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07:00 18.10.2018
Deutschland ist innovativer als andere in der Welt – behauptet eine Studie. Quelle: iStockphoto
Berlin

Die Meldung kam so überraschend wie gelegen: Ob die Kanzlerin im Bundestag oder der Wirtschaftsminister auf einem Kongress, der ihn mit Dieselkrise und Infrastruktur-Mängeln quälte – wer konnte, nutzte am Mittwoch auch unangenehme Auftritte, um die frohe Kunde zu verbreiten: Gerade angesichts der technisch sehr fortschrittlichen Konkurrenz auf dem Weltmarkt, jubilierte etwa Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung, „war es heute eine gute Nachricht, dass das Weltwirtschaftsforum Deutschland weltweit auf Platz 1 gesetzt hat, was Innovationen angeht“. Der Applaus war so dünn, dass man vermuten muss: Auch die Abgeordneten konnten es kaum glauben. Kein Land der Welt, hieß es da, sei so innovationsfähig wie die Bundesrepublik.

Aber hören wir nicht immer, dass wir die Digitalisierung und andere Zukunftstechnologien verschlafen? Dass wir beim Internetausbau von manchem Schwellenland abgehängt werden? Dass die Groko nur für Stillstand und Rentenstreit sorgt?

Die Analyse der Stiftung aus der Schweiz, die jährlich Top-Politiker und Wirtschaftsgrößen zum Gipfel nach Davos lädt, stellt andere Fragen. Laut ihr ist Deutschland führend in Patenten und Forschung, außerdem sind die Ansprüche der Konsumenten hoch. Das treibe Firmen ebenso zu Innovationen wie der lebhafte Handelssektor, der Neues schnell auf den Markt bringe, die stabile Wirtschaftslage und eine gesunde und gebildete Bevölkerung. Den Stau bei der IT-Einführung sieht die Studie auch – er trübt das Gesamtergebnis nur leicht. Ist Deutschland also erfindungsreicher als wir denken? Ein Blick auf die zentralen Felder deutscher Innovationskraft.

Ein iPad im Unterricht allein wird nicht helfen: Das deutsche Ausbildungssystem hat viele Vorteile – allerdings ist der Mangel an Fachkräften ein Hemmschuh für Innovation. Quelle: dpa

Ausbildung: Ein gutes System mit Schwächen

Es gibt in Deutschland etwas, das so gut ist, dass es so verschiedenen Personen wie US-Präsident Donald Trump und seinem Vorgänger Barack Obama gleichermaßen gefällt: das System der dualen Ausbildung. Junge Menschen erlernen einen Beruf im Betrieb und gehen gleichzeitig zur Schule. Neben der robusten Konjunktur in Deutschland gilt dieses System als wichtiger Grund dafür, warum Deutschland im europäischen Vergleich relativ geringe Probleme mit Jugendarbeitslosigkeit hat.

Die Ausbildung ist also gut – doch in Zeiten des demografischen Wandels werden Fachkräfte je nach Branche und Region knapper. Die Pisa-Studien haben immer wieder deutlich gemacht, wo Deutschland besser werden muss: Bildungschancen sind hier noch immer recht stark an die soziale Herkunft gekoppelt. In Zeiten jedoch, in denen am Ende jeder gebraucht wird, ist das fahrlässig.

Von der Digitalisierung aller Lebensbereiche ist auf Messen und in Instituten oft die Rede, hier bei der Fraunhofer-Erlebniswelt Zukunftsarbeit. Der Breitbandausbau ist hingegen immer noch eine Baustelle für die Politik. Quelle: dpa

Digitalisierung: Aus dem „MP3-Trauma“ lernen

Ein Beispiel für Innovationen aus Deutschland ist MP3. Das Verfahren zur Kompression von Audiodateien wurde ab 1982 in Nürnberg und Erlangen entwickelt. Ein Renner. Nur: Die deutsche Wirtschaft hatte wenig davon, den Profit machten andere. „Wir müssen noch besser darin werden, unsere Innovationen auch auf die Straße zu bringen und zu monetarisieren“, sagt Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) dem RND. „Ich will, dass wir noch mehr die Früchte unserer Forschung ernten und unser MP3-Trauma überwinden.“ In Sachen Digitalisierung versucht Deutschland, mit am großen Rad zu drehen – etwa wenn es um künstliche Intelligenz und Industrie 4.0 geht. Doch die Anwendungen erfordern leistungsfähiges Turbo-Internet. Bei Ausbau der digitalen Infrastruktur hinkt die Bundesrepublik allerdings noch weit hinterher. Staatsministerin Bär: „Digitale Infrastruktur ist allein kein Innovationstreiber, sondern genau wie Schienen und Straßen die Grundhausaufgabe.“

Die Autoproduktion funktioniert in Deutschland heute bereits hoch automatisiert. Bei der E-Motortechnik liegen andere vorn. Quelle: dpa

Die Autoindustrie ist spitze – trotz Skandal

Die Marke „Made in Germany“, die sich von einer angelsächsischen Warnung vor deutschen Produkten zum Gütesiegel der hiesigen Industrie hin entwickelt hat, leidet. Seit der massenhafte Betrug mit Schadstoffwerten die deutschen Autobauer weltweit in ein schlechtes Licht rückte, trauen ihnen viele nicht mehr die Innovationskraft zu, sich auf das Zeitalter ohne Öl rechtzeitig einzustellen. Dabei sprechen die Zahlen noch immer eine andere Sprache: Die deutschen Autobauer verteidigen ihren Weltmeistertitel bei Innovationen seit Jahren souverän. Das Center of Automotive Management hat berechnet, dass zuletzt bei den Premiummarken weltweit BMW führte, knapp vor Mercedes und Audi. In der Kategorie „Volumenmarken“ liegt VW vorn. Vieles hat dabei mit der Elektrifizierung der Antriebe zu tun. So haben die Münchner seit August 2017 insgesamt 60 technische Neuerungen für ihre Autos serienreif gemacht. Als herausragendes Beispiel nennen die Experten einen Batterieladeservice für Fahrzeuge mit Hy­brid­an­trieb. Mercedes hat die größte Zahl von Weltneuheiten präsentiert, darunter ein Unfallmeldesystem. VW kam sogar auf 62 Neuerungen. Die Wolfsburger haben etwa mit einem Nothalte-Assistenten und einem Kollisionswarner für das Modell Arteon gepunktet. Der Konzern hat aber auch den ersten Partikelfilter für Kleinstwagen mit Benzinmotor auf den Markt gebracht.

Vernetzt, innovativ und qualitativ hochwertig: Deutschlands Forschung arbeitet innovativ – hier das Nanostrukturlabor des Physik-Institutes der Universität Greifswald. Quelle: dpa

Forschung: Gefördert und vernetzt

Das Weltwirtschaftsforum bescheinigt dem Forschungsstandort Deutschland gute Noten – auch wegen der vielen Veröffentlichungen deutscher Wissenschaftler. Auch Wirtschaftswissenschaftler Djerdj Horvat vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe sieht darin eine wichtige Triebfeder für Innovationen: „Es kann nicht zu viele Publikationen geben.“ Man müsse bei der Vielzahl der digitalen Medien allerdings auf die Qualität achten. Deutschland zähle aber gerade auch in den international renommierten Fachjournalen viele Veröffentlichungen. Horvat hebt zudem gute Zugänge zu Forschungsdatenbanken sowie interdisziplinäre Zusammenarbeit hervor. Beispiel: Beim Thema Zukunft der Arbeit kooperiert Fraunhofer – größte Organisation für angewandte Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen in Europa – sowohl mit Universitäten als mit kleineren Betrieben. Insgesamt führe die gute Infrastruktur und Förderung zu einem „super motivierten Forschungsklima.“ Luft nach oben gebe es noch – beim Marketing der Forschung.

Der Mittelstand ist zwar in vielen Bereichen sehr erfolgreich auf dem Weltmarkt, bei der Digitalisierung sehen Experten allerdings Aufholbedarf. Quelle: dpa

Den Mittelstand plagt der Fachkräftemangel

Christian Baudis sieht sich als „Futurist“ – auf jeden Fall ist er Digitalunternehmer und Ex-Deutschlandchef von Google. Über die digitalen Ambitionen des hiesigen Mittelstands, der doch als Basis deutscher Wirtschaftskraft gilt, hat er wenig Gutes zu sagen: „50 Prozent der Mittelständler nehmen das Thema Digitalisierung nicht ernst“, sagt Baudis. In diesem Bereich liege Deutschland „im gesunden Mittelfeld“ und habe „kräftiges Aufstiegspotenzial“. Die meisten Start-ups sind inzwischen keine Mittelständler mehr, sondern prekäre Kleinstfirmen in Berlin – wo im Schnitt täglich ein neues Unternehmen gegründet wird.

Der deutsche Mittelstand plagt sich dagegen mit Fachkräftemangel und Netzausbau – ist aber weiterhin erfolgreich in vielen Nischen. Die letzte große Innovationswelle mittelständischer Unternehmen allerdings war der Ausbau von Solar- und Windenergie im Zuge der Energiewende – angestoßen von einem Förderprogramm der rot-grünen Bundesregierung Anfang der Nullerjahre. Weil die Kosten beim Stromverbraucher landeten, zogen spätere Regierungen die Bremse.

Ein Laptop, ein Schreibtisch, ein Fabrikgelände: Startup-Unternehmen sind auch in Deutschland immer häufiger zu finden. Quelle: Jacqueline SchulzJacqueline Schulz

Erfindergeist: Viele Patente aus Deutschland

Laut Weltwirtschaftsforum sind für Innovationen zwei Dinge wichtig: Erfindergeist und Rahmenbedingungen. Deutschland überzeuge durch guten Insolvenzschutz, Optimismus von Firmengründern und jungen Startup-Unternehmern – sowoe eben Offenheit für neue Ideen. Das Ergebnis ist eine im internationalen Vergleich herausragende Zahl von Patenten, die seit 15 Jahren stabil bei rund 48 000 Neuanmeldungen im Jahr liegt – von Erfindern, die in Deutschland leben, am häufigsten in Bayern und Baden-Württemberg. Allerdings: Zur Jahrtausendwende waren das schon einmal 53 000. Zudem wird die Statistik, auf die sich die Studie stützt, verzerrt, weil auch Patentierende mit Sitz im Ausland mitgezählt werden, die sich die Rechte an ihren Produkten in Deutschland sichern lassen: Von 11 000 im Jahr 2000 stieg deren Zahl auf zuletzt 20 000. Das spricht weniger für deutschen Erfindergeist als für einen attraktiven Absatzmarkt – was die Studie auch einräumt: Wo große Nachfrage herrscht, kommen Neuigkeiten schnell auf den Markt.

Von Rasmus Buchsteiner, Sonja Fröhlich, Steven Geyer und Tobias Peter

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