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Wirtschaft VW Finanzierunsgtochter stellt sich auf Wandel der Automärkte ein
Nachrichten Wirtschaft VW Finanzierunsgtochter stellt sich auf Wandel der Automärkte ein
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08:00 25.11.2010
Von Stefan Winter
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Es war der Tag, an dem man alles sein wollte, nur nicht Chef einer Bank – der Tag, an dem Lehman pleiteging. Frank Witter übernahm an jenem 15. September 2008 den Vorstandsvorsitz der VW Financial Services AG. Inzwischen ist das lange genug her, um sich an das Positive zu erinnern. „Man lernt viel über die Mannschaft“, erzählt er in seinem Braunschweiger Büro. Mit Mannschaften kennt sich der gebürtige Hannoveraner aus: Als Fußballer schaffte er es in die Zweitliga-Mannschaft des OSV Hannover.

Der 51-Jährige, gerade nach zehn Jahren bei Volkswagens US-Tochter zurückgekehrt, war schnell beruhigt. Die Mannschaft hatte die Prüfung bestanden. Weltweit arbeiten 6800 Menschen für VWFS, und die Kernmannschaft in der Zentrale wühlte in jener Zeit buchstäblich Tag und Nacht, um auf einem gelähmten Finanzmarkt das Geld zur Refinanzierung des Kreditgeschäfts zu besorgen. Den Braunschweigern sei das leichter gefallen als anderen in jenen Tagen, sagt Witter: „Der Name Volkswagen ist in unsicheren Zeiten ein echtes Pfund.“

Vor allem die konzerneigene Direktbank zeigte damals ihren Wert. „Das Geschäftsmodell hat sich bewährt, wir haben eine extrem stabile Basis“, sagt Witter. Die Milliarden von rund einer Million Kunden auf den Konten der VW Bank boten auch dann noch eine verlässliche und günstige Refinanzierung, als auf den Kapitalmärkten praktisch nichts mehr ging. Und je größer die Unsicherheit wurde, desto mehr Geld floss zur VW Bank. „Die Einlagen sind stark gewachsen und halten sich jetzt stabil bei 20 Milliarden Euro“, sagt Witter. Die Garantie des Sicherungsfonds Soffin, die man zum Ärger der Konkurrenz beantragt hatte, wurde nicht gebraucht.

Der finanzielle Spielraum habe auch „Chancen gebracht, die man in Schönwetterzeiten nicht hat“. So sei im Flottengeschäft mancher Wettbewerber ausgeschieden und der VW-Marktanteil deutlich gestiegen. Längst geht es wieder ums Tagesgeschäft. In vielen Märkten laufe es besser als erwartet, sagt Witter, das Ergebnis 2009 werde wieder erreicht – mindestens. Im Krisenjahr verdiente VWFS zwar ein Drittel weniger als 2008, das waren aber immer noch eine halbe Milliarde Euro vor Steuern. Mehr als 6 Millionen Verträge über Kredite, Leasing und Versicherung sind im Bestand, die Bilanzsumme übersteigt 60 Milliarden Euro. Seit Jahren ist die Geldtochter neben Audi die stabilste Ertragssäule des Konzerns und damit auch ein Schlüsselelement in dessen „Strategie 2018“.

In seinem Büro, Souvenirs aus den USA im Rücken, geht Witter ein Chart nach dem anderen durch. Zehn Millionen verkaufte Autos sind für 2018 gesetzt, nach Stand der Dinge sogar früher. Kundenloyalität sei dafür die Grundvoraussetzung, sagt Witter. „Wir können doch nicht jedes Jahr zehn Millionen Kunden woanders abwerben.“ Hier komme VWFS jenseits der Geldgeschäfte ins Spiel. Bank, Leasing, Versicherung, Service – die Vielfalt des Geschäfts sei einzigartig, die Chance zum Kundenkontakt riesig. Leasing- und Kreditkunden sind für den Konzern doppelt attraktiv: Sie wechseln öfter das Auto, aber seltener die Marke. Entsprechend gehörte eine Umorganisation für mehr „Qualität vor Kunde“ zu Witters ersten Projekten.

Gleichzeitig müssen die Financial Services das Wachstumstempo des Mutterkonzerns mitgehen. In 38 Ländern ist VWFS schon aktiv. Gerade kam Südkorea hinzu, bald wird es eine Banklizenz in Russland geben, Projekte in Indien und China laufen.

Das ist sozusagen die Pflicht im Weltkonzern, die Kür ist die Erschließung neuer Geschäftsfelder. Alle Autobauer sind auf dem Weg zum Mobilitätskonzern, und der Wechsel auf Elektroantrieb wird den Trend nach Ansicht der Branchenstrategen noch verstärken. Auch bei VW rechnet man damit, dass die Kunden ihr Transportmittel stärker nach Bedarf wählen werden: E-Auto in der Stadt, Hybrid für die Überlandfahrt, Sportwagen am Wochenende. „Es entsteht eine neue Mobilität“, sagt Witter: „Es geht mehr um Nutzung als um Eigentum.“ Praxis ist das heute schon bei den Großkunden, die erheblich an Bedeutung gewonnen haben.

Um die Chancen dieses Wandels rechtzeitig wahrzunehmen, hat VWFS inzwischen eine eigene Produktentwicklung, eine Art F+E für Services. So habe man zum Beispiel festgestellt, dass ein Lücke klaffe zwischen der Kurzzeitmiete und dem mehrjährigen Leasing von Fahrzeugen, sagt Witter. Mietmodelle für einige Monate seien denkbar. Als weiteres Beispiel nennt er Gewerbekunden: Betreiben sie Saisongeschäft, kann man die Monatsraten dem Verlauf ihrer Einnahmen anpassen.

„Wir sind auf Wachstum gepolt“, sagt Witter, und daran sollen auch die Nachwehen der Finanzkrise nichts ändern. Im Übrigen gelte die Grenze zwischen Sinn und Unsinn, die ein früherer Chef im Wolfsburger Finanzwesen so definiert habe: „Du musst das Geschäft verstehen, und unsere Systeme müssen es abbilden können.“ Und wenn die Erinnerung an den Lehrmeister nicht genügt, um Risikobewusstsein zu wecken, hilft die an den Herbst 2008: „Die Skepsis bleibt in der Wäsche hängen. Das war zu groß, um es einfach abzuhaken.“