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Wissen Fehlende Gleichberechtigung und #MeToo: Männer, das schwache Geschlecht
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18:29 24.09.2019
Sind Männer wirklich Supermänner? Oder müssen sie sich erst dahin entwickeln? Quelle: Esteban Lopez/Unsplash

Der Tänzer auf dem Bild trägt zwei Masken. Die eine bedeckt sein Gesicht, die andere seinen Hinterkopf. Die eine zeigt die Züge einer Frau, die andere die eines Mannes. Neben der Gestalt sind japanische Schriftzeichen zu sehen. Sie besagen sinngemäß, dass die Welt erst vollkommen ist, wenn Frau und Mann beieinander sind. Und dass dadurch, dass Frau und Mann beieinander sind, etwas entsteht, das mehr umfasst als bloß zwei Menschen.

Das Bild stammt von dem japanischen Holzschneider Utagawa Toyokuni, der von 1769 bis 1825 gelebt hat. Der Tänzer auf dem Bild stellt keine Personen, sondern ein Prinzip dar: Frau und Mann gehören zusammen. Und mit dem, was die Welt vollkommen macht, wenn sie zusammen sind, sind nicht (nur) Kinder gemeint. Es geht vorrangig um eine geistige Ebene.

Die aber setzt eines voraus: Augenhöhe. Egalität. Niemand stellt sich über den anderen.

138 .000 Fälle von häuslicher Gewalt

Da haben wir noch viel zu tun. Wir debattieren nach wie vor – die ersten Forderungen nach vollständiger Gleichberechtigung sind mehr als 200 Jahre alt – über das Geschlechterverhältnis. Es gibt immer noch nicht überall gleichen Lohn für gleiche Arbeit, es gibt immer noch doppelt und dreifach belastete Mütter. Die Gleichstellung von Mann und Frau steht im Grundgesetz, aber in Chefetagen und Regierungen ist das oft noch nicht angekommen.

Deutlicher wird die Misere durch ein paar spezielle Zahlen. Im Jahr 2017 registrierte die Polizei in Deutschland 138.000 Fälle von häuslicher Gewalt. 82 Prozent derjenigen, die das erleiden mussten, waren Frauen. Jede dritte Frau weltweit, jede siebte Frau in Deutschland erlebt nach unterschiedlichen Studien körperliche und/oder sexuelle Misshandlung. Noch 1999 fällte ein deutsches Amtsgericht ein Urteil, in dem allen Ernstes eine „Rechtspflicht zum Geschlechtsverkehr“ in der Ehe konstatiert wurde. Als könne man Zuneigung anordnen.

Zweitens: 74 Prozent der Nutzer von (oft frauenfeindlichen) Pornoseiten im Internet sind männlich. Und die Zahl der weiblichen Prostituierten in Deutschland liegt bei geschätzt 400.000, die Zahl der männlichen Prostituierten im einstelligen Tausenderbereich. Nein, es geht hier nicht um moralische Bewertungen, sondern um eine Tatsachenbetrachtung: Eine signifikante Anzahl von Männern kauft sich etwas, das nicht bezahlbar ist. Und Frauen tun das mehrheitlich nicht.

Warum? Warum neigen Männer eher als Frauen dazu, das andere Geschlecht dominieren zu wollen? Wie erschreckend wenig die Gleichberechtigung in diesem Punkt – also in den Köpfen der Männer – bisher erreicht hat, zeigt die aktuelle #MeToo-Debatte. Man kann über Ausmaß und Auswüchse und Erfolg streiten. Aber es ist ja unübersehbar, dass Millionen von Frauen nach dem Aufruf das Bedürfnis hatten, über Übergriffe, über Missbrauch, über die Gewalt zu reden, die ihnen angetan wurde. Von Männern. Von Männern, die meinten, Frauen benutzen zu können.

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Um zu erklären, wieso Männer so denken, geht der britische Historiker und Archäologe Ian Morris, der an der Stanford University in Kalifornien lehrt, weit zurück: 1,5 Milliarden Jahre. Damals begann sich die sexuelle Fortpflanzung zu entwickeln – zuvor haben Lebewesen sich selbst geklont, per Zellteilung oder Eigenbefruchtung. Die Aufteilung in Geschlechter führte zu höherer genetischer Vielfalt, aber auch zu unterschiedlichen Schwerpunkten: Weibliche Wesen müssen (oder dürfen) sich selbst viel mehr für den Nachwuchs engagieren als männliche, die wiederum theoretisch weitaus mehr Nachwuchs zeugen können als ihre Partnerinnen. Dieselben XY-Chromosomen, die dafür sorgen, dass Männer Sperma produzieren können, schreibt Morris, machen sie stärker und aggressiver als Frauen. Der Sinn dahinter war, dass die Männer die Frauen und die Familie während der Aufzucht von Nachwuchs schützen sollten.

Männer sind nicht automatisch Unterdrücker

Es muss eine Weile einigermaßen funktioniert haben. Die Männer jagten, die Frauen sammelten Nahrung und versorgten die Kinder. Und bis vor etwa 10.000 Jahren, konstatiert Morris, waren die Geschlechterhierarchien auch mehr oder weniger flach: Behandelte ein Mann seine Frau schlecht, ging sie weg. Dann aber entwickelten sich vor 10.000 Jahren Ackerbau und Viehzucht, die Menschen wurden sesshaft. Frauen waren, weil das Nahrungsangebot plötzlich verlässlicher war, fast ihr ganzes (damals kurzes) Leben entweder schwanger oder mit Kleinkindern befasst und versorgten den Haushalt, die Männer waren draußen auf den Feldern und bei der Jagd und sicherten den Lebensunterhalt. Die Rollenteilung wurde schärfer, die Frauen gerieten in Abhängigkeit. Plötzlich gab es Herrschaftsverhältnisse.

So entwickelte sich das Patriarchat, und den Männern gefiel ihre Macht. Sie taten alles, sie zu zementieren. Die Religionen unterstützten das Modell von Frauen als Besitz des Mannes, und sogar angeblich denkende Männer mühten sich, Frauen als minderwertig darzustellen (noch Schopenhauer glaubte, der Mann sei „der eigentliche Mensch“). Und immer war die Kontrolle der Sexualität der Frau ein Grundpfeiler des Systems. Die Gewalt setzte zielsicher dort an, wo die Empfindungen sitzen. Sünde, Unreinheit, Hexenhaftes – wenn Frauen taten, was Männer taten, wurden sie bestraft. Erst nach und nach begann dieses Gebilde vom 18. Jahrhundert an im Zuge der Emanzipation aufzuweichen.

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Männer sind zwar oft von Natur aus körperlich stärker als Frauen. Aber sie entscheiden immer noch selbst, wofür sie diese Kraft einsetzen. Sie sind nicht automatisch Unterdrücker, die nicht anders können. Der hannoversche Sozialpsychologe Rolf Pohl sagt, es spreche vieles dafür, dass die Hirnstrukturen der Männer (die sich natürlich in Tausenden von Jahren auf das Herrschertum fokussiert haben, aber sich auch wieder verändern können) nicht naturgegeben, sondern kulturell bedingt seien. Pohl arbeitet heraus, dass das Bedürfnis von Männern, Frauen abzuwerten, dazu diene, sich selbst aufzuwerten – und zwar aus Furcht. Denn gerade in der Sexualität könne der Mann seine eigenen Körperfunktionen ja gar nicht völlig beherrschen. Dies löse „in zweifacher Richtung Angst“ aus, sagt Pohl: vor dem eigenen Versagen und vor den Frauen, deren Reaktionen der Mann nicht sicher beeinflussen könne. Und je abhängiger ein Mann sich fühle, konstatiert der Psychologe, „desto eher neigt er zur Kontrolle bis zur Gewalt“.

Das hat, neben der Unterdrückung der Frau, noch eine weitere Folge. Denn der Mann wird ja nicht mit einem eingeschränkten Gefühlshaushalt geboren. Ihm wurden und werden bis heute Teile der Empfindungsfähigkeit in der Kindheit abtrainiert, und einiges von dem, was noch übrig bleibt, eliminiert er dann selbst, um nach außen als ganzer Kerl zu gelten und keine Schwäche zuzulassen.

Männer können ihre Gefühle nicht gut zeigen

In Frauenmagazinen heißt es gern, Männer könnten ihre Gefühle nicht so gut zeigen. Tatsächlich handelt es sich um ein permanentes Niederhalten von Teilen des eigenen Ich, was den maskulinen Teil der Bevölkerung im Endeffekt zu einer Art emotional behinderter Spezies macht. Und das ist keine Stärke, das ist eine Schwäche. Auch Frauen zu erniedrigen ist eine Schwäche: Man(n) beschädigt dadurch die eigene Menschlichkeit.

All das kann nicht nur bei den Unterdrückten, sondern auch beim Mann selbst teilweise dramatische Folgen haben: Männer ignorieren psychische Beschwerden bis hin zur Depression erschreckend oft. Sie kompensieren sie mit Alkohol, Zigaretten und Drogen, und wenn das alles nicht mehr hilft, bringen sie sich fast dreimal häufiger um als Frauen, wie eine Studie des Robert-Koch-Instituts belegt. „Suizid ist männlich“, sagen Ärzte wie der Ulmer Psychosomatiker Harald Gündel.

Der Stern des Patriarchats sinkt sowieso, das Bemühen um die Gleichstellung von Mann und Frau wird weitergehen. Doch es sind vor allem die Männer selbst, die sich von ihrem Rollenverhalten emanzipieren müssten. Sie schaden nicht nur den Frauen, wenn sie auf sie herabschauen. Sie schaden vor allem sich selbst. Und sie bringen sich um das Glück, zusammen mit einer Frau auf Augenhöhe etwas Vollkommenes zu erleben.

Von Bert Strebe/RND

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