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Wirtschaft Bei Kaufhof in Hannover geht die Jobangst um
Nachrichten Wirtschaft Bei Kaufhof in Hannover geht die Jobangst um
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00:16 28.05.2019
Angst um die Jobs: In beiden hannoverschen Kaufhof-Häusern sollen bis zu 25 Prozent der Stellen wegfallen. Quelle: Michael Wallmüller (Archiv)
Hannover

Nach der Fusion von Karstadt und Kaufhof geht bei den Kaufhof-Mitarbeitern in Hannover die Jobangst um. Die Karstadt-Beschäftigten üben schon seit 2016 Lohnverzicht, nun sollen auch die Kaufhof-Mitarbeiter Abschläge aufs Einkommen akzeptieren. Und nicht nur das: Nach Gewerkschaftsangaben wurden in einer Betriebsversammlung am Dienstag Zahlen genannt zum geplanten Jobabbau bei Kaufhof. Demnach müssten 20 bis 25 Prozent der derzeit rund 375 Beschäftigten in den Häusern am Ernst-August-Platz und an der Marktkirche gehen. Bis Juli sollen sich die Mitarbeiter entscheiden, ob sie freiwillig gehen oder Stunden reduzieren. Bei einem Warnstreik am Freitagmittag machten zahlreiche Protestierer in der Innenstadt mit einer ungewöhnlichen Aktion ihrer Wut Luft. Hunderte Warnstreikende fuhren, begleitet von einem lautstarken Trillerpfeifenkonzert, die Rolltreppen bei Kaufhof an der Marktkirche bis zum vierten Stockwerk hoch und dann hinab ins Tiefgeschoss.

Jobabbau bei Kaufhof in Hannover könnte 93 Beschäftigte treffen

Die angekündigte Quote würde einen Jobabbau von bis zu 93 Stellen bedeuten. Ein Sprecher der Kaufhof-Zentrale wollte den Vorgang nicht bestätigen. Ob die spontane Protestaktion auf den Rolltreppen rechtliche Konsequenzen haben wird, blieb am Freitag auch offen. Die Beschäftigten aus dem betroffenen Kaufhof an der Marktkirche waren nach Gewerkschaftsangaben dem Streikaufruf nicht gefolgt. Stattdessen zogen etwa 250 bis 300 Mitarbeiter von Kaufhof am Ernst-August-Platz, von Karstadt und Karstadt-Sports, Zara und von Ikea am Expo-Park lautstark durch die Etagen.

Protest auf der Rolltreppe: Hunderte Warnstreikende ziehen lautstark durch Galeria Kaufhof an der Marktkirche. Quelle: Conrad von Meding

Den beiden großen Kaufhausmarken machen schon lange sinkende Umsätze Probleme. Ende 2018 übernahm der Karstadt-Eigentümer Signa den ehemaligen Konkurrenten Kaufhof vom kanadischen Eigentümer HSBC, seit April fungieren beide unter der einheitlichen Marke Galeria Karstadt Kaufhof. Jetzt verlangt Signa von den Kaufhof-Beschäftigten ähnliche Abstriche beim Gehalt wie schon seit Jahren von den Karstadt-Mitarbeitern.

Bei Karstadt üben die Beschäftigten seit 2016 Lohnverzicht

Von 2016 bis 2021 läuft bei Karstadt ein sogenannter Zukunftstarifvertrag, der das Unternehmen von den Lohnerhöhungen des Flächentarifvertrags freistellt. Nach Gewerkschaftsangaben bedeutet das rund 11,4 Prozent Einbußen. Verdi-Sekretärin Juliane Fuchs rechnet vor: „Das sind rund 280 Euro brutto im Monat – für eine Verkäuferin eine wirklich große Summe.“ Eigentlich sollte das Zugeständnis dem Unternehmen finanziell Luft für eine Modernisierung verschaffen. Zugesichert worden sei, dass am Ende der Vertragslaufzeit, also 2021, wieder die volle Lohnhöhe erreicht werde. Doch davon sei Karstadt weit entfernt, sagt Fuchs, die auch Arbeitnehmervertreterin im Aufsichtsrat ist. „Dort werden uns regelmäßig Zahlen vorgelegt – aber es ist keine Besserung in Sicht.“ Das Unternehmen selbst kommentiert die aktuelle Entwicklung nicht.

Einschnitte jetzt auch bei Kaufhof geplant

Jetzt soll es auch beim neuen Partner Kaufhof Einschnitte geben. Im April ist man aus dem Tarif ausgestiegen, das Unternehmen hat Verdi aufgefordert, in die Verhandlungen zu einem Zukunftstarifvertrag ähnlich wie bei Karstadt einzusteigen. „Wir haben große Bedenken, weil wir bei Karstadt keine Früchte sehen“, sagt Fuchs. Am Rande des Warnstreiks hieß es, bei der Kaufhof-Betriebsversammlung seien vier Varianten für den Jobabbau vorgestellt worden. Ziel sei demnach, dass bis Juli möglichst viele Mitarbeiter freiwillig gingen. Eine Alternative sei, dass Mitarbeiter freiwillig ihre Arbeitszeit in erheblichem Umfang reduzierten. Reiche das nicht, würden Mitarbeitern Stellen in einer Art Warenservicegesellschaft angeboten, in der sie dann für internen Transport oder etwa beim Bügeln angestellt würden – bei schlechterer Bezahlung. Die letzte Alternative seien dann offenbar betriebsbedingte Kündigungen.

Verdi-Chef Frank Bsirske und Signa-Chef Réne Benko wollen sich treffen

Offenbar ist für die nächsten Tage ein Gespräch zwischen Verdi-Chef Frank Bsirske und Réne Benko angesetzt, dessen Unternehmensgruppe Signa Kaufhof und Karstadt gehört. „Wir wollen keine Gehaltseinbußen hinnehmen müssen für Managementfehler“, sagte ein Betriebsratsmitglied von Karstadt. Ein anderer kritisierte, dass die Arbeitgeber mit dem Zwang zur Wirtschaftlichkeit argumentierten: „Wir müssen auch wirtschaften – wir müssen Miete, Kinder, Essen bezahlen.“

Warnstreik für 1 Euro mehr Gehalt pro Stunde

Derzeit läuft eine aktuelle Tarifauseinandersetzung im Einzelhandel. Die Arbeitgeber haben in der ersten Verhandlungsrunde kein Angebot vorgelegt. Jetzt steht die zweite Runde an. Die Gewerkschaft fordert eine Erhöhung der Einkommen um einen Euro pro Arbeitsstunde und ein tarifliches Mindesteinkommen von 2100 Euro im Monat sowie eine Laufzeit von zwölf Monaten.

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April 2019: Karstadt und Kaufhof werben mit Gemeinschaftsprospekt

Februar 2019: Kaufhof will Personal aufteilen

November 2018: Kommentar: Fusion ist erst der Anfang

September 2018: Wie viele Kaufhäuser verträgt Hannover?

aktueller Kommentar zur Situation von Karstadt und Kaufhof in Hannover

Von Conrad von Meding

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