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Fußball überregional Das Meisterstück des Alleinherrschers
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21:08 22.05.2009
Von Heiko Rehberg
Wolfsburgs Trainer Felix Magath
Wolfsburgs Trainer Felix Magath Quelle: Oliver Lang/ddp
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Fußball ist ein unberechenbares Spiel, und deshalb kann am heutigen Sonnabend in der letzten Runde der Fußball-Bundesliga auch das noch passieren: In der 89. Minute unterläuft dem Wolfsburger Sascha Riether im Heimspiel gegen Werder Bremen ein Eigentor zum 0:1, in der 90. Minute schießt der Münchener Bastian Schweinsteiger das Siegtor zum 1:0 gegen den VfB Stuttgart. Dann wäre nicht der VfL Wolfsburg zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte deutscher Meister, sondern der FC Bayern zum 22. Mal.

Es ist also noch eine gewisse Vorsicht geboten bei all den Meistergeschichten, die in den vergangenen Tagen über den VfL Wolfsburg schon einmal geschrieben worden sind. Bis heute um 17.15 Uhr ist es zu früh für eine Meistergeschichte, noch muss die Schublade, in der die Begriffe „Märchen“, „Wunder“ oder „Sensation“ stecken, geschlossen bleiben, auch wenn die Medien bereits kräftig darin rumgewühlt haben. Eine Erfolgsgeschichte ist der Aufstieg des VfL Wolfsburg jedoch jetzt schon – mit oder ohne Schale.

Erfolg lässt sich im Fußball einfach messen. Man schaut auf die Tabelle. In dieser liegt der VfL Wolfsburg vor dem heutigen letzten Spieltag auf dem 1. Platz mit zwei Punkten Vorsprung vor Bayern München und dem VfB Stuttgart; ein Unentschieden gegen Bremen reicht zum Titel. Als der damalige VW-Chef Bernd Pischetsrieder vor fünf Jahren davon sprach, Wolfsburg wolle in die Champions League, wurde er in Fußballkreisen belächelt, hinter vorgehaltener Hand erzählten sich Manager anderer Klubs, Pischetsrieder solle sich lieber um seine Autos kümmern. Jetzt hat der VfL einen Platz in der Champions League, dem Sehnsuchtsziel aller großen und prominenten Klubs, bereits sicher.

Viel anschaulicher wird Erfolg, wenn man ein paar Jahre zurückblickt. Bis 1992 war der VfL Wolfsburg ein Oberligist, 1996 noch ein Zweitligist. 1997 stieg er in die 1. Liga auf und spielte im Stadion „Am Elsterweg“, das aussah wie ein Playmobil-Stadion und selten voll war. Wolfsburg gehörte zu den 18 besten deutschen Fußballklubs, aber außerhalb der Stadt nahm das kaum einer wahr, wenn man einmal von der Kuriosität absieht, dass die „Wölfe“ jahrelang einen Trainer hatten, der Wolfgang Wolf hieß. Bei einer Umfrage unter deutschen Fußballfans, welche drei Klubs denn ihrer Meinung nach gerne wieder aus der 1. Liga absteigen sollten, wäre der VfL mit Garantie stets genannt worden. Aber Wolfsburg ließ sich einfach nicht aus der Liga ekeln, erst in den Jahren 2006 und 2007 wäre es fast passiert, nur zweimal ganz knapp konnte der Abstieg verhindert werden.

Zu diesem Zeitpunkt kommt Hannover 96 ins Spiel. Denn auch das ist eine Möglichkeit, Erfolg anschaulich zu machen: durch einen Vergleich. Es ist genau eine Woche her, dass der VfL Wolfsburg in Hannover mit 5:0 gewonnen hat. Für 96-Fans gibt es nur ein Ergebnis, das schlimmer sein könnte – ein 0:5 gegen Eintracht Braunschweig.

Noch im Jahr 2007 hatte Hannover 96 die Bundesligasaison als Tabellenelfter abgeschlossen – vier Plätze besser als die Wolfsburger. Zwei Jahre später wird 96 nach einer enttäuschenden Spielzeit vermutlich wieder Tabellenelfter – und steht derzeit in der Gunst selbst der eigenen Fans auf einem Abstiegsplatz –, während Wolfsburg möglicherweise Meister wird. Was also haben sie in Wolfsburg anders und besser gemacht?

Wolfsburg hat mehr Geld, sagen sie bei 96. Da könne man nicht mithalten. Das stimmt und taugt trotzdem nur bedingt als Erklärung. Die elf Wolfsburger Spieler, die heute das Meisterstück machen sollen, haben insgesamt knapp 40 Millionen Euro an Ablösesumme gekostet. Von einer solchen Summe kann 96 tatsächlich nur träumen. Geld zu haben ist im Fußball hilfreich, die Kunst aber ist es, für das Geld die richtigen Spieler zu finden; eine Kunst, die in Hannover seit Jahren nicht beherrscht wird.

Auch hier relativiert ein Vergleich das Arm-und-reich-Klischee. Im Sommer 2007 verpflichtete Hannover 96 für 4,5 Millionen Euro den Stürmer Mike Hanke – aus Wolfsburg. Der VfL legte 500 000 Euro davon zur Seite und holte für 4 Millionen Euro den Stürmer Edin Dzeko vom FK Teplice, von dem 90 Prozent der Fußballfans wahrscheinlich nie etwas gehört hatten. Hanke wurde in Hannover in dieser Saison vom eigenen Publikum ausgepfiffen, weil es den Eindruck hatte, dass dem Profi die eigenen Tore wichtiger waren als die der Mannschaft und ihm außerdem meistens der Ball versprang. Dzeko kann Torschützenkönig werden und hat fast so viele Treffer seiner Kollegen vorbereitet wie geschossen (25). Er wird Wolfsburg vermutlich wieder verlassen, was dem VfL 20 Millionen Euro von einem großen Klub aus England oder Spanien einbringen wird. Wer solche Geschäfte macht, kann auch mehr ausgeben.

Der VfL Wolfsburg wagte zudem nach zwei Jahren am Abgrund zur 2. Liga ein Experiment, das die Bundesliga vorher noch nicht gesehen hatte. Der Klub holte mit Felix Magath im Juli 2007 einen neuen Trainer und machte ihn auch zum Sportdirektor und Geschäftsführer. „Die Mannschaft lag damals in Trümmern“, sagt Magath, „deshalb habe ich mir ausbedungen, im sportlichen Bereich das alleinige Sagen zu haben.“ Während Konkurrenz und Medien noch lästerten über den dreifachen Magath, der mit sich selbst verhandeln müsse, krempelte der 55-Jährige das Team komplett und erfolgreich um.

Magath ist ein Trainer der alten Schule, er ist intelligent und autoritär, der Medizinball gehört fest zu seinem Übungsprogramm. In München hat er die Profis im Trainingslager die Berge hochsprinten lassen. Weil es in Wolfsburg keine Berge gibt, ließ er in diesem Frühjahr auf dem Trainingsgelände des VfL einen kleinen Hügel aufschütten, den die Spieler, wenn er nicht hinhört, den „Mount Magath“ nennen.

Magath wird den Klub wieder verlassen, Wolfsburg ist ihm zu klein geworden und war es vielleicht immer schon. Der FC Schalke 04 will in der kommenden Saison mit ihm das Wolfsburger Modell kopieren.

Vorher will der 55-Jährige aber noch seinen ganz persönlichen Gipfel in Wolfsburg besteigen.