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Wirtschaft Solar Millennium zieht sich ganz aus den USA zurück
Nachrichten Wirtschaft Solar Millennium zieht sich ganz aus den USA zurück
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19:45 06.10.2011
Von Jens Heitmann
Mit Hilfe riesiger Parabolspiegel wandeln Solarthermiekraftwerke Sonnenstrahlen in Strom um.
Mit Hilfe riesiger Parabolspiegel wandeln Solarthermiekraftwerke Sonnenstrahlen in Strom um.
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Hannover

Für das Auswechseln der Namensschilder auf dem Vorstandsflur könnte Solar Millennium eigens einen Mitarbeiter abstellen. Mit Christoph Wolff hat gestern der fünfte Manager innerhalb von anderthalb Jahren den Solarkraftwerksentwickler verlassen. Zuvor hatte das Erlanger Unternehmen das endgültige Aus für sein Prestigeobjekt verkündet – das weltgrößte Solarkraftwerk in der kalifornischen Mojave-Wüste sollen nun andere bauen.

Auf einem Areal von fast 4000 Fußballfeldern wollte Solar Millennium dort für 6 Milliarden Dollar eine Parabolrinnen-Anlage von 1000 Megawatt errichten – damit wäre die Solarenergie erstmals in Leistungsgrößen von Kern- oder Kohlekraftwerken hineingewachsen. Noch im Juni hatte Wolff als Vorstandschef die ehrgeizigen Pläne beim ersten Spatenstich im Beisein des US-Innenministers bekräftigt – nur acht Wochen danach folgte die erste Kehrtwende: Photovoltaik statt Solarthermie, hieß es plötzlich, obwohl das Unternehmen in dieser Technologie nicht zu den Spezialisten zählt.

Weitere zwei Monate später folgt nun der komplette Rückzug: Die Solarhybrid AG aus dem Sauerland übernimmt die US-Projektgesellschaften. Die Vereinbarung sehe vor, dass Solar Millennium „neben dem Rückfluss ihrer gesamten US-Projektinvestitionen einen maßgeblichen Anteil am Gewinn bei Realisierung der US-Kraftwerke erhält“, wie das Erlanger Unternehmen mitteilte. Noch ist der Verkauf allerdings nicht in trockenen Tüchern: Er steht unter dem Vorbehalt des endgültigen Abschlusses einer Unternehmensbewertung.

„Wir entwickeln die Zukunft“, verspricht Solar Millennium auf seiner Homepage weiterhin – doch zuletzt wurde das Unternehmen von dubiosen Vorgängen aus seiner Vergangenheit eingeholt. Vor dem Landgericht Nürnberg streitet sich die Firma mit ihrem 74-Tage-Chef Utz Claassen über die Rechtmäßigkeit seines abrupten Ausscheidens im März 2010. Nachdem es Solar Millennium zunächst gelungen war, den Manager wegen seiner Millionenabfindung als Raffke darzustellen, hatte sich das Blatt zuletzt gewendet: Inzwischen ist Firmengründer Hannes Kuhn in den Mittelpunkt gerückt, der seinerzeit als einfacher Aufsichtsrat den lukrativen Vertrag mit Claassen ausgehandelt haben soll.

Die Staatsanwaltschaft Nürnberg ermittelt bereits seit dem Frühjahr gegen Kuhn wegen schwerer Untreue und massiver Verstöße gegen das Aktienrecht, die Finanzaufsicht Bafin geht einem Verdacht auf Insiderhandel nach. Im Zuge der Ermittlungen hatte Finanzchef Oliver Bamberger die Brocken hingeworfen. Kuhn ist vor Kurzem als Aufsichtsrat zurückgetreten – sein langer Arm sei jedoch immer noch gefürchtet, hieß es in Erlangen.

Als vierten Vorstandschef innerhalb von 24 Monaten präsentierte Solar Millennium gestern Jan Withag, ein promovierter Psychologe, der im Januar zusammen mit seinem Vorgänger Wolff in Erlangen angefangen hat. Die Nachfolge von Kuhn tritt Marc Van Herreweghe an, der vom Tabakkonzern British American Tobacco kommt – der Konzern ist auch Withags alte Heimat.

Die Börsianer ließen sich vom erneuten Personalwechsel an der Unternehmensspitze nicht beeindrucken: Die Nachricht vom Ausstieg aus dem US-Geschäft verhalf der Solar-Millennium-Aktie in der Spitze zu einem Kursplus von 20 Prozent auf knapp 3 Euro. Damit notiert das Papier aber immer noch deutlich unter dem Jahreshoch von 24,25 Euro.

Jens Heitmann 06.10.2011
06.10.2011