „unter die Haut gehen“ spricht Krämer. Etwa wenn es um Stalking geht oder sexuellen Missbrauch in der Kindheit. „Das beschäftigt mich sehr.“ Allerdings ist auch das Leben nach der Tat für sie ein Thema. Da gibt es aus ihrer Sicht noch viel Nachholbedarf in Sachen Opferschutz. „Was mich auch bedrückt, ist, wie schwer es Betroffenen fällt, einen Therapieplatz zu bekommen.“ Allgemein warteten sie Monate. „Das ist für die Betroffenen unheimlich belastend.“

Hilfe für Opfer von Verbrechen: Der Weiße Ring hört zu, steht bei Aussagen vor Polizei und Gericht bei und unterstützt bei Anträgen etwa für Psychotherapien. Quelle: dpa

Krämer und Becker wünschen sich für den Weißen Ring, dass er so unabhängig bleibt, wie er jetzt ist. Also sich weiterhin von Spenden und Mitgliedsbeiträgen finanziert, auch wenn es mühselig ist. Aber auch in Richtung der Opfer haben sie einen Wunsch: Sie hoffen, dass die Betroffenen mehr Mut finden, die eigenen Rechte wahrzunehmen. Und sie wünschen ihnen, dass sie für das Erlebte ein offenes Ohr im Bekannten- oder Verwandtenkreis finden. Gerade bei Kindern, sagt Krämer: „Statistisch gesehen müssen Kinder mehreren Erwachsenen erzählen, was ihnen passiert ist, bis sie auf jemanden stoßen, der sie ernst nimmt.“

Generell würde aber auch mehr Zivilcourage dazu beitragen, dass weniger Menschen überhaupt Opfer von Verbrechen werden. „Ich habe den Eindruck, dass zu viel weggeschaut wird – gerade in der Nachbarschaft“, sagt Ex-Polizist Becker. „Das ist ein gesellschaftliches Problem.“

Hier erhalten Verbrechensopfer Hilfe

Der Weiße Ring ist in Gifhorn, Peine und Wolfsburg mit Kreisstellen vertreten. Das sind die Kontaktdaten für Opfer von Verbrechen:

Das leistet der Weiße Ring für Betroffene

Opfer von Verbrechen sollen nicht ratlos und allein dastehen. Das hat sich der Weiße Ring zum Ziel gesetzt. Die auf ehrenamtlicher Basis arbeitende Institution wünscht sich, dass sich noch mehr Betroffene an sie wenden – auch wenn an Mitarbeit Interessierte ihr nicht gerade die Bude einrennen.

Klassische Fälle für Birgit Krämer vom Weißen Ring in Gifhorn sind häusliche Gewalt und sexuelle Nötigung.Oder sexueller Missbrauch in der Kinderheit: „Das sind dann Erwachsene, die entweder das ganze Leben lang Probleme haben. Oder sie kommen wegen einer ganz bestimmten Lebenssituation.“ Weitere Fälle sind Stalking, Handtaschendiebstähle und die Betreuung von Hinterbliebenen bei Tötungsdelikten. Der Gifhorner Weiße Ring hatte in diesem Jahr insgesamt schon mehr als 35 Fälle zu bearbeiten – ohne die rein telefonischen Beratungen.

Weißer Ring ruft auf, zu ihm zu kommen

Einbruchsopfer sind laut Krämer selten unter den Klienten. Dabei belasteten gerade diese Taten Opfer sehr. „Wir sind da, kommt zu uns“, ruft Gerhard Welge, Leiter des Weißen Rings in Peine, Betroffene auf. Auch seiner Auffassung nach müssten viel mehr Leute Rat und Hilfe suchen, als seine Statistik mit zwischen 60 und 80 Fällen pro Jahr hergebe. Wenn er sich die Kriminalstatistik dagegen anschaue, frage er sich: „Wo bleiben die anderen?“

Zuhören ist ganz wichtig

„Ein wesentliches Element unserer Arbeit ist sich Zeit nehmen zum Zuhören“, sagt Welge, als er gerade von einem Stalking-Opfer kommt, das sich zwei Stunden lang Kummer von der Seele geredet habe. „Der Weiße Ring versteht sich als Scout durch den Dschungel der Hilfemöglichkeiten“, sagt Landesvorsitzender Rainer Bruckert.

Hilfe mit praktischen Ratschlägen

Dabei geht es nicht nur ums Zuhören. Der Weiße Ring gibt zum Beispiel Hilfeschecks für Rechtsberatung, Erstberatung durch einen Psychotherapeuten oder für eine gerichtsverwertbare Beweissicherung für den Fall, dass Opfer aktuell noch keine Anzeige erstatten wollen. Die Leute vom Weißen Ring begleiten die Opfer zu Vernehmungen, Gerichtsterminen und zu Behörden und helfen bei Anträgen, etwa auf Entschädigung, Renten, Arzt-, Gerichts- und Anwaltskosten.

Der Weiße Ring braucht Ehrenamtliche

Hilfe brauchen die Helfer selbst. Die drei Kreisstellen in Gifhorn, Peine und Wolfsburg haben jeweils rund ein halbes Dutzend ehrenamtliche Mitglieder, wovon nicht alle stets verfügbar sind. Einen echten Engpass sieht zum Beispiel Welge in Peine nicht, er wäre dennoch über jeden Interessierten froh. In Wolfsburg ist die Lage anders. Dort gibt es aktuell fünf Mitarbeitende (im Jahr 2018 gab es 33 Fälle), aber keine Leitung. Die übernimmt seit Jahren der Landesverband.

Auf Hilfe von VW setzen

„In Wolfsburg setzen wir unter anderem in jüngster Zeit auch auf die Förderung und Unterstützung des Ehrenamtes im VW-Konzern, von wo wir aktuell zwei neue Kandidatinnen gewinnen konnten“, sagt Bruckert. „Geplant ist auch die Ansprache zukünftiger Rentner und Pensionäre aus der öffentlichen Verwaltung unter dem Motto ,Was machst Du eigentlich im Ruhestand’.“

Interessierte bei der Stange halten

Einfach ist es nicht, neue Leute zu finden, weiß Welge. Die Fälle kommen nicht konstant rein, manchmal gebe es eine Flaute, in der auch das Interesse bei den Neuen abzuflauen drohe.

Von Dirk Reitmeister

Der Weiße Ring setzt sich ehrenamtlich für die Unterstützung von Verbrechensopfer ein. Können Sie es Sie es sich vorstellen, dessen ehrenamtliche Hilfe zu unterstützen? Was ist Ihre Meinung? Wer an unserer AZ-Umfrage teilnimmt, kann einen 100-Euro-Gutschein der Konzertkasse gewinnen.

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