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17:55 18.04.2012
Von Stefan Knopf
Bis zur letzten Sekunde hat Mario Gomez an sein Tor gegen Real Madrid geglaubt. Und dann bugsierte er den Ball tatsächlich über die Linie.
Bis zur letzten Sekunde hat Mario Gomez an sein Tor gegen Real Madrid geglaubt. Und dann bugsierte er den Ball tatsächlich über die Linie. Quelle: dpa
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München

Die meisten seiner Mannschaftskollegen hatten die Münchener Fußballarena bereits verlassen, da endlich kam auch Mario Gomez aus dem Kabinengang. Sein Erscheinen war wie eine Fortsetzung der 90 Minuten zuvor; in diesem denkwürdigen Halbfinalhinspiel der Champions League gegen Real Madrid am Dienstagabend war es ja ähnlich gewesen, auch da hatte der Bayern-Stürmer seinen Auftritt erst spät. Gewiss, die eine oder andere auffällige Szene hatte Gomez gehabt, als er drei Torchancen versiebte. Doch erst in der 90. Spielminute, mit seinem Siegtreffer zum 2:1, wurde er zum Mann des Spiels.

Gomez also wühlte sich durch die Schar der wartenden Medienvertreter wie er sich zuvor bei seinem Treffer durch die Abwehr von Real gekämpft hatte, im Schlepptau ratterte sein schwarzes Köfferchen über den Boden der Stadionflure. „Bis zur letzten Sekunde“, sagte Gomez, habe er an dieses Tor geglaubt; noch immer also, als sich viele der 66.000 Zuschauer im Stadion und knapp elf Millionen vor den Fernsehschirmen längst auf ein Unentschieden in diesem ewigen Duell eingestellt hatten. Und man mag sich gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn auch Gomez den Glauben an diesen Treffer verloren hätte. Ein 1:1 wäre für Real ein Wunschergebnis gewesen vor dem Rückspiel im Bernabéu-Stadion in sechs Tagen; die Chancen der Bayern in diesem Fall wären nach Auffassung vieler Beobachter ungefähr so aussichtsreich gewesen wie die von Hertha BSC Berlin auf den direkten Verbleib in der Bundesliga.

Gomez’ Treffer aber schob die Wolken beiseite nach diesen zuletzt doch recht trüben Bayern-Tagen. Sein Tor gab den Münchenern den Glauben daran zurück, eine Saison doch retten zu können, die noch vor wenigen Tagen reichlich verkorkst schien.

Man muss das ja noch mal in aller Deutlichkeit sagen: Bereits drei Spieltage vor Saisonende abgeschlagen zu sein im Rennen um die Meisterschaft - zumal nach einem Halbzeitvorsprung von drei Punkten -, das ist für einen Verein mit dem Selbstverständnis des FC Bayern indiskutabel. Und allein die Tatsache, dass das wichtige Halbfinale gegen Real vor der Tür stand, dürfte die Bayern-Bosse von einem größeren Wutausbruch abgehalten haben. Schließlich wollte niemand die Konzentration stören und damit das nächste, prestigeträchtige Vorhaben gefährden: als erste Mannschaft das Champions-League-Finale im eigenen Stadion zu erreichen.

Zumal kaum jemand so recht einzuschätzen wusste, wo genau die Bayern standen vor dem Spiel gegen die „Königlichen“. Real, das bis dahin 20 Pflichtspiele in Folge nicht verloren hatte, schien beinahe übermächtig zu sein. Und im Hinterkopf formierte sich allmählich der leise Gedanke, dass aus der Jagd auf das Erreichen der Saisonziele Meisterschaft, Champions-League-Finale und Pokalsieg alsbald ein lustiger Abzählreim werden könnte: drei, zwei, eins, keins. Gomez’ Treffer aber zauberte Christian Nerlinger die Farbe zurück ins Gesicht, und im Überschwang der nächtlichen Gefühle stellte der Sportdirektor sogleich freudig fest: „Wenn ich die Leistung dieses Abends sehe, traue ich uns auch einen Sieg in Madrid zu.“

In der Tat: So viel Leidenschaft auf dem Rasen war bei den Bayern zuletzt selten zu erkennen gewesen, und das Vokabular, für das sich die Münchener Profis nach dem Abpfiff entschieden, klang mehr nach Bundesligakeller als nach Beletage. Das Wort „Arbeit“ war da oft zu hören, Kapitän Philipp Lahm wollte sogar eine „Schlacht“ erkannt haben. Das 2:1, räumte der nach einer Stunde eingewechselte Mittelfeldspieler Thomas Müller ein, sei wegen der Auswärtstorregel zwar ein „gefährliches Ergebnis, aber das ist eine Ausgangslage, die machbar ist“. Der Glaube daran, den Brocken Real aus dem Weg zu räumen, ist spürbar gewachsen, seit die Sonne wieder lacht in der Bayern-Welt.

Für ein Tor sind die Münchener schließlich immer gut, zumal, wenn Gomez weiter so zuverlässig trifft wie bisher: 40 Tore hat er für die Bayern in 46 Pflichtspielen dieser Saison bereits erzielt. Und während Real am kommenden Sonnabend beim FC Barcelona antreten muss, wo eine Entscheidung um die Meisterschaft in der Primera División fallen kann, können die Münchener entspannt zum Trainingsspiel nach Bremen aufbrechen und einige Stammspieler schonen - eine Aussicht, die in Hannover angesichts des Europa-League-Fernduells mit Werder nicht jedem gefallen dürfte.

„Natürlich träume ich davon, ins Finale zu kommen“, sagte Gomez schon fast im Gehen, „und wir haben die Möglichkeit dazu.“ Dann ratterte das schwarze Köfferchen weiter; Gomez, der Wolkenschieber, machte sich auf zu seiner nächsten Mission. Vor dem Stadion warteten sehnsüchtig die Autogrammjäger.

Norbert Fettback 17.04.2012
Carsten Schmidt 15.04.2012