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Sport überregional Traum vom Gold nach Patzern geplatzt
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16:19 17.02.2010
Von Carsten Schmidt
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Mit leerem Blick sah er den anderen beim Siegen zu. In den Katakomben des Pacific Coliseums an ein Absperrgitter gelehnt, verfolgte Ingo Steuer die Kür der Chinesen Shen Xue und Zhao Hongbo vor einem Fernsehschirm; da wusste der deutsche Trainer längst, dass sich für sein Paar Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy der Traum von der olympischen Goldmedaille erledigt hatte. Er wusste es seit dem Fehler beim Doppelaxel nach weniger als zwei Minuten der Kür.

Gold hatten Sawtschenko und Szolkowy gewinnen wollen. Die Chance wäre da gewesen angesichts einer Konkurrenz, in der kaum ein Paar fehlerlos gelaufen war. „Heute hätten wir es schaffen können“, klagte Steuer, „heute hätten wir es machen müssen“. Warum es nicht klappte? Vielleicht lag es daran, dass ihnen nach unruhigen Wochen und Monaten im entscheidenden Moment die Sicherheit fehlte. Schon beim ersten Element der Kür, einer Sprungkombination, drehte Sawtschenko den zweiten der zwei geplanten Toeloops nur doppelt.

Doch entscheidend war der zweite Fehler. Um das Programm zu stabilisieren, hatte das Paar kurz vor Beginn der Spiele den dreifachen Salchow durch den Doppelaxel ersetzt, doch schon beim Absprung dazu spürte Szolkowy eine gewisse Unsicherheit. Bei der Landung griff er zunächst aufs Eis, rutschte dann aus, und von diesem Moment an war den beiden und Steuer draußen an der Bande klar, dass es mit dem Sieg wohl nichts werden würde.

Irgendwie sei der Druck doch ziemlich groß gewesen, meinte Szolkowy, „vielleicht war das zu viel für mich“. Es wird sicher Leute geben, die kritisieren, sie hätten sich mit ihrer Ankündigung, Gold gewinnen zu wollen, selbst unter Druck gesetzt. Aber was hätten sie denn sagen sollen als zweimalige Weltmeister? Dass sie Bronze gewinnen wollen?

Hinterher versuchte Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds, Sawtschenko zu trösten, doch das änderte nichts am Gefühl der Leere. Aber dass auch sie, die vor Ehrgeiz oft vibriert, in den turbulenten Zeiten der Partnerschaft mit Szolkowy und Steuer gewachsen ist, das sah man an ihrer Reaktion. Sie machte kein Hehl aus ihrer Enttäuschung, aber sie rannte nicht weg wie früher, sondern gab überraschend deutlich zu erkennen, wie sehr ihr an der Fortsetzung dieser Partnerschaft gelegen ist.

Beim nächsten Mal, meinte sie, würden sie es besser machen, und die Frage, ob das bedeute, dass sie weitermachen wolle, beantwortete sie mit Ja. Mit Szolkowy? „Am liebsten mit Robin, mal schauen“.

Sie selbst ist 26 Jahre alt, der Partner feiert im Sommer den 31. Geburtstag, damit gehört man nicht mehr zu den jungen Hüpfern, aber was heißt das schon? Denn das beste Beispiel, dass manche Dinge etwas länger Zeit brauchen, sind Xue Shen (31) und Hongbo Zhao (36). Seit 18 Jahren sind die beiden ein Paar, zunächst nur auf dem Eis, später auch im Leben. Nach drei Weltmeistertiteln und olympischen Bronzemedaillen 2002 und 2006 hatten sie ihre Karriere im Jahr danach beendet. Doch die Sehnsucht nach Gold trieb sie zurück, und nun fehlt ihnen nichts mehr zum Glück. Das heißt, sie hatten am Ende auch ein wenig Glück, denn hätten die Landsleute Pang und Tong im Kurzprogramm die verdienten Noten bekommen, dann wären diese beiden womöglich Olympiasieger geworden. In der Kür kamen sie als einziges der starken Paare auf harmonischen Wegen ohne Fehler durch.

Mit der ersten Goldmedaille für China im Eiskunstlauf ging auch eine Ära zu Ende. Seit dem Sieg der legendären Ludmilla Belousowa und Oleg Protopopow 1964 in Innsbruck hatten stets russische Paare gewonnen. Wozu Steuer anmerkte, es sei doch gut, dass mal andere im Licht stünden; logischerweise hätte er lieber sein Paar an dieser Stelle gesehen.

„Warte nicht bis 37, bis du deine Goldmedaille gewinnst“, meinte Zhao nach dem Ende zu Robin Szolkowy. Wie der Deutsche die Chancen auf eine Fortsetzung der Karriere über die Weltmeisterschaften Ende März in Turin hinaus sieht? „Nach sechs, sieben Jahren lernt man sich besser kennen“, sagte er. Die Zeit der ersten Kämpfe ist vorbei, das Verständnis füreinander wächst, auch das Vertrauen. Also wird es weitergehen? „Es ist alles offen. Mal sehen, wie wir in Turin drauf sind“.

Am Ende dieses Abends in Vancouver gab es nichts zu entscheiden. Da ging es nur noch darum, die Enttäuschung zu ertragen und zu akzeptieren.

Der Platzwart 17.02.2010
17.02.2010