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Euro 2012 Wieder Zeit für einen Titel
Thema Specials Euro 2012 Wieder Zeit für einen Titel
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21:50 08.06.2012
Von Heiko Rehberg
Lang ist’s her: Oliver Bierhoff und Matthias Sammer mit dem EM-Pokal in London 1996.
Lang ist’s her: Oliver Bierhoff und Matthias Sammer mit dem EM-Pokal in London 1996. Quelle: dpa
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Danzig/Lwiw

16 Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Um ein Gefühl dafür zu bekommen, muss man sich nur in Gedanken auf eine kleine Zeitreise zurück ins Jahr 1996 begeben und dort an ein paar Haltestellen kurz Rast machen. Vor 16 Jahren hieß der Bundeskanzler Helmut Kohl. Und der Bundestrainer Berti Vogts. Hannover 96 spielte von August an in der 3. Liga. Google gab es noch nicht und Facebook auch nicht. Thomas Müller war sechs Jahre alt. Mesut Özil sieben. Sami Khedira neun. Und Manuel Neuer war zehn und galt als talentierter Feldspieler.

16 Jahre sind lang, vor allem wenn man 16 Jahre warten muss. Am 30. Juni vor 16 Jahren hat Deutschland in London die Fußball-Europameisterschaft gewonnen. Nach 16 Jahren darf man mit ruhigem Gewissen den Satz formulieren: Es wird Zeit. Zeit für den nächsten Titel. Und man darf die Frage anhängen: Wann, wenn nicht jetzt, wird die Chance besser, das deutsche Sehnsuchtsgefühl nach einem großen Fußballerfolg der Nationalmannschaft zu erfüllen?

„Die Anspannung war noch nie so groß“, sagte Oliver Bierhoff vor dem deutschen EM-Auftakt am Sonnabend gegen Portugal in Lwiw (20.45 Uhr, live in der ARD). Bierhoff ist so eine Art Brückenbauer in die Vergangenheit. Er ist heute Manager der Nationalmannschaft. Und er hat vor 16 Jahren das sogenannte Golden Goal zum Titel geschossen.

Zu spüren war das besondere Kribbeln auch in den vergangenen Tagen in Danzig in den Gesprächen mit den deutschen Spielern. „Ein positives Ergebnis wäre für uns sehr wichtig“, sagte zum Beispiel Torwart Neuer, „dann würde der ganze Druck abfallen.“ Druck. Das passt eigentlich gar nicht zu dem Spielstil der Mannschaft, die sich auf elegant-lockere Weise durch die Qualifikation gedribbelt und mit dem 3:0-Testspielsieg gegen die Niederlande im November vergangenen Jahres neue Maßstäbe in puncto Schönheit gesetzt hat. Aber Druck ist der Fluch dieses Fußballs. Seit Deutschland gezeigt hat, dass es spanischer als die Spanier spielen kann, erwarten viele Menschen ein Endspiel zwischen diesen beiden Nationen am 1. Juli in Kiew. Und auch wenn es Bundestrainer Joachim Löw, Bierhoff und die Spieler derzeit nicht mehr offensiv formulieren: Natürlich erwarten auch sie nichts anderes.

„Wir wissen, was möglich ist“, sagte Bierhoff. „Wir haben aber beim 1:2 gegen Frankreich gesehen, was auch möglich ist.“ Bierhoff spricht von einer großen Erwartungshaltung. Und von einer großen Zuversicht. Und er ist der Einzige, der deutlich sagt, dass auch noch etwas anderes groß ist: Bierhoff nennt es „die Fallhöhe“.

Die deutsche Mannschaft hat so viele wunderbare Fußballer wie lange nicht: Sie besitzt mit Neuer einen schwer bezwingbaren Torhüter. Mit Philipp Lahm den besten Außenverteidiger der Welt, mit Bastian Schweinsteiger einen Mittelfeldchef, der Weltklasse nicht mehr nachweisen muss, dazu Mesut Özil, bei dessen Pässen manches wie Zauberei anmutet.

Es gibt nicht viele Spieler in Europa, die hart und platziert schießen können wie Lukas Podolski oder unberechenbar sind wie Thomas Müller, auf der Bank hat Löw mit Marco Reus einen Spieler, der vielleicht selbst noch gar nicht weiß, dass er ein Star der EM werden kann. Dabei reicht es, ihm beim Training beim Dribbeln zuzuschauen, um zu wissen, wie gut dieser Kerl ist.

Von Lahm, dem Kapitän, stammen folgende Sätze: „Der Charakter der Mannschaft stimmt, wir haben technisch starke Spieler. Wir sind bereit.“ Sie zeigen, dass die Deutschen sehr wohl wissen, dass ihr Weg ins Finale führen muss mit diesen Spielern und diesen Möglichkeiten. Aber in den vergangenen Wochen hat sich zu der berechtigten Zuversicht die Angst gesellt, dass die gewaltigen Erwartungen und die hohen eigenen Ansprüche vielleicht doch eine zu schwere Last sein könnten. Und noch ganz leise stellt sich die Frage, ob der Fußball, den die deutsche Mannschaft spielt, mit Mut und Schwung nach vorne und viel Gottvertrauen hinten, möglicherweise nicht für einen Titel taugt, sondern für 2. und 3. Plätze wie seit 2006 bei EM und WM. Hatten nicht die Portugiesen auch mal eine goldene Generation, die ohne Titel blieb? Und haben die Spanier nicht vier Jahrzehnte lang meist schön, aber immer erfolglos gespielt?

„Leistung muss durch einen großen Erfolg untermauert werden“, sagt Günter Netzer. 1972 ist er mit Deutschland Europameister geworden. 40 Jahre ist das her. Vor 40 Jahren war Joachim Löw 18 Jahre alt. Und Netzer war sein Idol.

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