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10:33 19.10.2019
Martin Wehrle ist Karrierecoach und Bestsellerautor, sein aktuelles Buch heißt: „Noch so ein Arbeitstag, und ich dreh durch – Was Mitarbeiter in den Wahnsinn treibt“ (Mosaik, 2018).
Hannover

„Welche Ausbildungen und Abschlüsse sind zurzeit denn die gefragtesten?“ Diese Frage höre ich immer öfter in der Karriereberatung – nicht nur von jungen Menschen, die einen Beruf wählen, sondern auch von ihren besorgten Eltern. Die Antworten sind schnell gefunden, denn in etlichen Branchen fehlen die Fachkräfte: ob im Handwerk oder in der Pflege, ob in der Informatik oder in der Medizin. Der Gedanke liegt nahe, dass eine solche Berufswahl eine sichere Zukunft und ein gutes Auskommen garantiert.

Die aktuelle Marktlage kann trügen

Dabei ist es eine schlechte Idee, die Berufswahl von der Marktlage abhängig zu machen. Zum einen sollte sich eine Lebensentscheidung wie die Berufswahl nicht an der zufälligen Marktlage, sondern an den inneren Werten orientieren: Wohin zieht es einen jungen Menschen, welche Aufgaben reizen ihn, welche Branche verspricht ihm persönliches Wachstum und Erfüllung? Nur wenn ein Mensch zu seinem Beruf passt, wird er sich ein Leben lang damit wohlfühlen und auch dauerhaft gute Leistung erbringen.

Zum anderen wäre es ein großer Fehler, die gegenwärtige Marktlage mit der künftigen zu verwechseln. Ältere erinnern sich noch daran: Wer das Spieglein an der Wand fragte, welcher Beruf der sicherste im ganzen Land sei, bekam in den 1970er-Jahren die Antwort: „Lehrer!“ Alle Zeitungen berichteten vom Lehrermangel, alle Politiker riefen nach neuen Pädagogen, und viele Abiturienten schlugen denselben Berufsweg ein: Lehramt. Etliche von ihnen konnten ihre pädagogischen Fähigkeiten später, in den 1980er-Jahren, beim Umgang mit betrunkenen Fahrgästen gebrauchen, die sich in ihre Taxis verirrten. Freie Lehrerstellen? Fehlanzeige.

Den Beruf mit Weitblick wählen

Wann immer Ihnen ein Beruf als der sicherste, eine Fortbildung als die gefragteste, eine Branche als die zukunftsfähigste verkauft wird, rate ich zur Skepsis. Denn gut möglich, dass der heutige Mangel in ein künftiges Überangebot mündet. Dieses Phänomen hat in der Wirtschaft einen Namen: Schweinezyklus. Was taten die Züchter, wenn es am Markt einen Mangel an Schweinen und folglich hohe Preise gab? Mehr Schweine züchten, um künftig noch mehr Gewinn zu machen. Da diese Idee nicht nur einem Züchter, sondern nahezu allen kam, waren Jahre später ein Überangebot, sinkende Preise und herbe Verluste die Folge.

Wann immer Ihnen ein Beruf als der sicherste, eine Branche als die zukunftsfähigste verkauft wird, rate ich zur Skepsis.

Und wie reagierten die meisten Züchter auf das Überangebot? Sie reduzierten die Zahl ihrer Tiere. Wer das nicht tat, wer gegen den Strom schwamm, war gut dran: Ein paar Jahre später gab es wieder einen Mangel – und hohe Preise.

Nicht dem Trend hinterherhecheln

Daraus folgt: Wer heute einen Beruf wählt oder ein Studium antritt, sollte auch Fächer in Erwägung ziehen, die im Moment als wenig gefragt gelten – und deshalb nur von wenigen angesteuert werden. Dasselbe gilt bei der Wahl einer Branche, einer längerfristigen Fortbildung oder auch beim Gründen einer Firma. Vor allem Märkte, die im Moment als überfüllt gelten, können nach einer Bereinigung exzellente Chancen bieten – für den, der dann schon aufgestellt ist und nicht erst dem Trend hinterherhechelt.

Im Beruf gilt dieselbe Erfolgsregel wie beim Eishockey: Die besten Spieler stehen nicht dort, wo der Puck gerade ist, im Gedränge, sondern dort, wo er gleich sein wird, im freien Raum. Wer sich mehr auf seinen gesunden Weitblick und weniger auf die Einflüsterungen der Trendmacher verlässt, ist der Konkurrenz einen Schritt voraus.

Von Martin Wehrle/RND

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