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Nachrichten Wissen Schlafwandler leben gefährlich
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14:16 04.08.2010
Nächtlicher Ausflug aus dem Bett: Am nächsten Tag haben Schlafwandler vergessen, dass sie im Schlaf herumspazierten.
Nächtlicher Ausflug aus dem Bett: Am nächsten Tag haben Schlafwandler vergessen, dass sie im Schlaf herumspazierten. Quelle: dpa
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Die gängige Vorstellung vom Schlafwandler lässt viele schmunzeln: Da krabbelt jemand nachts aus dem Bett, tapst im Dunkeln mit ausgestreckten Armen in Haus und Garten umher und kehrt schließlich völlig unversehrt ins Bett zurück, ohne von seinem Ausflug überhaupt etwas mitbekommen zu haben. Doch so lustig ist Schlafwandeln nicht. Bei Erwachsenen kann die Somnambulismus genannte Schlafstörung sogar auf Erkrankungen des Gehirns hindeuten. Sie sollten daher umgehend einen Arzt aufsuchen.

Der Somnambulismus zählt zu den Parasomnien. Das sind Schlafstörungen, die beim Erwachen, beim teilweisen Erwachen oder bei Schlafstadienwechsel auftreten und den Schlafprozess unterbrechen. Leider werde das Phänomen etwas vernachlässigt, sagt Dieter Kunz von der Abteilung Schlafmedizin am St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin. Nur wenige Schlafmediziner und Neurologen befassten sich damit.

Etwa 30 Prozent der Kinder und ein Prozent der Erwachsenen schlafwandeln, erläutert Kunz. Bei Kindern tritt das Phänomen oft in der Pubertät auf und kann mehr oder weniger stark ausgeprägt sein. Bei manchen äußert es sich so, dass sie sich nur kurz im Schlaf aufsetzen. „Das bekommen viele gar nicht mit.“ Man vermute, dass ein „Ausreifungsdefizit des Gehirns“ dahinter steckt, erläutert der Schlafforscher. Dieses „mismatch“ - das sind Fehlverschaltungen der Nervenzellen im Gehirn - wachse sich meist bis zum 25. Lebensjahr aus. Bei den Betroffenen tritt das Phänomen danach nicht mehr auf.

Beim Schlafwandeln werden laut Kunz in der Tiefschlafphase motorische Programme abgerufen, die nicht beabsichtigt sind. Ein „Abschaltmechanismus“, der im Schlaf normalerweise die Skelettmuskulatur lahmlegt, funktioniere nicht, ergänzt Uwe Meier, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Neurologen in Krefeld. „Dann laufen wir herum.“ Dessen sind sich die Menschen, die schlafwandeln, nicht bewusst. Sie haben bei ihren nächtlichen Ausflügen daher keine Angst - was riskante Handlungen während des Schlafwandelns erklärt, aber nicht bedeutet, dass Schlafwandlern unterwegs nichts passieren kann. „Die traumwandlerische Sicherheit gibt es nicht“, betont Kunz.

Eltern schlafwandelnder Kinder sollten daher Vorkehrungen treffen, dass sich die Kinder bei ihren Ausflügen nicht verletzen. Dazu gehört, gefährliche Gegenstände aus dem Kinderzimmer zu räumen sowie Außentüren und Fenster vorsichtshalber zu verschließen. Wichtig ist, schlafwandelnden Kindern ruhig zuzusprechen und sie wieder ins Bett zu legen. Keinesfalls sollte man sie wecken, rät Kunz. Sie schlafen anschließend weiter und wissen am Morgen nichts mehr von den aufregenden Ereignissen der Nacht. „Schlafwandeln ist bei Kindern nichts Schlimmes“, betont Kunz. „In aller Regel wächst es sich aus.“

Anders sieht die Lage jedoch aus, wenn Schlafwandeln erstmals bei Erwachsenen auftritt, sagt Professor Jürgen Zulley, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums am Bezirksklinikum Regensburg. „Es kann mit bestimmten Anfallsleiden verwechselt werden“, erläutert der Schlafforscher. Und es könnte auf Verwirrtheitszustände hindeuten. „Wenn ein Erwachsener zum ersten Mal schlafwandelt, sollte er daher zum Neurologen gehen, um andere Erkrankungen auszuschließen.“

Laut Kunz kann Schlafwandeln bei Erwachsenen auch eine Nebenwirkung von eingenommenen Psychopharmaka sein. Es sei auch nicht ganz auszuschließen, dass andere schwerere Erkrankungen wie ein Hirntumor dahinterstecken. Auch er rät daher dazu, möglichst schnell ein neurologisch-psychiatrisches Schlaflabor aufzusuchen und der Sache auf den Grund zu gehen.

dpa