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Wirtschaft Prozess gegen VW und Porsche beginnt
Nachrichten Wirtschaft Prozess gegen VW und Porsche beginnt
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21:48 26.06.2012
Von Stefan Winter
Foto: In Sachen VW änderten die Porsche-Vorstände Wendelin Wiedeking (links) und Holger Härter mehrmals die Richtung.
In Sachen VW änderten die Porsche-Vorstände Wendelin Wiedeking (links) und Holger Härter mehrmals die Richtung. Quelle: dpa
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Braunschweig

Vor dem Braunschweiger Landgericht beginnt am Mittwoch ein Prozessmarathon, der den Übernahmekampf zwischen Porsche und VW aufarbeiten soll. Für beide Unternehmen geht es um Milliardenbeträge, die von mehreren Anlegergruppen als Schadensersatz gefordert werden. Ein Überblick:

Heißer Herbst 2008

Am 26. Oktober 2008 scheuchte Porsche die Wirtschaftswelt auf. Man besitze 42,6 Prozent der VW-Stammaktien und Optionen auf weitere 31,5 Prozent, Ziel seien nun 75 Prozent und ein Beherrschungsvertrag, teilte das Familienunternehmen mit. Solche Pläne hatte Porsche seit seinem VW-Einstieg 2005 stets abgestritten, zuletzt im März 2008: „Die Porsche Automobil Holding SE, Stuttgart, weist Medienberichte zurück, wonach das Unternehmen beabsichtige, seinen VW-Anteil auf 75 Prozent aufzustocken.“

Der Kehrtwende an einem Sonntag folgte Börsenpanik am Montag. Anleger hatten darauf gesetzt, dass Porsche keine VW-Aktien mehr kaufen und deren Kurs weiter fallen werde. Also hatten sie „leer verkauft“: Aktien, die man noch nicht besitzt, werden zu einem späteren Termin für einen festen Preis verkauft – in der Hoffnung, dass man sie kurz davor billiger bekommt und die Differenz einstreicht. Nach der Porsche-Meldung war den Spekulanten klar, dass kaum noch VW-Aktien verfügbar waren, um ihre Geschäfte zu erfüllen. So kauften sie um jeden Preis und trieben den VW-Kurs von gut 200 Euro auf das Vierfache. Wer kaufen musste, verlor viel Geld, denn die Termingeschäfte sahen eine Weitergabe zu viel niedrigeren Kursen vor.

Die Vorwürfe

Mehrere Anleger, vor allem große Hedgefonds, werfen Porsche vor, bewusst falsch über seine Pläne informiert zu haben. Dabei spielen die Mitteilungen vom März und Oktober 2008 Schlüsselrollen. Im März bestritt Porsche die Absicht, mehr als 75 Prozent anzupeilen – hatte den Plan nach Überzeugung der Kläger aber schon in der Schublade. So sei der Kurs gedrückt worden, VW-Aktionäre hätten Vermögen verloren. Im Oktober machte Porsche seinen 75-Prozent-Plan öffentlich – hatte nach Ansicht der Kläger aber gar nicht mehr die Mittel, ihn umzusetzen. Der Kurs ging durch die Decke, die Leerverkäufer verloren. In beiden Fällen lautet der Vorwurf Marktmanipulation. Im Frühjahr habe Porsche den Kurs unten halten wollen, um weiter günstig zukaufen zu können. Im Herbst habe Porsche den Kurs hochtreiben wollen, weil das vorhandene VW-Paket erheblich an Wert verloren hatte.

Nicht nur Porsche wird verklagt, in einigen Verfahren geht es auch gegen VW. Die VW-Führung habe vor jenem 26. Oktober von Porsches Beherrschungsplänen gewusst und hätte sie öffentlich machen müssen, meinen einige Kläger. Gefragt sind vor allem Doppelfunktionäre wie Ferdinand Piëch und Wolfgang Porsche, die im VW-Aufsichtsrat saßen und gleichzeitig bei Porsche die Übernahme betrieben. Auch dem damaligen Ministerpräsidenten und VW-Aufsichtsrat Christian Wulff wird vorgeworfen, Wissen für sich behalten zu haben.

Die Verfahren

Weil mehrere Kläger auftreten und unterschiedlich argumentieren, können die Verfahren schwer gebündelt werden. Den Anfang machen am Mittwoch in Braunschweig zwei „kleine“ Fälle: Ein Privatanleger fordert von Porsche 3,1 Millionen Euro Schadensersatz, eine Anlagegesellschaft verlangt in einem weiteren Verfahren 1,6 Millionen. In Wartestellung steht die Berliner Inkassogesellschaft ARFB, die nach eigenen Angaben Forderungen von 41 Großanlegern vertritt, ein Viertel davon aus Deutschland. Das Gericht wird am Mittwoch nur prüfen, ob die ARFB im Fall einer Niederlage Prozesskosten in Millionenhöhe zahlen könnte. Weisen die Anwälte das nach, ist der Weg frei für die großen Fische: In einem Verfahren fordern sie 351 Millionen von Porsche, in einem weiteren 1,8 Milliarden Euro von Porsche und VW.
Noch keinen Termin gibt es für das fünfte Braunschweiger Verfahren, wo sieben internationale Fonds knapp 2 Milliarden Euro von Porsche fordern.
Parallel haben in den USA mehrere Fonds – zum Teil die gleichen wie in Deutschland – Klagen über insgesamt 3,9 Milliarden Dollar gegen Porsche, den früheren Vorstandschef Wendelin Wiedeking und den früheren Finanzvorstand Holger Härter eingereicht. Ein Teil wurde in erster Instanz abgewiesen.

Gegen Wiedeking und Härter ermittelt außerdem die Stuttgarter Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Marktmanipulation und Untreue, weil ihr riskanter Übernahmeversuch letztlich die Existenz Porsches gefährdete. Härter und zwei Porsche-Mitarbeiter sind außerdem wegen Kreditbetrugs angeklagt, weil sie eine finanzierende Bank falsch informiert haben sollen.

Die Sicht der Firmen

VW und Porsche weisen die Vorwürfe ebenso zurück wie Wiedeking und Härter. In der Klage gegen VW gehe es am Mittwoch nur um Formalitäten, sagte ein Sprecher, „darüber hinaus bleibt es dabei, dass wir die Klagen für unbegründet halten“. So sieht es auch Porsche. Vor Gericht dürften beide darauf verweisen, dass die Anleger Opfer normaler Spekulationsrisiken geworden seien. 

Die Folgen

Der ursprüngliche Plan einer Fusion beider Unternehmen ist bereits gescheitert, weil die Schadensersatzrisiken eine Bewertung der Porsche SE extrem schwer machen.  Also wird „Plan B“ verfolgt: VW kauft von der Porsche SE deren restliche Anteile an der Sportwagenmarke Porsche – gegen die richten sich keine Klagen. Trotzdem ginge eine Niederlage der Porsche SE auch VW etwas an, denn auch wenn die Stuttgarter Holding im Übernahmekampf nicht ganz ans Ziel kam, besitzt sie doch die Mehrheit der VW-Stimmrechte. Müsste Porsche also zahlen, würde man es wohl aus VW-Dividenden tun.

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