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Wissen Joachim Gottschalk über seine Flucht aus der DDR: „Das war Roulette“
Nachrichten Wissen Joachim Gottschalk über seine Flucht aus der DDR: „Das war Roulette“
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11:33 21.10.2019
Maren und Joachim Gottschalk hofften aus persönlichen Gründen auf die Wiedervereinigung. Quelle: Bertram Solcher

Und dann fuhr er tatsächlich noch einmal zurück. Stieg in Hamburg in den Zug nach West-Berlin, durchquerte noch einmal die DDR, stellte sich noch einmal den Grenzern, die in seinen Pass schauen und ihn taxieren würden. Als wollte er ihnen noch einmal eine Chance geben, ihn zu fassen. Als würde er das Schicksal entscheiden lassen, ob diese Flucht gelingt.

„Das war Roulette“, sagt Joachim Gottschalk heute über seinen Entschluss, noch einmal zurückzufahren, vom Westen durch den Osten wieder in den Westen. „Andere schwammen durch die Donau.“ Und er setzte sich noch einmal in den Zug. Fuhr ein letztes Mal durch diesen Staat, den er so dringend verlassen wollte.

„Eine durch und durch unvernünftige Idee“, sagt er heute. Aber was vernünftig war und was nicht, das war am Ende des Jahres 1988 nicht immer leicht zu entscheiden.

Abrechnung mit der DDR in Stichworten

Joachim Gottschalk ist einer von 6543 Menschen, die in jenem Jahr aus der DDR geflüchtet sind. Rein äußerlich war es keine dramatische Flucht. Aber hochriskant war sie doch. Weil er eine Frau zurückließ und ein Kind, das gerade mal ein Jahr alt war. Ob sie sich wiedersehen würden, das war eine Frage des Glücks. Eine Wette auf die politischen Verhältnisse mit ungewissem Ausgang.

Warum er die DDR verlassen wollte, das musste Joachim Gottschalk aufschreiben, als er Ende Oktober 1988 im Lager Marienfelde in West-Berlin ankam. Alle Flüchtlinge und Übersiedler mussten dort ein Formular ausfüllen. Unter Punkt 83 stand der Satz: „Ich habe die DDR aus folgenden Gründen verlassen:“ – darunter acht Zeilen Platz.

Skurrile, unbekannte und witzige Fakten aus DDR-Zeiten.

Er schrieb, mit Kugelschreiber: „Ablehnung des dortigen politischen Systems. Hoffnungslose Situation des gesamten Wirtschaftssystems. Chaotische Führungskaderpolitik, unfähige Vorgesetzte. Polizeistaatsverhältnisse.“ Es ist die Abrechnung mit einem Staat in Stichworten.

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Heute, 30 Jahre später, schauen Joachim und Maren Gottschalk in ihrem Haus bei Hamburg auf dieses Blatt, und er sagt: „Da steht ja eigentlich schon alles drin.“

Damals, im Herbst 1988, sehen sie sich in der DDR am Ende ihrer Möglichkeiten. Gottschalk ist ein hoch qualifizierter Wissenschaftler, nach der Habilitation arbeitet er am Institut für Pathologie der Charité in Ost-Berlin. Er will weiterkommen. „Aber die Habilitation war das Letzte, was ich in diesem Staat aus eigener Kraft noch erreichen konnte.“ Alles Weitere, das ahnte er, hing jetzt von anderen Dingen ab. Von Gehorsam, Anpassung, dem Schweigen im richtigen Moment.

Am Ende applaudierten die Stehenden denen, die den Mut hatten, sitzen zu bleiben.

Joachim Gottschalk

Maren Gottschalk, zehn Jahre jünger, steckt zu dieser Zeit noch im Medizinstudium. Beide gehörten nicht zu dem, was in der DDR Arbeiterklasse hieß. Sein Vater war Arzt in Brandenburg, ihr Vater, früherer Schachmeister der DDR, Journalist bei einer Schachzeitung.

Also mussten sie sich „bewähren“, mussten erst mal wieder zu Mitgliedern der Arbeiterklasse werden, er durch sechs Wochen im Stahlwerk Brandenburg und ein Jahr als Hilfspfleger, sie durch zwei Jahre als Hilfspflegerin auf der Urologie. Dazu die Westkontakte. Und die Treffen in der Jungen Gemeinde. Das alles machte sie verdächtig.

Wenn ihn etwas störte, so erzählt er es heute, dann war es dieser Zwang, sich ständig zu bekennen. Dass also nicht allein zählte, was man konnte, sondern ob man loyal war. In seinem Studienjahrgang war auch die Frau von Wolf Biermann. Nach dessen Ausbürgerung sollten im Hörsaal alle aufstehen, die diese Maßnahme begrüßten. „Am Ende“, erzählt er, „applaudierten die Stehenden denen, die den Mut hatten, sitzen zu bleiben.“

Es dauert Wochen, bis der Entschluss feststeht

Anfang 1988 darf Maren zum ersten Mal nach West-Berlin, zum Geburtstag ihrer Großmutter. Es sind die Tage, da in Ost-Berlin junge Menschen auf die Straße gehen und verhaftet werden. Als Maren aus West-Berlin zurückkehrt, erzählt sie von der Atmosphäre auf den Straßen dort.

„Die Menschen reden einfach frei“, sagt sie. Sie sagten, was sie dachten, ohne diesen misstrauischen Blick, ob der Mensch in der Nähe ein Passant war oder Stasi-Spitzel. Eine neue Erfahrung.

Ein Personalausweis der DDR mit dem Stempel des Grenzüberganges Friedrichstraße/Zimmerstraße. Quelle: picture alliance / dpa

Es gibt nicht den einen Moment, in dem sie beschließen, in den Westen zu gehen. Es sind Wochen, in denen sie sich diesem Entschluss annähern, in Gesprächen, die sie oft im Park führen, zur Sicherheit.

Aber wie entscheidet man sich für eine Flucht, wenn die bedeutet, das eigene Kind vielleicht nie mehr zu sehen?

„Wir haben auf die Familienzusammenführung gehofft“, sagt er. „Wir dachten: Irgendwann werden sie mich mit der Kleinen schon nachkommen lassen“, sagt sie. Es war eine bloße Hoffnung. Aber zumindest heute klingt es, als sei es schon immer Gewissheit gewesen.

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Dann gibt es eine Gelegenheit. Im Herbst 1988 stellt Joachim einen Antrag. Die Schwester seines Vaters werde 60, er möchte nach Bremen. Die Stasi genehmigt ihn, ohne ihn genau zu prüfen. Sonst hätten sie gemerkt, dass es nicht die Schwester war, sondern die Cousine.

Im Westen besucht er seine Verwandten. Niemandem erzählt er von seinem Plan. Nur manchmal fragt er: „Und, würdest du an meiner Stelle zurückfahren?“ Es sind verbale Testballons, eine Annäherung in Worten und Gedanken. Dabei ist er in Wirklichkeit längst entschlossen.

Du, ich komme nicht zurück.

Joachim Gottschalk;zu seiner Frau Maren

Von Hamburg aus ruft er Maren an. Es ist der lange verabredete Anruf, inszeniert für ihre Mithörer, von denen sie nach der Wende erfahren hat, dass es sie wirklich gab. „Du, ich komme nicht zurück“, sagt er. „Was?“, entgegnet sie entsetzt, „wie kannst du ...“ Von der Qualität ihres Spiels hängt ab, ob sie eine Chance haben, sich eines Tages wiederzusehen. Oder ob sie ins Gefängnis kommt, weil sie seine Fluchtpläne nicht angezeigt hat.

Es bleibt ein kurzes Telefonat. Dann setzt er sich in den Zug nach West-Berlin. Fährt vom Zoo sogar weiter zur Friedrichstraße. Noch einmal schaut er auf die Grenzer – und kehrt dann endgültig um.

Plötzlich wollen alle mit Joachim sprechen

Es sind sehr unterschiedliche Gespräche, die sie in den Tagen und Wochen darauf führen. Maren wird von der Polizei befragt, ob sie wirklich nichts gewusst hat. Dann wird sie an der Charité vorgeladen, sie solle sich von ihrem Mann trennen. „Nein“, sagt sie, und dann schickt sie dennoch niemand aus der Uni, als sei manches nicht mehr so wichtig in dieser letzten Phase der DDR.

Joachim wird alle paar Tage abgeholt aus dem Lager in West-Berlin. Verfassungsschutz, englischer Geheimdienst, amerikanischer Geheimdienst, alle wollen mit ihm sprechen, es sind konspirative Fahrten im Jeep zu Villen in Grunewald.

Die Mauer fällt und ich sitze in Bielefeld. Eigenartiges Gefühl.

Maren Gottschalk

Es sind Monate der Ungewissheit, die nun vor ihnen liegen. Er bekommt eine Stelle in Bielefeld. Manchmal telefonieren sie. Nie frei, immer in dem Wissen, dass sie abgehört werden. Der Druck, vor allem auf sie, ist groß, nicht mal ihren Schwestern darf sie sagen, dass alles abgesprochen ist. Im Fernsehen laufen Bilder aus Ungarn, aus Prag, wo DDR-Bürger in immer größerer Zahl gen Westen aufbrechen. „Und auf der anderen Seite“, sagt sie, „war da immer die Angst, dass doch noch die Panzer auffahren.“

Im September bekommt Maren einen Brief. Die Ausreisegenehmigung. Nun muss alles schnell gehen, gerade eine Woche bleibt ihr.

Den 9. November verfolgen sie an einem Fernseher in Ostwestfalen. „Die Mauer fällt, und ich sitze in Bielefeld“, sagt sie. „Eigenartiges Gefühl.“

War es also unnötig, dieses Risiko auf sich zu nehmen? Hätten sie, mit dem Wissen um den 9. November, gewartet? Schwer zu beantworten, aus heutiger Sicht. Joachim wurde Chefarzt an einem Hamburger Krankenhaus, Maren ist Hausärztin vor den Toren Hamburgs.

So ist es jetzt. Seine erste Stelle im Westen, in Bielefeld, ist eigens für ihn geschaffen worden. Man hat es ihm leicht gemacht. Als er am 9. November die Bilder der Massen sah, die über die Grenzen strömten, „da ahnte ich, dass viele es viel schwerer haben würden“. Eine Einschätzung, mit der er, wie er heute findet, recht behielt.

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