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Nachrichten Wirtschaft Wie VW den Verbrenner loswerden will
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15:54 09.12.2018
Im April 2017 lief der erste E-Golf der Gläsernen Manufaktur in Dresden vom Band. Voraussichtlich bis 2040 will sich VW komplett von Verbrennern verabschieden.
Im April 2017 lief der erste E-Golf der Gläsernen Manufaktur in Dresden vom Band. Voraussichtlich bis 2040 will sich VW komplett von Verbrennern verabschieden. Quelle: Arno Burgi/dpa
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Hannover

Batterie statt Tank, Elektromotor statt Benziner oder Diesel, Lade- statt Zapfsäule: VW meint es ernst mit der E-Mobilität. Vor Kurzem nannte die Marke erstmals Termine für den Abschied vom Verbrenner. Man rechne damit, die letzten Benziner und Diesel ungefähr im Jahr 2040 zu verkaufen, sagte Chefstratege Michael Jost in einem Vortrag. Doch warum prescht VW mit einem Zeitplan vor? Und was heißt der Umstieg für die Beschäftigten? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie begründet VW den Ausstieg?

Jost betonte, dass die Marke sich zum Pariser Klima-Abkommen von 2015 bekennt. Um dessen Ziele zu erreichen, dürften 2050 keine Verbrenner mehr auf den Straßen unterwegs sein. Von diesem Zeitpunkt aus hat der Stratege rückwärts gerechnet. Da Autos meist etwa zehn Jahre lang gefahren werden, müsste VW den Verkauf von Benzinern und Dieseln etwa 2040 einstellen. Die letzten neuen Modelle kämen demnach in den frühen 2030er-Jahren auf den Markt. Schon 2026 würde laut Jost die letzte neue Verbrenner-Plattform starten. Plattformen bilden die technische Basis einzelner Modelle. Die Aussagen beziehen sich aber nur auf die Marke VW – nicht auf den gesamten VW-Konzern.

Wie ernst meint VW den Zeitplan?

Zwei Tage nach Josts Vortrag relativierte sein Kollege Ralf Brandstätter, Mitglied des Markenvorstands, die Aussagen leicht. Der Zeitplan hänge auch davon ab, wie gut E-Autos bei den Kunden ankommen. Exakte Vorhersagen seien daher nicht möglich. Aber auch Brandstätter betonte, dass VW das Pariser Abkommen „sehr ernst“ nehme.

Wie wird der Umstieg organisiert?

VW investiert bereits jetzt viele Milliarden in E-Mobilität. Zuletzt entschied der Konzern, die Werke in Emden und Hannover im großen Stil umzubauen. Weitere Werke für E-Autos entstehen in China und den USA. So könne man „weltweit skalieren und Effizienzen abschöpfen“, sagte Brandstätter. Batteriezellen im Wert von Milliarden hat VW längst bei Lieferanten wie Samsung bestellt.

Was bedeutet das für die Beschäftigten ...

VW-Chef Herbert Diess, der Betriebsrat und unabhängige Experten gehen davon aus, dass der Umstieg viele Arbeitsplätze kostet. Das liegt vor allem daran, dass Elektromotoren aus weniger Teilen bestehen als Diesel oder Benziner. Man dränge deshalb „mit aller Macht“ auf neue Aufgaben für Motorenwerke wie Salzgitter, heißt es in Betriebsratskreisen. Man habe bereits dafür gesorgt, dass VW die E-Autos an deutschen Standorten baut – statt im günstigeren Osteuropa. Die von Jost genannten Ausstiegstermine sind aus Sicht der Arbeitnehmervertreter nur eine Prognose, kein fester Plan.

... und die Zulieferer?

„Die Geschäftsmodelle zahlreicher Zulieferer sind auf den Verbrenner ausgerichtet“, sagt Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Niedersachsenmetall. Die Unternehmen würden ihre Strategie aber anpassen. „Man darf die Fähigkeit des deutschen, industriellen Mittelstandes nicht unterschätzen, sich flexibel auf gänzlich veränderte Marktsituationen und Geschäftsmodelle einzustellen.“

Was planen die anderen Hersteller?

So konkret wie VW hat sich noch kein anderer großer Hersteller geäußert. BMW bekannte sich zwar ebenfalls zum Ziel, dass ab 2050 der gesamte Verkehr ohne Verbrennungsmotoren auskommt. Man werde in jedem Fall ein dazu passendes „Ausstiegsszenario“ wählen, sagte ein Sprecher. Konkrete Etappenziele nannte er aber nicht. Daimler erklärte, dass 2025 zwischen 15 und 25 Prozent aller verkauften Mercedes rein elektrisch fahren sollen. Ein Audi-Sprecher sagte lediglich: „Wir nennen keine Jahreszahlen.“

Der schwedische Hersteller Volvo will ab 2019 nur noch Modelle mit Elektro- oder Hybrid-Antrieb auf den Markt bringen. Hybride sind aber auch Verbrenner – und ein Ausstiegsdatum für diese Modelle haben die Schweden noch nicht bekanntgegeben.

Warum äußert VW sich konkreter als andere?

Aus Sicht von Frank Schwope, Autoexperte bei der Nord/LB, hat der Dieselskandal bei VW zu einer besonderen Dynamik der Elektropläne geführt. Auch Herbert Diess als neuer Chef beschleunige den Wandel. VW müsse zudem einen Rückstand aufholen: Nicht nur Tesla, auch Renault und BMW lägen weiter vorne. Konkrete Jahreszahlen für den Ausstieg könne aber „niemand vorhersagen“, sagte der Experte. Zum Beispiel könnten starke Fortschritte bei Verbrennungsmotoren oder Probleme mit Batterien auftreten.

Wie sieht es bei Nutzfahrzeugen aus?

Die hannoversche Marke VW Nutzfahrzeuge betonte auf Anfrage, dass sie Elektromodelle wie den ID Buzz in einigen Jahren in hohen Stückzahlen bauen wird – Termine für einen Verbrenner-Ausstieg wollte ein Sprecher aber nicht nennen. Wichtig sei ein flexibler Übergangszeitraum. Ein Sprecher von Volkswagens Lkw- und Bus-Sparte Traton sagte, ein Ende des Verbrennungsmotors sei „derzeit nicht in Sicht“. Im Fernverkehr werde es „noch sehr lange“ Lkw mit klassischem Antrieb geben.

Was planen die Regierungen?

In zahlreichen Ländern diskutiert auch die Politik über den Abschied vom Verbrennungsmotor. So will Norwegen bereits ab 2025 ohne neue Diesel und Benziner auskommen, die Niederlande wollen das ab 2030. Die Regierungen wollen den Verkauf aber nicht verbieten, sondern lediglich den Umstieg auf E-Autos fördern. China und Indien erwägen ebenfalls einen Ausstieg bis 2030. Großbritannien und Frankreich haben 2040 als Zielmarke genannt. Die Bundesregierung wollte sich bislang nicht auf einen Zeitpunkt festlegen.

Von Christian Wölbert