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30 Jahre Mauerfall in Gifhorn 30 Jahre Mauerfall: So unschön konnten Reisen in die DDR sein
Thema Specials 30 Jahre Mauerfall in Gifhorn 30 Jahre Mauerfall: So unschön konnten Reisen in die DDR sein
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14:40 14.11.2019
Liebt leichtes Reisen: Der Lessiener Hobby-Heimatforscher Winfried Rolke erinnert sich noch gut an die Probleme bei DDR-Reisen. Quelle: Jörg Rohlfs Archiv
Lessien

„Ich habe das gar nicht mitbekommen, ich hatte Nachschicht“, erinnert sich Hobby-Heimatforscher Winfried Rolke eben nicht an den historischen Moment, den Fall der Grenze von vor 30 Jahren bei Brome und Zicherie. Wohl aber an den Tag danach und die Jahrzehnte davor mit Reisebeschränkungen und Schikanen.

Der Blick von oben

Tags zuvor am Nachmittag war der Lessiener, auch schon immer an der Frühzeit interessiert, nämlich mit einer archäologischen Arbeitsgemeinschaft auf dem Radenbecker Wachtberg auf Spurensuche unterwegs. „Von da oben hatte man einen guten Blick auf die Grenze.“ Und man sah, dass da unten etwas vor sich ging und rätselte, was. Doch erst am nächsten Tag, nach Nachtschicht, essen und schlafen, erfuhr Rolke die Neuigkeiten, war „wie vor den Kopf geschlagen“, musste das erstmal „sacken lassen“ und freute sich schließlich darüber, endlich „einfacher reisen zu können“ zu den vielen Verwandten im Osten.

An der Grenze geschwitzt

Die erste Begegnung mit der neuen Reisefreiheit bestand an jenem Tag allerdings noch darin, dass er „kaum mit dem Auto aus Lessien rauskam“ und in einer Blechlawine „im Zuckeltrab nach Ehra“ fuhr, um Besorgungen zu machen. Das war aber immer noch besser als so manche Reise in die DDR zuvor: „Da habe ich oft geschwitzt an der Grenze“, so Rolke.

Auto zerlegt

Zum Beispiel als er die Geige vom Onkel dabei hatte und ein Grenzer ihn raus winkte zwischen zwei Kontrollbaracken, er dann aber doch weiterfahren durfte, weil der Wagen wegen irgendwas „im Weg stand“ – und erleichtert war: „Ich habe das mal gesehen, wie sie am Übergang Bergen/Dumme ein Auto zerlegt haben.“

Tante in Buchholz

Oder als er selbst gemachte Butter und Mettwürste von der Tante in Buchholz bekommen hatte und diese „unter Handtüchern und ungewaschene Socken“ in den Koffer gepackt hatte, auf dass die Köstlichkeiten nicht entdeckt würden. Natürlich wurde Rolke am Übergang bei Oebisfelde angehalten, sein Auto durchsucht und der Koffer. Zum Glück nicht gründlich: „Ich habe die Mettwürste gerochen.“ Der Grenzbeamte wohl nicht.

Geld in der Schokolade

Oder damals, noch in den 1960-er-Jahren, als Winfried Rolke mit seinen Eltern mit dem Zug zu einer Beerdigung nach Löbau in Sachsen fuhr und sein Vater für die Verwandten in vier Tafeln Schokolade Westmark versteckt hatte. Quasi im letzten Moment gelang es dem Vater, die DDR-Kontrolleure zu überzeugen, dass sein Sohn die Schokolade behalten durfte. „Trotzdem wurde er zwölf Stunden festgehalten, weil er in Plauen geboren war und der Verdacht bestand, dass er ein Republikflüchtling war.“

Goldene Schnitte

Aber auch direkt nach dem Mauerfall gab’s manchen „Schuss in den Ofen“ und „viele Betrügereien“, bei denen goldene Schnitte gemacht wurden im Rahmen und im Namen der Wiedervereinigung Deutschlands: „Da sind Dinge gelaufen“, meint Winfried Rolke kopfschüttelnd.

Lesen Sie mehr zum Thema Grenzöffnung

In lockerer Reihe erinnert die Aller-Zeitung an die Tage der Grenzöffnung vor 30 Jahren und daran, was damals im Landkreis Gifhorn passiert ist:

14. November 2019: So haben Schüler aus Gifhorn und Wesendorf den Mauerfall in Berlin erlebt

11. November 2019: So feiern Zicherie und Böckwitz den Mauerfall

9. November 2019: Marienborn: So erlebte der Journalist Jürgen Gückel den Mauerfall

7. November 2019: So erlebte Gifhorn den 9. November 1989

5. November 2019: Das geteilte Dorf: Kann Zicherie-Böckwitz wieder zusammenwachsen?

4. November 2019: Bromes Ex-Bürgermeister Adolf Bannier erinnert sich an den Mauerfall: „Das war die aufregendste Zeit“

1. November 2019: Erzählender Zeitzeuge: Der Landwirt Ulrich Lange aus Zicherie hat die Grenzöffnung vor 30 Jahren hautnah miterlebt

1. November 2019: Großes Fest im ehemals geteilten Doppeldorf Zicherie Böckwitz

15. Oktober 2019: Wie die Wende eine Familie wieder vereinte

Von Jörg Rohlfs

Der Wesendorfer Wolfgang Schwenke war als Lehrer mit seinen Schülern im November 1989 auf Klassenfahrt in Berlin. Beeindruckende Erlebnisse und Fotos vom Mauerfall hat er mitgebracht. In der AZ erinnert er sich. Auch HG-Schüler waren live dabei.

13.11.2019

Als vor 30 Jahren die Grenze fiel, arbeitete Jürgen Gückel im Braunschweig-Büro von Madsack, das auch für die Aller-Zeitung aus der Löwenstadt berichtete. Er war am 9. November der erste Journalist am Grenzübergang Marienborn.

09.11.2019

„Meines Wissens sofort, unverzüglich“: Den 9. November 1989 werden auch Gifhorner nicht vergessen. Doch für den Alltag in der Stadt damals hatten andere Tage rund um den Mauerfall mehr Auswirkungen.

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