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Wissen Wessi, Ossi, Wossi – von Mäusen und Menschen
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07:11 04.11.2019
Brandenburg, Hartmannsdorf: Eine Gelbhalsmaus (Apodemus flavicollis) ist auf einem Waldboden zu sehen. Die Ostmaus ist brauner, die Westmaus dicker. Quelle: Patrick Pleul/zb/dpa
Berlin

Sieben satte Katzen. Emanuel Heitlinger seufzt leise. Er hat sonst nichts gegen Miezen, schon gar nicht auf einem Bauernhof. Doch diese sieben Samtpfoten haben über Nacht seine Grundlagenforschung sabotiert. Heitlinger steht in der Vorratskammer neben Getreidesäcken, Pflaumen und Äpfeln. Ein Ort, von dem er sich viel versprach für die Wissenschaft. Nun blickt er auf elf Mausefallen – alle leer.

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Heitlinger ist Biologe und Professor an der Berliner Humboldt-Universität. Auf Mäusejagd geht er von Berufs wegen. 30 Jahre nach dem Mauerfall sucht er nach Ost- und Westmäusen. In einer Zone, in der sie sich begegnen: Brandenburg. Heitlinger, 39 Jahre, stammt aus dem Westen, aus Karlsruhe. Brandenburg empfindet er in Sachen Ost-, West- und Mischmausforschung als einfaches Terrain, im Sinn von freundlichem Desinteresse. Ganz anders sei das in Bayern gelaufen, berichtet er. Da habe die Polizei die wissenschaftliche Mäusejagd für die neueste Masche einer Gaunerkolonne gehalten.

Ganz einfach zu erklären ist die Mäuse-Geschichte ja auch nicht. Sie erinnert ein wenig an die Ost- und Westgoten-Episode im Film Feuerzangenbowle mit Heinz Rühmann. Die Hausmaus, Mus musculus, hat zumindest auch eine lange Völkerwanderung hinter sich. Die begann vor 500 000 Jahren in Asien.

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Aus den Weiten Russlands gen Westen

Da Hausmäuse später dem Menschen – oder besser seinen Vorratskammern – folgten, nahm Mus Musculus unterschiedliche Routen. Ostmäuse zogen über die Weiten Russlands gen Westen. Westmäuse bevorzugten die Mittelmeerroute und gelangten als blinde Schiffspassagiere bis in die USA und nach Australien. "Wenn sich Arten weltweit ausbreiten, müssen sie sich irgendwo wieder begegnen", sagt Emanuel Heitlinger. In diesem Fall: in Brandenburg.

Und nicht nur dort. Die deutsche Hausmaus-Begegnungszone verläuft von Wismar über die Müritz-Region, schlägt einen Bogen um den Berliner Osten, reicht weiter nach Sachsen und führt entlang der tschechischen Grenze bis Bayern. Dass diese Linie an manchen Stellen verdächtig dem Eisernen Vorhang folgt, hält Heitlinger für eine Laune der Natur. "Für die Evolution sind 40 Jahre nur ein Wimpernschlag", sagt er. Ganz so eng solle man das mit den Grenzen ohnehin nicht sehen. "Es gibt auch sächsische Westmäuse."

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Zwei Unterarten in Ost und West

Die lange Trennung hat die Ost- und Westexemplare genetisch aber so verändert, dass sie heute als zwei Unterarten gelten: Mus musculus musculus als Ost-Variante ist kleiner und brauner. Mus musculus domesticus im Westen wächst etwas größer und grauer heran. In einem zehn bis zwanzig Kilometer breiten Streifen vermischen sich beide Unterarten. "Diese Grenze ist relativ stabil", so Heitlinger.

Es ist vor allem diese Mischzone, die Forscher fasziniert. Wossi-Mäuse, das haben Heitlinger und seine Kollegen herausgefunden, vermehren sich weniger stark. Manchmal auch gar nicht. Dafür könnte es sein, dass ihr Immunsystem fitter ist, vermutlich durch weniger Parasiten. Das Hybriddasein hat für die Evolution wohl nicht nur Nachteile. "Der Mensch ist ja auch hybrid", sagt Heitlinger. "Zwei Prozent Neandertaler."

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Ost- und Westmäuse können sich nicht so richtig riechen

Es gilt aber auch: Wenn sie es vermeiden können, paaren sich Ost- und Westmäuse nicht. Das liege vor allem am Instinkt der Weibchen, erläutert der Forscher. Rieche eine Westmaus am Rand eines Mischgebiets einen Westmäuserich, bevorzuge sie den. Die Ostmausfrau mache das auf der anderen Seite genauso. Nur Mäuseriche, ob nun Ost oder West, die nehmen alles. Auch das ist Evolution. Mitten in der Hybridzone haben Mäuse ohnehin keine Wahl: Wo alles Wossi ist, finden sich keine reinrassigen Partner.

Ein langes Leben ist Heitlingers Hausmäusen, die seine Studenten an diesem Tag schließlich doch noch fangen, nicht vergönnt. Ein paar Tage Fettlebe in der Feldforschungsstation nahe Eberswalde, dann werden sie seziert. "Geht nicht anders", sagt Heitlinger. Um den Parasitenbefall zu erforschen, müsse er den Tieren in den Darm schauen.

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Auch in Freiheit ist das Hausmaus-Dasein, ob nun als Ossi, Wessi oder Wossi, nicht gerade beschaulich. Oft währt es nur ein paar Monate, schon eine kalte Nacht kann für ein 25-Gramm-Mäuschen Lebensgefahr bedeuten. Und Feind ist so ziemlich jeder: Katze, Greifvogel, sogar ein Huhn – die Schlagfalle in so mancher Vorratskammer nicht zu vergessen.

RND/dpa/Ulrike von Leszczynski

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