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Wissen „Wenn ein Schwein Goethe-Gedichte zitiert, wäre eine Grenze überschritten“
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15:30 01.08.2019
Japanische Forscher wollen menschliche Organe künftig auch in Schweinen reifen lassen. Quelle: Getty Images/iStockphoto
Tokio/Hannover

Japan genehmigt das weltweit erste Experiment, bei dem Mischwesen aus Mensch und Tier bis zur Geburt gezüchtet werden dürfen. Das Team um den leitenden Wissenschaftler Hiromitsu Nakauchi will Tierembryonen menschliche Zellen injizieren und dann Muttertieren einpflanzen, die sie zur Welt bringen. Nakauchi will das Verfahren zunächst an Ratten und Mäusen testen. Anschließend wollen die Forscher die Hybridembryonen in Schweinen und Affen heranwachsen lassen.

Langfristiges Ziel der Forscher ist es, menschliche Organe hervorbringen, um dem chronischen Mangel an Spenderorganen zu begegnen. In Deutschland hat der Vorstoß eine kontroverse Debatte ausgelöst. Das Wissenschaftsjournal „Nature“ hatte in seiner aktuellen Ausgabe (Juli) darüber berichtet.

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SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte gegenüber dem „Spiegel“, Japans Vorstoß sei ein „klarer ethischer Megaverstoß“. „Mit der Züchtung von Mensch-Tier-Mischwesen wird eine Grenze überschritten, die wir als Menschen nicht überschreiten dürfen.“ Statt Tiere als „menschliche Organfabrik“ auszunutzen, forderte er eine stärkere Förderung dieser Forschung, eine bessere Regelung der Organspende und eine gezieltere präventive Organpflege, um die Zahl der Transplantationen insgesamt zu senken.

„Versuche sind sehr heikel“

Auch Jens Reich, Mediziner und Molekularbiologe am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin kritisierte die Versuche. „Es ist sehr heikel, solche Versuche zu machen“, sagte Reich der Deutschen Presse Agentur. „Die Gefahr ist immer bei solchen Sachen: Man gibt ja sehr potente menschliche Stammzellen in einen tierischen Embryo hinein und kann dann nicht mehr verhindern, dass die etwas machen, was nicht mehr kontrollierbar ist. Zum Beispiel in dem Versuchstier Hirnzellen, Nervenzellen bilden.“ Das sei ethisch nicht tolerierbar. „Die Integration bedeutet, dass es sehr schwer zu kontrollieren ist, dass wir nicht zum Schluss Hirnchimären haben.“ Das sei das Schrecklichste. In Deutschland würde keine Ethikkommission solche Versuche tolerieren.

Nakauchi will Schritt für Schritt vorgehen

In Japan sind sich Forscher der ethischen Bedenken sehr wohl bewusst. Nakauchi will dem „Nature“-Bericht zufolge nach und nach kleine Fortschritte machen und zunächst Mäuseföten 14,5 Tage – also bis kurz vor der Geburt – heranwachsen lassen. Später will er dasselbe mit Ratten unternehmen. Er plane, eine Genehmigung für entsprechende Schweineversuche zu beantragen. „Es ist gut, schrittweise mit Vorsicht voranzugehen, um es zu ermöglichen, einen Dialog mit der Bevölkerung zu haben, die sich ängstigt und Bedenken hat“, sagte Politikforscher Tetsuya Ishii von der Hokkaido Universität im japanischen Sapporo dem Journal „Nature“.

Nach den Argumenten fragen

Einige Wissenschaftler sehen Versuche in Japan, menschliche Organe in Tieren zu züchten, gelassen. Ethisch werde mit den Plänen der Forschenden in Japan keine rote Linie überschritten, sagte die Medizinethikerin Christiane Woopen von der Uniklinik Köln im Deutschlandfunk.

Bei Mischwesen rege sich zwar ein ungutes Gefühl, aber man müsse sich nach den Argumenten fragen, sagte Woopen. Es komme darauf an, dass man keine Artüberschreitung mache und die spezifischen Charakteristika sich verunklarten. Wenn ein Schwein plötzlich Goethe-Gedichte zitiere, wäre eine eindeutige ethische Grenze überschritten. Aber in Japan wolle man so weit nicht gehen. Der japanische Forscher Nakauchi hatte zugesichert, sich an Grenzen zu halten. Wenn sein Team während der Experimente feststellte, dass menschliche Zellen mehr als 30 Prozent des Gehirns der Nagetierembryonen ausmachten, würde es das Experiment abbrechen. „Auf dieser Ebene wird niemals ein Tier mit einem menschlichen Gesicht geboren“, sagte er der japanischen Zeitung „The Asahi Shimbun“.

Schon 2017 haben US-Forscher Chimäre aus Mensch und Schwein gezüchtet – allerdings durften sie es nur wenige Wochen wachsen lassen. Quelle: Salk Institute/AP/dpa

Woopen sagte, sie halte das vorsichtige Vorgehen der Japaner für vertretbar. Auch fundamentalen Prinzipien des Ethikrates widerspreche das Unterfangen nicht. Man müsse beobachten, was aus den Zellen werde, damit keine Fähigkeiten im Tier entstünden, die sonst nur bei Menschen vorkämen.

Ethikrat-Vorsitzender sieht „hochrangige Ziele“

Der Sozialethiker Peter Dabrock warnte indes davor, die in Japan geplante Forschung an Mensch-Tier-Wesen vorschnell zu verurteilen. „Natürlich ist nachvollziehbar, dass man erst einmal Grusel empfindet“, sagte der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats dem Evangelischen Pressedienst. „Man denkt vielleicht an Pegasus, Sphinx, Kentauren oder irgendwelche Horrormonster aus Hollywood-Trash-Filmen“, sagte Dabrock. Darum gehe es aber überhaupt nicht. Hinter dem Experiment stehe durchaus ein hohes und berechtigtes Ziel, betonte der Theologe.

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„Ziel dieser Grundlagenforschung ist, dass man in einer Ratte menschliche Bauchspeicheldrüsen züchten könnte“, erklärte Dabrock. Man wolle langfristig auf die Art und Weise die Organknappheit überwinden, betonte er. In Deutschland werde derzeit über eine Neuregelung der Organspende debattiert. „Viele Menschen haben bei der Widerspruchsregelung, die ein Vorschlag ist, Bauchschmerzen“, sagte er. „Wenn es hier die Option gibt, die Forschung so weit voranzubringen, dass man nicht nur Organknappheit beheben, sondern sogar auf klassische Organspende verzichten könnte, ist das auf jeden Fall ein hochrangiges Ziel“, sagte er.

Man werde allerdings tierethische Fragen wie die Tötung von Tieren, aber auch ihr mögliches Leiden während der Versuche erörtern müssen, sagte Dabrock. Man müsse aber auch bedenken, „dass wir schon immer Humaninsulin genetisch herstellen auf der Grundlage von Bakterien oder jetzt schon Herzklappen von Schweinen beim Menschen einsetzen“, sagte er.

Experten zweifeln auch an Erfolgsaussichten

Der Molekularmediziner Eckard Wolf hält das Vorgehen der japanischen Forscher für nicht aussichtsreich. Im Bayerischen Rundfunk (Bayern 2) sagte er: „Am Ende des Tages glaube ich, dass das kein sehr aussichtsreiches Vorgehen ist. Denn letztlich ist die Entstehung eines Organs ein sehr komplexer Prozess, der darauf basiert, dass sich eben verschiedene Zelltypen miteinander austauschen.“

Die Forschung im Bereich Xenotransplantation – also die Übertragung eines tierischen Organs auf einen Menschen – ist bereits deutlich weiter fortgeschritten, heißt es aus dem Institut für Nutztiergenetik des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), dem Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit. Erst Ende letzten Jahres transplantierte ein deutsches Mediziner-Team mit einer ausgefeilteren Technik gentechnisch veränderte Schweineherzen in Paviane. Eines der Tiere überlebte 195 Tage, bevor es getötet wurde und erreichte damit einen neuen Weltrekord.

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Xenotransplantation deutlich weiter

Tier-Mensch-Chimäre hätten demgegenüber zwei weitere Nachteile: Zum einen müsste der Empfängerorganismus ebenfalls weiter genetisch modifiziert werden, da die Blutgefäßversorgung des chimären Organs weiterhin vom Empfängerorganismus stammen und so Abstoßungsreaktionen hervorrufen würden und zum Zweiten sind diese Chimäre sehr aufwendig und schwer zu produzieren, erläutert FLI-Experte Björn Petersen.

„Jedes Tier müsste individuell mit den Zellen des Patienten erstellt werden um Abstoßungsreaktionen auszuschließen, zudem können diese Tiere nicht gezüchtet werden, da sich die eingeschleusten Fremdzellen nicht an der Organentwicklung bei den Nachkommen beteiligen würden.“ Die beiden Ansätze Mensch-Tier-Chimäre und Xenotransplantation, so Petersen, seien allerdings nicht konträr zu betrachten, sondern könnten beide eine Ergänzung und Möglichkeit sein, individuell den Organmangel lindern zu helfen.

Medizinethiker befürchtet Ausufern der Experimente

Der hannoversche Medizinethiker Gerald Neitzke fordert eine umfassende gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. „Es stellen sich Fragen nach der Identität des Menschen, die vorher geklärt werden müssen“, sagte der kommissarische Leiter des Instituts für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin an der Medizinischen Hochschule Hannover dem Evangelischen Pressedienst.

Neitzke befürchtet, solche Experimente könnten weiter ausufern. Dann sei nicht mehr klar zu definieren, wann ein Wesen ein Mensch oder ein Tier sei. Wenn beispielsweise eines Tages Nervengewebe auf ein Tier verpflanzt würde, um ein menschliches Gehirn zu züchten, verwischten die Grenzen, warnte er. „Dann stellt sich die Frage, woran hängen Menschenrechte und Menschenwürde?“

„Es gibt immer Länder, die alles umsetzen, was möglich ist“

Eine weltweite Regulierung solcher Experimente hält der Ethiker für nicht allzu realistisch: Es werde immer Länder geben, die pragmatisch alles umsetzten, was technisch machbar sei. Und genauso werde es Länder geben, die dem „menschlich Angemessenen“ Vorrang gäben. „Wir müssen uns in Deutschland entscheiden, welchen dieser beiden Wege wir gehen wollen.“

Auch Tierethik spiele dabei eine Rolle, ergänzt Neitzke: „Dürfen wir Tiere überhaupt so manipulieren?“ Auch hier sei eine Debatte nötig, denn die Tierschutz-Gesetze reichten für die neuen Fragestellungen nicht aus. Es sei zwar gesetzlich vorgeschrieben, dass es einen guten Grund brauche, um ein Tier zu töten. Allerdings geht Neitzke davon aus, dass der Grund, mit den eigens gezüchteten Organen einem Menschen das Leben zu retten, vielen als gut genug gelten werde. „Wir töten auch jedes Jahr Millionen von Tieren, nur um sie zu essen.“

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Von Sonja Fröhlich/RND/epd/dpa

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