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Wissen Geht doch! Wie sich Welternährung und Umweltschutz vereinbaren lassen
Nachrichten Wissen Geht doch! Wie sich Welternährung und Umweltschutz vereinbaren lassen
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07:00 20.01.2019
Im vergangenen Sommer machte die Hitze den Bauern zu schaffen. Wie künftig mit Klimaveränderungen und der Lebensmittelproduktion umgegangen werden sollte, erklärt ein Forscherteam. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
London

Unsere Ernährungsgewohnheiten schaden vielen Menschen und zudem der Erde. Bis 2050 – in rund einer Generation – sollen und können wir jedoch alles ins Gleichgewicht bringen. Das zumindest schreibt eine Kommission 37 renommierter Experten aus 16 Ländern im Journal „The Lancet“.

Nahrungsproduktion zerstört Ökosysteme

Rund drei Milliarden Menschen – etwa 40 Prozent der Weltbevölkerung – seien fehlernährt, heißt es darin. 820 Millionen Menschen haben nicht genügend zu essen, und 2,1 Milliarden Erwachsene sind übergewichtig oder gar fettsüchtig. Die Diabetikerrate habe sich in 30 Jahren verdoppelt.

Zugleich sei die Produktion der Nahrung die größte Ursache für die Zerstörung von Ökosystemen. Sie benötige derzeit 40 Prozent der Landfläche, 70 Prozent des genutzten Süßwassers und sei für 30 Prozent des Treibhauseffekts verantwortlich.

Es sei nötig und auch möglich, in 31 Jahren die dann etwa 10 Milliarden Menschen auf der Erde gesund zu ernähren, ohne die Natur zu zerstören, schreiben die Forscher der sogenannten EAT-Lancet-Kommission für Ernährung, den Planeten und Gesundheit. EAT steht dabei schlicht für das englische Wort „essen“. Eine der Voraussetzungen dafür sei allerdings eine bislang beispiellose globale Zusammenarbeit.

Weltweit müsse zum Erreichen der Ziele der Konsum ungesunder Lebensmittel wie Rindfleisch und Zucker mehr als halbiert werden. Die Menge an gesunder Nahrung wie Nüsse, Früchte und Gemüse müsse sich verdoppeln. Von Land zu Land seien Art und Ausmaß der nötigen Veränderung dabei sehr verschieden, betonen die Forscher.

Die Deutschen essen zu viel Fleisch

Die Deutschen aßen 2017 pro Woche im Schnitt 1,15 Kilogramm Fleisch und Wurst und damit viel mehr als die Deutsche Gesellschaft für Ernährung aus gesundheitlichen Gründen rät: Wenn überhaupt, sollten es je nach Gewicht und Bewegung insgesamt nur 300 bis 600 Gramm pro Woche sein. Die Forscher-Kommission empfiehlt mit Blick auf Gesundheit und Umwelt um die 300 oder noch weniger Gramm. Die Produktion einer Kalorie Rindfleisch habe eine 24 Mal größere Klimawirkung als etwa die von Bohnen, schrieb kürzlich die britische Oxford Martin School.

„Die Ernährung der Weltbevölkerung muss sich drastisch ändern“, sagt einer der beiden Vorsitzenden der Kommission, Walter Willett von der Harvard Universität (USA). In den vergangenen 50 Jahren habe es schon große Fortschritte bei der Bekämpfung von Hunger und Armut gegeben, berichten die Forscher. Mit Blick auf die Gesundheit werde das auf der anderen Seite aber gerade wett gemacht durch den Konsum von zu vielen Kalorien, zu viel Zucker und anderen ungesunden Speisen.

Eine gesunde Ernährung könne 10,8 bis 11,6 Millionen vorzeitige Todesfälle pro Jahr verhindern, schreiben die Forscher. Dazu zählen sie viel Körner wie Reis, Weizen und Mais sowie Kartoffeln und Gemüse, aber wenig Rind-, Lamm- und Schweinefleisch.

Lesen Sie hier: So essen die Deutschen

Eine Revolution muss her

Ein neues Ernährungssystem zu entwickeln und durchzusetzen, sei eine gewaltige Aufgabe und „nichts weniger als eine Agrarrevolution“, sagt Johan Rockström, weiterer Vorsitzender der Kommission. Er ist designierter Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). „Die gute Nachricht ist, es ist nicht nur machbar“, es könne auch auf Wegen erreicht werden, von denen Landwirte, Konsumenten und die Erde profitieren.

In der Landwirtschaft sind laut Studie sechs Schlüsselprozesse wichtig: 1. kein weiteres Land verbrauchen, 2. die Artenvielfalt erhalten, 3. weniger Wasser nutzen und verantwortlicher damit umgehen, 3. die Belastung durch Stickstoff- und Phosphordünger verringern, 4. bis 2050 kein Kohlendioxid mehr produzieren und 5. den Ausstoß der weiteren Treibhausgase Methan und Lachgas nicht weiter ansteigen lassen.

Die Kommission habe noch nicht einberechnet, dass der Klimawandel die Landwirtschaft bis 2050 erschweren könnte, sagt PIK-Forscher Owen Gaffney, der kein Mitautor der Studie ist. „Es wird wahrscheinlich weitere Arbeit nötig sein, dies in die Analyse einzubeziehen.“ Zudem trifft die Studie keine Aussagen zu Vor- oder Nachteilen genetisch veränderter Pflanzen.

Wie soll das funktionieren?

Und wie soll man die Vorschläge überhaupt weltweit durchsetzen? Die Forscher beschreiben dazu fünf Strategien:

Strategie 1– Die Politik muss ran Die nationale und internationale Politik sollte Menschen dazu bringen, weniger ungesunde und mehr gesunde Nahrung zu kaufen. Das könne über Bildungskampagnen geschehen, aber auch durch Werbeeinschränkungen oder Regelungen für die Kantinenkost. Die Lebensmittelpreise müssten auch die bei ihrer Produktion entstehenden Umweltkosten beinhalten. Da dies die Nahrung verteuern könne, solle es zugleich eine soziale Absicherung für Arme geben.

Die vorgeschlagene Preispolitik sei ein sehr bedeutender Punkt der Studie, kommentiert Simone Welte von der Welthungerhilfe. “Die Politik muss solche und weitere Anreize setzen, so dass es auf Dauer besser ist, nachhaltig zu produzieren und zu konsumieren.“

„Ernährung ist eine sehr, sehr emotionale Sache“, gibt Franziska Schünemann vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel zu bedenken. Einige Menschen hätten ihren Lebensmittelkonsum zwar schon geändert. Fraglich sei aber, wie die vielen Handlungsvorschläge der Studie weltweit umgesetzt werden könnten.

So sei es zwar eine gute Empfehlung der Autoren, die Werbung für ungesunde Lebensmittel einzuschränken und auch deren Vermarktung. „Dies würde aber wahrscheinlich erheblichen Widerstand der Lebensmittelindustrie hervorrufen“, sagt Schünemann und nennt weitere Beispiele. „In Deutschland wurde die Idee eines „Veggie Days“ in Kantinen bereits als Bevormundung empfunden und noch schwerer ist sicherlich die Einführung von Steuern auf bestimmte Lebensmittel in der freien Marktwirtschaft der USA, deren Bürger Wert auf Unabhängigkeit legen.“

Strategie 2 – Die Ernährungswirtschaft muss Prioritäten ändern Und zwar von einem möglichst hohen Ertrag weniger Nahrungsquellen hin zu abwechslungsreichen und gesunden Produkten. Kleine und mittelgroße Betriebe sollten besser unterstützt werden.

Mehr Geld für umweltfreundlichere und für kleinere Betriebe - dafür kämpfen Umweltschützer schon sehr lange. Die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung und die Umweltorganisation BUND kritisieren in ihrem erst kürzlich vorgelegtem „Agrar-Atlas“, dass vor allem aufgrund der Flächenprämie rund 80 Prozent der EU-Agrar-Gelder an nur 20 Prozent der Betriebe gingen. Von 2003 bis 2013 hätten dagegen ein Drittel aller landwirtschaftlichen Betriebe in der EU aufgegeben.

Strategie 3 – Mehr Erträge ohne mehr Land Die Ernteerträge müssten in vielen Weltregionen erhöht werden, ohne mehr Land zu verbrauchen oder der Artenvielfalt zu schaden. Landwirtschaft könne oft noch besser an die jeweilige Umgebung angepasst werden, beispielsweise mit trockenresistenten Pflanzen oder Tröpfchenbewässerung. Der Boden müsse verbessert werden, etwa durch Bio-Abfälle und stickstoffbindende Pflanzen.

Strategie 4 – Mehr Koordination der Lebensmittel Ein weltweit koordinierter Umgang mit Land und Ozeanen sei nötig, um eine kontinuierliche Lebensmittelerzeugung sicherzustellen. So sollte Natur nicht mehr in Ackerland umgewandelt werden. In zehn Prozent der Meeresgebiete sollte der Fischfang verboten werden, damit sich die Tiere dort regenerieren können.

Aktionen der gesamten Staatengemeinschaft seien wichtig, aber darauf zu warten, würde zu viel Zeit kosten, kommentiert Welte. „Wir hier in der EU sollten überlegen, wie wir Handel und Konsum besser gestalten“, sagte sie auch mit Blick auf Entwicklungsländer. So sollten Grundnahrungsmittel aus Afrika auch dort verarbeitet werden und nicht wie derzeit in der EU, wo dann der Gewinn entstehe. Die EU sollte zum Beispiel wesentlich weniger Tierfutter importieren, weil das Flächen in ärmeren Ländern binde und so eine Ursache von Hunger sei. „Ein Bauer in der EU sollte nur so viele Tiere produzieren, wie er durch sein Land auch ernähren kann.“ Das könne die Produktion von „zu viel und zu billigem Fleisch“ vermindern.

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Strategie 5 – Weniger wegwerfen Die Menge der Lebensmittel, die bei der Produktion verloren gehen oder weggeworfen werden, müsse halbiert werden. Nötig seien etwa Schulungen bei den Produzenten und eine Weiterbildung der Konsumenten.

Ein Bürger in Deutschland wirft laut Bundesernährungsministerium im Schnitt jährlich 55 Kilogramm Lebensmittel weg. Zähle man Industrie und Großbetriebe hinzu, seien es insgesamt elf Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle pro Jahr. Werde dies vermieden, könnten in Deutschland pro Jahr rund 30 Milliarden Euro eingespart werden.

„Die Studie ist insgesamt sehr umfassend mit ihrem Blick auf Ernährung, Klima und Biodiversität“, lobt Schünemann vom Institut für Weltwirtschaft. Das Forscherteam biete zwar wenig neue Ansätze, habe die vielen Aspekte des Themas aber gut gebündelt und in der Kurzfassung der Studie auch einfach dargestellt. Solche immer wieder neue Kommunikation zwischen Forscher und Bürger sei sehr wichtig.

„Es ist sehr gut, dass es die Studie gibt, auch wenn noch nicht klar ist, was sie genau bewirkt“, meint auch Welte. Wichtig sei eine Reihe solcher und ähnlicher Berichte, die immer wieder solchen Input gäben.

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Von RND/dpa

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