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Wirtschaft Früher mal ein Überflieger
Nachrichten Wirtschaft Früher mal ein Überflieger
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09:59 07.05.2014
Foto: "Sicher vor mir selbst": Thomas Middelhoff.
"Sicher vor mir selbst": Thomas Middelhoff. Quelle: dpa
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Essen

Dem Verdacht, es fehle ihm an Bodenhaftung, sah sich Thomas Middelhoff schon öfter ausgesetzt. Gestern vor Gericht wurden die Beispiele akribisch aufgelistet: Als Aufsichtsratschef und später Vorstandsvorsitzender des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor nutzte der Manager nach eigenen Angaben in 54 Monaten 610 Mal Privatjets und Hubschrauber, um schneller voranzukommen. Mit dem Hubschrauber über den Stau hinweg vom Wohnort Bielefeld ins Essener Büro, mit dem Business-Jet zum Termin in New York oder zum Ferienhaus in St. Tropez. Insgesamt 400 Mal ging die Rechnung dabei an den Essener Handelsriesen.

Die emsige Nutzung der Privatflieger hat ein Nachspiel. Seit Dienstag sitzt der 60-Jährige wegen des Verdachts der Untreue auf der Anklagebank im Saal 101 des Essener Landgerichts. Oberstaatsanwalt Helmut Fuhrmann wirft ihm vor, Arcandor zu Unrecht mit betriebsfremden Kosten in Höhe von rund 1,1 Millionen Euro belastet zu haben. Der Löwenanteil — rund 950.000 Euro – entfällt auf Flüge, die nach Auffassung der Staatsanwaltschaft ganz oder teilweise nichts mit Arcandor zu tun hatten. Es geht etwa um Langstreckenflüge nach New York zum Preis von fast 80 000 Euro, aber auch um Hubschrauberflüge zur Arbeit für jeweils rund 2500 Euro. Das mögliche Strafmaß im Falle einer Verurteilung reicht von einer Geldstrafe bis zu zehn Jahren Haft.

Zweistündige Erklärung vor Gericht

Für Middelhoff sind die Vorwürfe jedoch haltlos. „Ich bin sicher vor mir selber, dass ich mich korrekt verhalten habe“, sagt er noch vor Prozessbeginn zu Journalisten. Vor Gericht weist er die Anklagevorwürfe „grundsätzlich und mit aller Entschiedenheit zurück“. Middelhoff, einst eine Art Wunderkind im Bertelsmann-Konzern und später auch dessen Chef, ärgert sich über sein Bild in der Öffentlichkeit.

Auf dem Weg zum Gericht habe er Verkehrsfunk gehört, erzählt er. Da sei von einem acht Kilometer langen Stau auf der A3 berichtet worden, und dann habe der Moderator hinzugefügt: „Middelhoff müsste man heißen, dann könnte man einen Hubschrauber nehmen.“ Dabei habe er die Charterflieger nur genutzt, um seine Zeit effektiver für den krisengeschüttelten Arcandor-Konzern einzusetzen. Dessen Pleite verhinderte das allerdings nicht.

In einer mehr als zweistündigen Erklärung vor Gericht sagt der Manager später, als Arcandor-Chef habe er teilweise 17-Stunden-Tage gehabt, vollgestopft mit Terminen. Mit Linienflügen sei das nicht zu bewältigen gewesen. Er habe überhaupt kein Interesse daran gehabt, Arcandor Privatflüge in Rechnung zu stellen. Vielmehr habe Arcandor-Großaktionärin Madeleine Schickedanz nach einer Bombendrohung gegen einen von ihm genutzten Linienflug darauf bestanden, dass er künftig auch privat nur noch Charterjets nutze. Sie habe sich zur Übernahme aller Kosten bereit erklärt. Für ihn sei deshalb die Frage, ob ein Termin dienstlich oder privat eingestuft wurde, ein Nullsummenspiel gewesen.

Middelhoff hält die Ermittlungen gegen ihn für „uferlos“ und „unverhältnismäßig“. Letztlich seien sie nur wegen der Pleite des Arcandor-Konzerns in Gang gekommen. Doch für den Untergang des Traditionsunternehmens sind in den Augen des Managers Andere verantwortlich, nicht er selbst. Aber welche Fehler nach seinem Weggang bei Arcandor gemacht worden seien, interessiere offenbar nicht. Stattdessen befasse sich die Justiz damit, jeden Flug, den er als Arcandor-Chef gemacht habe, zu überprüfen, klagt Middelhoff.

dpa

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