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Nachrichten Wirtschaft SAP setzt auf Autisten
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08:08 22.05.2013
Foto: „Autisten arbeiten unglaublich fokussiert“: SAP setzt auf das Inselwissen von Autisten.
„Autisten arbeiten unglaublich fokussiert“: SAP setzt auf das Inselwissen von Autisten. Quelle: dpa
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Walldorf

Man mag übers Internet denken, was man will. Man kann es verteufeln oder hochjubeln. Aber niemand kann bestreiten, dass ein neunmalkluger Computer im Alltag durchaus hilfreich ist. Die Medizin hat herausgefunden, dass das Internet sogar therapeutische Zwecke erfüllt. Für Autisten, die ein Augenzwinkern oder Stirnrunzeln im echten Leben nicht sofort verstehen und deuten können, ist die virtuelle Welt so etwas wie ein Wellness-Urlaub. Soziale Kontakte, die Menschen mit dem sogenannten Asperger-Syndrom oder ähnlichen autistischen Störungen überfordern, lassen sich am Bildschirm spielerisch üben.

Die ganz besondere Beziehung zwischen Autisten und dem Internet hat seit Kurzem auch die Wirtschaft entdeckt. Der deutsche Softwarekonzern SAP kündigte gestern an, bis 2020 rund 650 als Softwaretester und Programmierer einzustellen, nicht nur in den USA und Kanada, sondern auch in Deutschland. Sie sollen Apps für Smartphones testen oder Sicherheitsstandards überprüfen. SAP setzte mit dem Programm auf Menschen, „die anders denken und so Innovationen fördern“, erklärte Personalvorstand Luisa Delgado.

In Indien hat der Konzern bereits ­erste Erfahrungen mit Autisten gesammelt. „Und die waren äußerst positiv“, sagt Unternehmens-Sprecher Hilmar ­Schepp. „Autisten arbeiten unglaublich fokussiert.“ Sie seien bei der Arbeit besonders akkurat, hätten eine „gute Beobachtungsgabe und Sinn für Details“. Das, was den Alltag behindert, erweist sich am Bildschirm als innovativ: das für Autisten typische Inselwissen – viel Ahnung auf bestimmten Gebieten.

Über Bezahlung und Arbeitszeiten will man sich bei SAP noch nicht äußern; schließlich gehe es um ein Pilotprojekt. Lob kommt dennoch vom Bundesverband Autismus. „Wir begrüßen dieses Arbeitsmarktprojekt von SAP für Menschen mit Autismus ausdrücklich“, sagt Verbandssprecher Friedrich Nolte. „Es wäre wünschenswert, wenn sich weitere Firmen diesem Weg anschließen würden.“ Auch der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung begrüßt das Projekt. „Unternehmen sollten mehr darauf bedacht sein, was Menschen können, und nicht darauf, was sie nicht können“, sagt Hubert Hüppe.

SAP ist nicht das erste Unternehmen, das Autisten umwirbt. „Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagt Tilman Höffken von Auticon. Das Berliner Unternehmen machte im Juli auf sich aufmerksam, als es ausschließlich Menschen mit Autismus einstellte, als Berater in der IT-Branche. Inzwischen arbeiten mehr als acht Autisten als Berater für den Betrieb. Sie testen die Benutzerfreundlichkeit von Webseiten oder überprüfen Chips auf Fehler, die meisten in Gleit- oder Teilzeit. Hilfe bekommen die Mitarbeiter von sogenannten Job-Coaches, die die fehlende soziale Kompetenz ausgleichen sollen.

Kerstin Voy und Gabi Stief (mit: dpa)