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10:00 15.07.2019
Rivalinnen oder Freundinnen? Das Verhältnis von Müttern und Töchtern ist seit jeher ein besonderes – und ist mitunter noch im Erwachsenenalter von Spannungen geprägt. Quelle: Mango Star Studio/iStock
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Hannover

Sie will ihre Mutter stolz machen. „Mama, siehst du denn nicht, was ich leiste?“ Luisa, 30, erfolgreiche Influencerin, wird von so vielen bewundert. Nur nicht von der Frau, mit der sie das engste Band verbindet: ihrer Mutter. Die kann als renommierte Psychotherapeutin nur wenig mit Luisas Leidenschaft für Handtaschen, Beautyprodukte und Social Media anfangen. „Warum bloß habe ich so eine Medientochter, wieso will Luisa unbedingt in der Öffentlichkeit stehen?“ Ausgesprochen hat Irmin diese Worte nie. Luisa befürchtet aber, dass sie so denkt. „Ich bin so anders als die Tochter, die sie sich wahrscheinlich vorgestellt hat“, sagt Luisa.

Mutter-Tochter-Konflikt im Jahr 2019

Luisa Lion, wie sie sich im Netz nennt, verdient sehr viel Geld, indem sie ihre meist weiblichen Follower engmaschig an ihrem Alltag teilhaben lässt. Sie nimmt sie per Handykamera mit zum Joggen, zum Wohnungsputz, in den Club, in den Urlaub und zu ihren zahlreichen Werbejobs: Beauty- oder Modefirmen bezahlen die junge Frau mit den rund 500 000 Followern dafür, dass sie Lippenstifte, Hotpants oder Turnschuhe auf Instagram, Facebook oder Youtube präsentiert. Für ihre Mama, die mit Konsum nie etwas anfangen konnte, ist das schwer nachvollziehbar.

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Es ist ein kritisches Abtasten und ein moderner Mutter-Tochter-Konflikt, der beispielhaft für die Frage steht: Wie sehr prägt die Beziehung zur Mutter unser Leben? „Viele Ängste und Unsicherheiten und vor allem unsere eigene kritische oder liebevolle Sicht auf uns selbst lassen sich auf unsere frühe Kindheit und unsere allererste Beziehung, nämlich die zu unserer Mutter, zurückführen“, sagt Journalistin Silia Wiebe. Mit ihrem Buch „Unsere Mütter. Wie Töchter sie lieben und mit ihnen kämpfen“ hat sie der Mutter-Tochter-Beziehung ein ganzes Buch gewidmet. Darin schildern neben Luisa elf weitere Frauen ihre Mutter-Beziehung. Da ist Nicole, die mit 15 das erste Kind bekommt und mit 29 sieben Kinder von drei verschiedenen Vätern hat – und die ihren Alltag ohne ihre Mutter nicht schaffen würde. Sie hilft beim Wickeln, Kochen und Füttern und zischt die lästernden Frauen auf dem Spielplatz an, um ihre Tochter zu verteidigen.

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„Mütter sind Frauen mit eigenen Ängsten und Schwächen“

Oder Suleika, das Geigenwunderkind, das in der Kindheit unter dem Leistungsdruck der Mutter und des Stiefvaters leidet und erst als Erwachsene nach dem Unfalltod ihrer ersten großen Liebe erkennt, dass ihre Mama in der Not immer da ist. Und dass die Mutter sie durchaus wertschätzt und liebt und zwar nicht nur, wenn sie gute Leistungen bringt. „Aber Mütter sind eben mehr als nur Mütter. Sie sind Frauen mit eigenen Ängsten und Schwächen“, sagt Silia Wiebe. Während der Interviews mit den zwölf erwachsenen Töchtern wurde ihr eines besonders klar: „Mütter geben immer ihr Bestmögliches, auch wenn es nicht immer genau das sein mag, was die Tochter gerade braucht.“

Wertschätzung lernen beginnt im Kindesalter

Im Interview, das Wiebe im letzten Buchkapitel mit Psychologin und Bestsellerautorin Stefanie Stahl („Das Kind in dir muss Heimat finden“) führt, erfährt man, warum die Mutterliebe eine so große Rolle spielt: „Wir bekommen unseren Selbstwert im Spiegel der anderen. Strahlt die Mutter ihr Baby an, lernt das Baby: Mama freut sich, dass es mich gibt. Daraus entsteht ein positives Gefühl: Ich bin okay. Spiegelt die Mutter dem Baby stattdessen Stress, Abwesenheit, Genervtheit, dann denkt das Kind nicht, dass die Mama leider haufenweise Probleme mit sich oder der Umwelt hat, sondern es fühlt: Ich bin nicht okay.“

Einfluss auf das Selbstwertgefühl

Entwicklungspsychologe Ulrich Orth von der Universität Bern hat in einer Studie repräsentative Daten von 8 700 US-Amerikanern ausgewertet, die von der Geburt bis ins Alter von 27 Jahren begleitet wurden. Das Ergebnis: Das Erziehungsverhalten in den ersten sechs Lebensjahren und die Förderung, die Kinder durch ihre Eltern bekommen, haben auch noch im Erwachsenenalter einen andauernden Effekt auf das Selbstwertgefühl – und das wahrscheinlich ein Leben lang.

Erzwungene Mutter-Tochter-Liebe bewirkt Gegenteil

Oft dauert es Jahre oder auch Jahrzehnte, bis eine Tochter versteht, dass ihr Wert als Erwachsene nicht mehr abhängig ist von der Zustimmung der Mutter. Wie bei Ulrike. Die entscheidet sich mit Anfang 40, aus der Großstadt zurück aufs Land zu ziehen, um die alten Eltern noch ein paar Jahre zu pflegen. Aus den geplanten „paar Jahren“ werden 22, und Ulrike stellt erschöpft fest: „Ich bin im Leben einmal falsch abgebogen.“

Manchmal hilft es, sich selbst von der Angel zu lassen, um ein befreites Verhältnis zur Mutter zu haben. Quelle: Georgijevic/Getty

Als ihr Vater stirbt, bleibt sie mit der mäkelnden, manipulierenden, fordernden Mutter zurück. Ulrike gelingt es nicht, sich ihr zu widersetzen. Sie kocht, wäscht, chauffiert und hofft bis zum Schluss, dass die Mutter zufrieden mit ihr ist. Als diese mit 100 Jahren stirbt, ist von der Mutter-Tochter-Liebe nichts mehr übrig. „Nur mit größter innerer Überwindung und dem Gefühl, als würde mir jemand die Luft abklemmen, schleppte ich mich an ihr Bett. Da saß ich, starrte auf ihre knochigen Hände und mir liefen die Tränen. In was für eine Situation hatte ich mich gebracht?“

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Persönlicher Wert hängt nicht von Zuwendung der Mutter ab

Stefanie Stahl sagt: „Eine Tochter, die schon als Kind keine Wertschätzung von der Mutter bekam und als Erwachsene noch immer auf die Mutter schaut und hofft, dass die ihr irgendwann spiegelt, dass sie gut ist, die muss sich selbst von der Angel nehmen. Sie muss erkennen lernen, dass ihr persönlicher Wert nicht von der Zuwendung ihrer Mutter abhängt. Es läuft alles darauf hinaus, dass sie sich letztlich selbst anerkennt.“

Ulrike lernt unter großer Anstrengung, Grenzen zu setzen: Sie heiratet allen Intrigen der Mutter zum Trotz einen Mann, den die Mutter „für das Überflüssigste überhaupt“ hält, und zieht mit ihm in das Nachbarhaus. Sie lässt die Mutter nicht im Stich, schafft sich aber eigenen Raum. Nicht zu nah und nicht zu fern.

Gemeinsamkeiten erkennen und Anerkennung ausdrücken

Und die Influencerin Luisa? Sie und ihre Mutter haben letztlich einen guten Weg gefunden. Mehr noch, sie haben erkannt, dass sie so unterschiedlich gar nicht sind. Wenn sie für etwas brennen, geben sie alles: die Tochter als Influencerin mit maximaler Öffentlichkeit, die Mutter in eigener Praxis als Kinder- und Jugendtherapeutin so diskret wie möglich. Und eigentlich, das wird zwischen den Zeilen dann doch klar, sind beide heute ziemlich stolz aufeinander.

Von Lisa Harmann/RND