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Wirtschaft Walter Kleine: „Mehr Bürokratie nützt Kunden nichts“
Nachrichten Wirtschaft Walter Kleine: „Mehr Bürokratie nützt Kunden nichts“
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19:46 23.11.2010
Walter Kleine begann seine berufliche Laufbahn bei der Sparkasse in Bremen. Nach Stationen beim Bremer Bankhaus Carl F. Plump & Co., als Vorstandsmitglied in der Sparkasse Gießen und in der Sparkasse Bremen führt der heute 51-Jährige seit November 2004 als Vorstandschef die Sparkasse Hannover, die sechstgrößte deutsche Sparkasse. Kleine arbeitet in vielen Gremien von Unternehmen, kulturellen sowie sozialen Einrichtungen und ist Honorarkonsul der Republik Kasachstan. Der Vater von sechs Kindern lebt mit seiner Partnerin in Hannover.
Walter Kleine begann seine berufliche Laufbahn bei der Sparkasse in Bremen. Nach Stationen beim Bremer Bankhaus Carl F. Plump & Co., als Vorstandsmitglied in der Sparkasse Gießen und in der Sparkasse Bremen führt der heute 51-Jährige seit November 2004 als Vorstandschef die Sparkasse Hannover, die sechstgrößte deutsche Sparkasse. Kleine arbeitet in vielen Gremien von Unternehmen, kulturellen sowie sozialen Einrichtungen und ist Honorarkonsul der Republik Kasachstan. Quelle: Rainer Surrey
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Kürzlich hat der Commerzbank-Vorstand Markus Beumer erklärt, dass er den Sparkassen im Mittelstandsgeschäft Kunden wegnehmen will. Machen Sie sich deswegen schon Sorgen?

Überhaupt nicht. Wir haben in den vergangenen Jahren wegen der Fusion von Commerzbank und Dresdner Bank sogar viele neue Firmenkunden von diesen Instituten gewonnen. Vielleicht wollen sie die nun zurückhaben. Dabei wünsche ich der Commerzbank viel Glück!

Was macht Sie so selbstsicher?

Schauen Sie sich doch an, wer in der Finanzkrise hier in der Region weiterhin die Mittelständler mit Geld versorgt hat. Das waren die Sparkassen und die Volksbanken. Eine Kreditklemme hat es bei uns nie gegeben. Dies kommt uns nun zugute.

Manche Ihrer Berufskollegen kritisieren die Commerzbank, weil sie als teilverstaatlichtes Institut mit nicht marktüblichen Konditionen auf Kundenfang gehe. Sehen Sie das auch so?

Die Commerzbank bietet im Einlagengeschäft teils deutlich über dem Marktzins liegende Konditionen. Da fragt sich, warum sie dies tut. Will sie nur Marktanteile gewinnen, oder hat sie möglicherweise ein Liquiditätsthema? Egal wie die Antwort ausfällt – wenn ein öffentlich gestütztes Institut mit besonders günstigen Konditionen operiert, führt das zu Marktverwerfungen.

Als Folge der Finanzkrise soll der Anlegerschutz verbessert werden. So gilt seit Jahresbeginn eine Protokollierungspflicht für Wertpapier-Beratungen. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Wir standen diesem Gesetz von Anfang an durchaus skeptisch gegenüber. Die Erfahrungen bestätigen uns, dass wir damit richtig lagen. Jetzt müssen die Berater bis zu 30-seitige Beratungsprotokolle für ein einzelnes Geschäft ausfüllen. Dabei hat für uns Anlegerschutz größte Bedeutung. Wir hatten aber schon vor dem Gesetz eine gute Beratung. Sie ist durch die neuen Vorschriften nicht besser geworden, kostet aber mehr Zeit. Auch die Rückmeldungen aus unserer Kundschaft zu der Protokollpflicht sind teilweise negativ.

Als nächstes ist nun eine Registrierungspflicht für alle Bankberater bei der Bankenaufsicht Bafin geplant. Was sagen Sie dazu?

Ich halte das für völlig verfehlt, und zwar aus mehreren Gründen. Zum einen deshalb, weil nicht alle Anlageberater unter das Gesetz fallen sollen. Für die freien Vermittler gilt weiter Gewerberecht, sie müssen sich also nicht bei der Bafin registrieren. Es entsteht mithin eine Zweiklassengesellschaft, wobei ausgerechnet der sogenannte Graue Markt nicht erfasst wird.

Was stört Sie noch?

Vor allem bringt eine solche zentrale Datei zusätzliche Bürokratie. Allein bei den deutschen Sparkassen wären 130.000 Berater zu registrieren, insgesamt dürften etwa 300.000 Bankberater betroffen sein. Mit der zentralen Datei wird ein Bürokratiemonster geschaffen, ohne dass die Kunden irgendeinen Vorteil davon haben. Wir haben eine hervorragende Ausbildung. Natürlich sind auch unsere Mitarbeiter Menschen und machen Fehler. So etwas haben wir bisher aber intern vernünftig geregelt. Künftig sollen Kunden Fehlverhalten von Beratern an das Zentralregister melden können, aber was ist Fehlverhalten, welche Maßstäbe sollen dafür gelten, welche Konsequenzen hat das? Es gibt viele offene Fragen.

Kürzlich sind neue globale Regeln für das Bankgeschäft, bekannt unter dem Begriff Basel III, beschlossen worden. Welche Konsequenzen habe diese für die Sparkasse Hannover?

Wir haben keine Probleme, die höheren Eigenkapitalanforderungen zu erfüllen. Klar ist jedoch auch, dass die neuen Vorschriften uns einengen werden. Zudem bedeutet Basel III einen spürbaren internen Aufwand, um die Systeme entsprechend anzupassen. Dabei ist zu bedenken, dass wir als rein regionales Institut keinerlei grenzüberschreitendes Geschäft machen. Trotzdem gelten die Regeln auch für uns.

Welche Auswirkungen erwarten Sie für den Markt?

Ich glaube, dass Kredite teurer werden. Dadurch dürfte der Druck zur Kostensenkung in der Branche zunehmen. Das wird auch Folgen für Arbeitsplätze und die Zweigstellendichte haben. Was mich an Basel III und anderen neuen Regeln stört, ist die Pauschalierung. Wir haben die Krise nicht verursacht, trotzdem sind wir von allen Verschärfungen mitbetroffen.

Die Europäische Union plant eine europaweit geltende Einlagensicherung von 100.000 Euro je Kunde. Was halten Sie davon?

Wenig. Wir sollen in einen Fonds einzahlen, obwohl die deutschen Sparkassen bereits ein funktionierendes Sicherungssystem haben, das die Kundeneinlagen vollständig schützt. Allein die Sparkasse Hannover müsste jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag einzahlen – obwohl unsere Kunden bereits abgesichert sind. Hier würde die europäische Harmonisierung eine Fehlleitung bedeuten. Es soll ein System beseitigt werden, das bislang problemlos funktioniert hat. Keine einzige Sparkasse ist in der Krise kaputt gegangen oder musste vom Staat gestützt werden.

Wie laufen derzeit Ihre Geschäfte?

Wir sind zufrieden. Die niedrigen Zinsen ermöglichen uns eine günstige Refinanzierung, die Wertberichtigungen im Kreditgeschäft sind deutlich geringer als kalkuliert. Auch die Kreditnachfrage ist lebhaft. Allerdings erwarte ich nicht, dass es nächstes Jahr so weiter geht. Die Rahmenbedingungen werden nicht so günstig bleiben.

Wie steht die Sparkasse Hannover im Vergleich da?

Wir liegen bei den Erfolgskennziffern unter den deutschen Sparkassen im oberen Bereich. Damit ernten wir die Früchte unserer jahrelangen Anstrengungen. Unser oberster Grundsatz ist die Nachhaltigkeit, wir sind heute ein grundsolides Institut.

Also nichts mehr zu tun?

Ganz im Gegenteil. Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht, um das Kundengeschäft voranzubringen. Nun geht es um die Verbesserung des Kostenmanagements.

Was bedeutet das konkret?

Wir wollen unsere jährlichen Gesamtkosten von 265 auf 245 Millionen Euro reduzieren, indem wir unsere Prozesse optimieren und die Sachkosten drücken. Dadurch werden bis Ende 2012 auch etwa 60 von rund 2400 Arbeitsplätzen abgebaut – aber nur durch die normale Fluktuation. Entlassungen sind bei uns ausgeschlossen. Es geht um Kostenreduzierung mit Augenmaß und Investitionen an den richtigen Stellen. Mit Blick auf den doppelten Abiturjahrgang erhöhen wir im kommenden Jahr sogar unsere Ausbildungsquote um 20 zusätzliche Ausbildungsplätze.

Sie haben vergangenes Jahr Ihren Kunden, die durch den Zusammenbruch der US-Bank Lehman geschädigt wurden, ein Entschädigungsangebot gemacht, das deutschlandweit einmalig war. Haben Sie dies im Nachhinein bereut?

Kein bisschen. Wir haben genau das Richtige getan. Es war zwar teuer, aber es hat sich gelohnt. Das Vertrauen unserer Kunden ist uns das Geld wert.

Interview: Albrecht Scheuermann