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Wirtschaft Rossmann erzürnt Pharmabranche
Nachrichten Wirtschaft Rossmann erzürnt Pharmabranche
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22:49 22.10.2009
Der Drogeriediscounter Rossmann bietet jetzt auch Artikel an, die bislang ausschließlich in Apotheken zu kaufen sind.
Der Drogeriediscounter Rossmann bietet jetzt auch Artikel an, die bislang ausschließlich in Apotheken zu kaufen sind. Quelle: Rainer Surrey
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Dazu gehören Salben, Nahrungsergänzungsmittel und Medikamente, die zwar nicht verschreibungspflichtig, bislang jedoch ausschließlich über Apotheken zu erwerben sind. Rossmann bezieht die Waren über den Graumarkt und verkauft sie teils merklich billiger. „Das ist weder ungesetzlich noch unpopulär“, sagte ein Konzernsprecher. Rund 70 Produkte wie Dobendan Halstabletten, Bepanthol Creme oder Biolectra-Kapseln finden sich in einem eigens hergerichteten Regal unter dem Namen „Gesundheit Plus“ in den Testfilialen, darunter auch zwei im Hauptbahnhof und der Grupenstraße in Hannover. Rossmann schweigt sich darüber aus, woher die Waren kommen – auch um Herstellern und Apothekern keinen Hinweis zu geben.

Die Burgwedeler sind nicht die ersten, die diesen Weg wählen. Die Konkurrenten Müller und Budnikowsky bedienen sich bereits aus unbekannten Kanälen. Bei Rossmann hieß es, die Absprachen zwischen Industrie und Apotheken müssten endlich aufgeweicht werden. „Sie sind wettbewerbs- und konsumentenfeindlich.“ Ein Zerschlagen der Konstruktion wäre wohl auch Voraussetzung dafür, dass Rossmann flächendeckend in den Verkauf einsteigt. Derzeit sind die grauen Vertriebswege zu unsicher, als dass damit alle 2000 Filialen versorgt werden könnten. Rossmann-Konkurrent dm hatte deshalb bereits das direkte Gespräch mit der Industrie gesucht – ohne Erfolg.

Die Apotheker zeigen sich von dem neuen Vertriebsweg wenig erbaut – geben sich aber gelassen. „Das ist letztlich eine Frage der Zielgruppe“, sagte ein Sprecher der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. „Wer krank ist, der stellt sich nicht beim Drogerie-Discounter in die Warteschlange.“ Eventuelle Umsatzeinbußen könnten die Pharmazeuten verschmerzen: „Apothekenexklusive“ Arzneimittel haben an den Branchenerlösen von knapp 38 Milliarden Euro lediglich einen Anteil von 0,8 Prozent.

Deutlich verärgert reagieren hingegen die Hersteller. „Unsere Produkte gehören nicht in eine Drogerie“, sagte ein Sprecher des Pharmakonzerns Merck. Ein Nahrungsergänzungmittel für Schwangere wie das hauseigene Femibion bedürfe der kompetenten Beratung: „Wir wollen das nur in der Apotheke sehen.“ Ähnliche Aussagen kommen von Bayer, Boehringer Ingelheim, Sandoz oder GlaxoSmithKline.

Die Hersteller sorgen sich nicht nur um die Gesundheit ihrer Kunden – sie haben auch den Wert ihrer Marke im Blick: Die Kennzeichnung „apothekenexklusiv“ verspricht eine Gewinnmarge, die sich mit anonymen No-Name-Präparaten nicht erreichen lässt. Wie schnell man sich mit der Expansion in den Einzelhandel verheben kann, hat der Branche die Pharmafirma Lichtwer vorgemacht: Die Berliner wollten ihre Kwai-Knoblauchpillen auch abseits der Apotheken vermarkten – und gerieten alsbald in den gnadenlosen Preiskampf von Aldi, Schlecker & Co. Die hohen Investitionen in neue Produktionsanlagen ließen sich so nicht refinanzieren, Lichtwer stand kurz vor der Pleite. „Das ist uns allen ein warnendes Beispiel“, sagte ein Manager eines Konkurrenten.

Gern würden die Hersteller deshalb erfahren, wer ihre „apothekenexklusiven“ Pillen und Pasten an Einzelhändler liefert. Die Verdächtigen sind schnell ausgemacht: Die Präparate könnten nur vom Großhandel oder von Apothekern kommen, heißt es in der Branche.

Um die verfügbare Menge in Grenzen zu halten, sind viele Hersteller dazu übergegangen, auch bei Großaufträgen keine zusätzlichen Rabatte zu vergeben und je Apotheke nur übersichtliche Chargen zu liefern. Viel mehr könne man nicht tun, sagte ein Sprecher eines Pharmakonzerns: Aus kartellrechtlichen Gründen lasse sich der Verkauf freiverkäuflicher Arzneimittel außerhalb der Apotheke nicht verhindern.

von Lars Ruzic und Jens Herrmann