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Wissen Kampf gegen Malaria: Mücken aus dem Gen-Labor
Nachrichten Wissen Kampf gegen Malaria: Mücken aus dem Gen-Labor
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08:00 11.05.2019
Ein internationales Forschungskonsortium namens Target Malaria will die Gene-Drive-Technologie nutzen, um Malaria auszulöschen – indem sie das Erbgut der übertragenden Mücken verändert. Quelle: MicrovOne/iStock
Berlin

Um zu verhindern, dass Menschen unter Malaria leiden, muss man verhindern, dass sie gestochen werden“, sagt Bhargavi Rao, Malaria-Expertin bei Ärzte ohne Grenzen. Doch Netze, Medikamente, Pestizide, die Forschung an Impfstoffen – das alles reichte bisher nicht, um diesen Kampf zu gewinnen.

Tatsächlich ist die Zahl der Malaria-Fälle in den vergangenen Jahren sogar wieder gestiegen. Rund 219 Millionen Fälle gab es 2017 weltweit, sagt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). 435 000 Menschen sind an den Parasiten, die durch Moskitos übertragen werden, gestorben. Und das, obwohl Milliarden Dollar in den Kampf gegen die Krankheit fließen.

Doch nun verspricht eine neue Technologie, das Problem ein für alle Mal zu lösen. Sie heißt Crispr/Cas-Gene-Drive (auf Deutsch: Genantrieb mit Crispr/Cas). Erfunden hat sie, gemeinsam mit Kollegen, der Wissenschaftler Kevin Esvelt.

Mit dem Gene-Drive gegen Malaria

„Noch vor sechs Jahren konnte sich niemand vorstellen, dass wir ohne Weiteres die Merkmale einer ganzen Spezies einfach so verändern können“, sagte er im November auf der Falling-Walls-Konferenz in Berlin. Doch heute ist genau das möglich. Und ein internationales Forschungskonsortium namens Target Malaria will die Gene-Drive-Technologie nutzen, um Malaria auszulöschen.

Bei einem Gene-Drive spielt der Zufall quasi keine Rolle mehr. Mit dem Verfahren liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Lebewesen ein bestimmtes Gen erhält, bei fast 100 Prozent. Und: Mithilfe der Genschere Crispr/Cas kann man dann die gewünschte Veränderung bestimmen, die alle Nachkommen bekommen sollen.

Man kann Crispr/Cas-Gene-Drive auch bei Malaria-Mücken einsetzen: entweder, indem man versucht, die Moskitos erst immun gegen die Parasiten zu machen und dann diese Eigenschaften per Gene-Drive schnell zu verbreiten. Oder indem man die relevanten Moskito-Arten per Gene-Drive so dezimiert, dass sie kaum noch eine Rolle spielen.

Eine Mücke der Gattung «Anopheles gambiae», ein bekannter Verbreiter der Malaria-Erkrankung saugt Blut aus dem Arm eines Wissenschaftlers am Internationalen Institut für Insektenforschung (ICIPE). Quelle: Stephen Morrison/EPA FILE/dpa

Genau das ist der Plan von Target Malaria. „Wir wollen die Zahl der Moskitos, die in Afrika Malaria übertragen, spürbar senken“, sagt Austin Burt. Dass der Crispr/Cas-Gene-Drive im Labor und bei Moskitos funktioniert, zeigen Experimente. Burt glaubt, dass schon 2026 die ersten Gene-Drive-Moskitos in die Wildnis entlassen werden könnten.

Wenn jemand diesen ehrgeizigen Plan umsetzen kann, dann sind es wohl Burt und Target Malaria. Das Forschungskonsortium wird von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung unterstützt und ist in vier afrikanischen Ländern aktiv.

In Burkina Faso hat das Projekt vor Kurzem erstmals die Genehmigung erhalten, Tausende gentechnisch veränderte,also quasi designte Test-Moskitos freizulassen – allerdings noch ohne Gene-Drive. Das heißt: Die Veränderung wird sich nicht selbstständig verbreiten, „aber wir können damit schon erste Annahmen testen“, sagt Burt.

Krankheit der Armen und der Kinder

Malaria ist eine Krankheit der Armen und der Kinder. Bhargavi Rao von Ärzte ohne Grenzen erzählt den Fall einer Familie aus dem Kongo. Ein sieben Monate altes Kind infizierte sich mit Malaria, nachdem die Familie vor Rebellen in den Dschungel fliehen musste.

Als die Hilfe des eine Stunde entfernt liegenden Gesundheitszentrums nicht ausreichte, brachte die Mutter ihre anderen fünf Kinder bei Verwandten unter und machte sich mit dem Baby zum nächsten Krankenhaus auf: erst drei Stunden mit dem Boot, dann drei Stunden auf dem Motorrad – eine Reise, die alles Geld, das sie hatte, verschlang.

Im Krankenhaus konnte dem Kind mit einer intravenösen Behandlung geholfen werden. Aber weil die Mutter nun kein Geld mehr hatte, musste sie mit dem Kind nach Hause laufen.

Malaria Risikogebiete Quelle: Dpa

Es reiche nicht, allein in Behandlungen zu investieren, sagt Rao. „Vielleicht denken die Menschen, die in Gene-Drive involviert sind, dass damit ein schneller Sieg gegen Malaria möglich ist. Vielleicht denken sie das auch zu Recht. Aber sie haben eine ethische Verantwortung, mit den Menschen vor Ort zusammenzuarbeiten.“ Sie fordert daher eine enge Kooperation zwischen Wissenschaftlern und den betroffenen Ländern.

Target Malaria arbeitet schon jetzt mit afrikanischen Behörden zusammen, gründet Malaria-Zentren, probt Abläufe, wirbt um Vertrauen. „Ich schwanke eigentlich täglich darin, was ich als größere Herausforderung betrachte: die Wissenschaft oder die Politik“, sagt Burt.

Und was ist mit den Mücken? „Studien zeigen, dass die Malaria-Moskitos für kein Lebewesen eine Hauptnahrungsquelle sind“, sagt Burt. „Es ist unwahrscheinlich, dass ihre Reduzierung einen großen Effekt haben wird.“

„Was in der Realität passiert, kann niemand abschließend sagen“

Das sehen Kritiker des Verfahrens anders. „Was Gene-Drives, wenn sie in der Natur freigesetzt werden, für Auswirkungen haben werden, denken sich Forscher und Forscherinnen im Labor aus“, sagt Barbara Unmüßig, Vorsitzende der Heinrich-Böll-Stiftung. „Was in der Realität dann passiert, kann aber niemand abschließend sagen.“

Ihre Befürchtung: Gene-Drives greifen in die Evolution ein, bedrohen die Biodiversität und könnten ganze Ökosysteme transformieren. Die Freisetzung von Gene-Drive-Moskitos könnte Nahrungsketten verändern und so etwa nützliche Organismen ausrotten. „Gene-Drives verändern das Erbgut ganzer Arten, rotten sie zum Teil aus. Das ist nicht nur ethisch fragwürdig“, sagt Unmüßig.

Die afrikanischen Staaten lehnten ein Moratorium ab

Man habe sogar eine moralische Verpflichtung dazu, argumentieren dagegen die Befürworter. Weil man sonst den Tod Tausender Kinder in Kauf nähme.

Ein weiterer Konfliktpunkt: Manche Menschen sehen in der Arbeit von Target Malaria und der Unterstützung von Gates „medizinischen Kolonialismus“. „Wir wollen keine gefährlichen Experimente in unserem Land. Wir wollen nicht, dass korrupte Politiker und Wissenschaftler in unserem Namen Entscheidungen treffen“, zitiert der „GuardianAli Tapsoba, den Präsidenten einer Organisation, die sich gegen Target-Malaria-Projekte ausspricht.

Auf der UN-Biodiversitätskonferenz in Ägypten im November versuchte die Heinrich-Böll-Stiftung zusammen mit weiteren Unterstützern, ein Moratorium einzusetzen. Die Freisetzung von Gene-Drives sollte so erst einmal verboten werden. Die afrikanischen Staaten lehnten ein Moratorium jedoch ab. „Sie sind Malaria einfach leid“, sagt Burt.

Von Anna Schughart

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