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Wissen Schweinegrippe-Pandemie vor zehn Jahren: Alles nur Panik?
Nachrichten Wissen Schweinegrippe-Pandemie vor zehn Jahren: Alles nur Panik?
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07:00 11.06.2019
Patienten warten 2009 im Gesundheitsamt im Hamburger Stadtteil Altona auf die Impfung gegen die Schweinegrippe. Quelle: Kay Nietfeld/dpa
Genf

Wie eine Chefärztin im weißen Kittel bei der Verkündung einer gravierenden Diagnose sah Margaret Chan am 11. Juni 2009 aus, als sie schlimmste Befürchtungen bestätigte: „Die Welt steht nun am Anfang der 2009-Grippe-Pandemie“, verkündete die damalige Chefin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf. Ein zuvor unbekanntes Virus hatte sich innerhalb von Wochen um den Globus verbreitet und viele Menschen sehr krank gemacht: Das Virus gehörte zum A(H1N1)-Subtyp, ähnliche Viren waren bis dahin nur bei Schweinen bekannt.

Wie gefährlich die Situation werden würde, wusste zu dem Zeitpunkt niemand. Aber die Sorgen waren riesig, wie Sylvie Briand sagt. Sie war damals verantwortlich für das WHO-Grippeprogramm, heute ist sie WHO-Direktorin für Infektionsgefahrenmanagement. Jeder habe an die Spanische Grippe 1918-20 mit bis zu 50 Millionen Toten gedacht, die auch von einem Virus aus der (A)H1N1-Familie ausgelöst worden war.

Ein unbekanntes Virus

„Wir hatten seit 2003 erst die Infektionskrankheit SARS, die in Asien zu Grenzschließungen und Reiseeinschränkungen führte, dann die Vogelgrippe (A)H5N1“, sagt Briand der Deutschen Presse-Agentur in Genf. „Und als sich alle Welt mit Impfstoffen auf eine neue Vogelgrippe-Welle eingestellt hatte, tauchte dieses unbekannte neue Virus auf, das sich auch noch rasend schnell verbreitete.“ Von April, als die ersten Fälle bekannt wurden, bis zum 11. Juni waren bereits 74 Länder betroffen, am Ende praktisch jedes Land der Welt.

„Wir hatten schnell erste Fälle in Deutschland und waren entsprechend besorgt“, sagt Silke Buda, Grippeexpertin beim Robert Koch-Institut in Berlin. Das Institut ist für die Überwachung und Prävention von Krankheiten zuständig. Anders als bei den bekannten saisonalen Grippeviren sei nicht ein Großteil der Bevölkerung durch früheren Kontakt oder eine Impfung immun gegen das neue Virus gewesen. „Die Befürchtung war vorher: Wenn eine Pandemie kommt, dann mit vielen schweren Erkrankungen und vielen Todesfällen.“

WHO war „auf das Schlimmste“ gefasst

Die WHO sei auf das Schlimmste gefasst gewesen, sagt Briand: Eine erste Auswertung der wenigen verfügbaren Daten aus Mexiko deutete auf eine Sterblichkeitsrate von 27 Prozent hin. Das habe unter anderem daran gelegen, dass die Krankenhäuser, die die Daten lieferten, nur die schwersten Fälle zu Gesicht bekamen und viele dieser Menschen tatsächlich starben. Die Menschen, die nach einer Infektion mit dem neuen Virus lediglich Schnupfen und Fieber hatten und nicht zum Arzt gingen, wurden nicht erfasst. Schnell wurde klar, dass die 27 Prozent überzogen waren. Tatsächlich lag die Mortalität bei weniger als einem Prozent, sagt Briand heute.

„Wir haben zwar relativ schnell gesehen, dass viele der Krankheitsverläufe mild bis moderat waren“, sagt Buda. „Wir konnten aber nicht wissen, ob sich die Situation noch ändern würde.“ Der Höhepunkt der Erkrankungswelle wurde Mitte November erreicht, danach flaute die Zahl ab. Es wurden rund 350 Todesfälle geschätzt – bei den jedes Jahr wiederkehrenden Grippeepidemien können jeweils mehr als 20.000 Menschen ums Leben kommen, wie Buda sagt.

Hat die WHO unnötig Panik gemacht?

Die WHO war noch nicht auf das gerade beginnende Zeitalter sozialer Medien eingestellt. Informationen verbreiteten sich dort rasend schnell, nicht mehr nur über die bis dahin üblichen Medienkanäle. In sozialen Medien wurde erst teils Panik geschürt, dann standen die Behörden am Pranger. Die WHO traf der Vorwurf, sie habe unnötig Angst verbreitet, ihre Entscheidungsfindung sei obskur gewesen und ihre Pandemie-Definition zu kompliziert.

Bei einer unabhängigen Manöverkritik wiesen Experten zwei Jahre später den Vorwurf zurück, die WHO habe sich von Beratern aus der Pharmabranche dazu verleiten lassen, eine unnötige Impfstoffproduktion anzukurbeln. Dass Massenimpfungen gar nicht nötig waren, sei am Anfang der Pandemie nicht abzusehen gewesen, so Briand.

Das Virus hat seinen Schrecken verloren

Die WHO sei heute aber besser auf eine mögliche Pandemie vorbereitet, auch mit einer besseren Informationsstrategie, versichert sie. „Denn eins ist klar: Es ist keine Frage „ob“, sondern „wann“ eine neue Pandemie kommt“, sagt Briand. Auch in Deutschland werde ständig an der Vorbereitung auf eine Influenza-Pandemie gearbeitet und die Notfallpläne würden weiterentwickelt, sagt Buda. Dabei geht es etwa darum, dass im Ernstfall genügend Krankenhausbetten zur Verfügung stehen, Medikamente da sind, Aufklärungskampagnen wie zum Händewaschen und Abstand halten von Kranken geplant werden.

Lesen Sie hier:
Grippe: Die wichtigsten Tipps im Überblick

Inzwischen hat das heute offiziell „(A)H1N1pdm09“ genannte Virus weitgehend seinen Schrecken verloren. Es gehört zu den jährlich auftretenden saisonalen Grippeviren mit dazu. Ein Drittel der Weltbevölkerung sei infiziert worden, die meisten, ohne es zu wissen, meint Briand.

„Wir hatten in der abgelaufenen Grippesaison 2018/19 rund 180.000 laborbestätigte Grippefälle, und wir schätzen, dass rund die Hälfte davon (A)H1N1-Infektionen waren“, sagt Buda. Weil viele Menschen mit Grippesymptomen nicht auf Influenza getestet werden, liegt die wahre Zahl deutlich höher. Akkurate Schätzungen liegen für die gerade abgelaufene Grippesaison noch nicht vor. Im Jahr davor, im Winter 2017/18, waren vermutlich neun Millionen Menschen mit Grippe beim Arzt, zweieinhalb Millionen davon mit A(H1N1).

Von RND/dpa

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