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Wissen Wie Müllsammler von dem leben, was andere wegwerfen
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10:56 09.06.2019
Indien, Mumbai: Ein Mann sammelt Plastik und andere wiederverwertbare Materialen an der von Plastiktüten und sonstigen Müll übersäten Küste des Arabischen Meeres. Quelle: Rafiq Maqbool/AP/dpa
Hanoi/Hannover

Es ist drückend heiß in Tân An, der Hauptstadt der Provinz Long in der Region Mekong-Delta in Vietnam. Tropische 28 Grad Celsius schon vormittags um elf, das ist dort fast immer so. Nguyen Thi Hong macht sich auf den Weg zu ihrem Job. Jeden Tag um diese Zeit, sieben Tage die Woche, wenn es die Gesundheit zulässt, 365 Tage im Jahr. Frau Nguyen kennt es nicht anders. Sie lebt davon, Tag für Tag mit ihrem Handkarren durch die Straßen ihrer Stadt zu ziehen, auf der Suche nach Verwertbarem. Sie ist eine von Tausenden Müllsammlern in Vietnam. So beschreibt die Umweltorganisation WWF den Alltag der Vietnamesin.

Müll ist für viele Menschen in ärmeren Ländern eine Lebensgrundlage: Müllsammler durchforsten Abfälle, um Gegenstände und Materialien weiterzuverkaufen: Glas, Papier, Karton und Metall ebenso wie Plastikverpackungen, Plastikflaschen und Plastikbeutel. In Städten Afrikas, Lateinamerikas und Asiens gehören sie zum alltäglichen Stadtbild. Inzwischen sind sie auch immer öfter auf den Straßen Nordamerikas und Europas anzutreffen. Der Plastikatlas 2019, den die Heinrich-Böll-Stiftung und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) am Donnerstag veröffentlicht haben, beschreibt das Ausmaß dieser Arbeit.

Vier Millionen Menschen sammeln beruflich Müll

Schätzungen lokaler Organisationen zufolge, heißt es im Plastikatlas, arbeiten allein in Lateinamerika etwa vier Millionen Menschen in diesem informellen Sektor, meist Frauen und Mädchen. Eine Befragung von knapp 800 Müllsuchern in Afrika, Asien und Lateinamerika ergab, dass 65 Prozent der Befragten einen Großteil ihres Haushaltseinkommens erzielen, indem sie wiederverwertbare Abfälle sammeln und verkaufen.

Junge Müllsammler vor ihren Slum-Zelten in der HITEC City in Hyderabad, Indien. Quelle: Doereen Fiedler/dpa

Einige Familien lebten so schon über mehrere Generationen – auf Deponien oder neben offenen Müllgruben. „Sie sind in einem Armutskreislauf gefangen und haben mit zahlreichen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen“, schreiben die Autoren. Sie hantierten mit schadstoffhaltigen Materialien und seien Krankheiten ausgesetzt, die von Fliegen, Ratten und Kakerlaken übertragen werden. Auch Todesfälle gibt es: Müllsammler sterben, weil sie beim Versuch, die besten der von den Müllwagen angelieferten Materialien zu ergattern, verschüttet werden.

In den wohlhabenden Gebieten fällt der meiste Müll an

Für viele Müllsammelnde ist das Geschäft auch deshalb beschwerlich, weil sie weit weg von den wohlhabenderen Wohn- oder Gewerbegebieten leben, also dort, wo der meiste Müll anfalle. Mit Handkarren machten sie sich auf den Weg in die Viertel, um Abfälle aus den Mülltonnen und vom Straßenrand zu sammeln. Wieder zurück, bereiteten sie den Müll dann zum Verkauf auf.

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Deutschland ist Europas größter Plastikproduzent – 60 Prozent Verpackungsmüll werden verbrannt

Laut dem Plastikatlas schließen sich die Müllsammler mittlerweile in Verbänden, Genossenschaften oder lokalen Gruppen zusammen, die für eine geringere Schadstoffbelastung sowie sicherere Arbeitsbedingungen kämpfen. Sie ermöglichen den Zugang zu Abfallmaterialien mit höherem Marktwert. „Müllsammelnde verbringen mehr Zeit als irgendwer sonst mit dem Abfall der globalen Konsumwirtschaft. Kaum jemand kennt dessen Zusammensetzung und Beschaffenheit so gut wie sie.“

Deutscher Elektroschrott in Ghana: Der Recycler Lubman Idris nimmt vor seiner Werkstatt in Agbogbloshie ein altes Elektrogerät auseinander, um die Kupferspule darin zu gewinnen und diese weiterzuverkaufen. Quelle: Gioia Forster/dpa

Müllsammler tragen zum Klimaschutz bei

In Lateinamerika stammen 25 bis 50 Prozent aller Materialien, die Recyclingunternehmen weiterverarbeiten, von Müllsammelnden, schreiben die Autoren des Plastik-Atlas: „Ihre Arbeit trägt so dazu bei, die Materialgewinnung und -produktion von Kunststoffen zu reduzieren.“ Außerdem senkten sie den Treibhausgas-Ausstoß von Lastwagen – diese würden den Müll andernfalls über lange Strecken in die Deponien transportieren müssen.

Die Müllsammelnden gehören dem Plastikatlas zufolge zu den Ersten, die Plastik als problematischen Abfall identifiziert haben. Im Vergleich zu Papier, Pappe und Metall seien die Verkaufspreise für Kunststoff sehr gering – wenn es überhaupt Abnehmer gebe.

Anerkennung statt Ausgrenzung gefordert

Es gibt noch weitere Probleme. Die Arbeit der Menschen werde nicht anerkannt, stattdessen würden Müllsammler oft gesellschaftlich ausgegrenzt. „Damit sie als Fachkräfte, die unverzichtbare Dienstleistungen erbringen, anerkannt und unterstützt werden, sind entsprechende Gesetze erforderlich“, folgern die Autoren. Investiert werden müsse beispielsweise in Geländeflächen und entsprechende Ausrüstungen. Zudem könnten Gesetzesinitiativen Müllsammelnde und deren Familien unterstützen, indem sie für bessere Arbeitsbedingungen sorgen, Wohnraum zur Verfügung stellen und medizinische Versorgung ermöglichen.

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Von RND/so

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