Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Wirtschaft Weil: „Diskussion ist schädlich für Volkswagen“
Nachrichten Wirtschaft Weil: „Diskussion ist schädlich für Volkswagen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
Jetzt kostenlos Testen Zur Anmeldung
00:20 15.04.2015
Von Lars Ruzic
Mit seiner Kritik an VW-Chef Martin Winterkorn steht Ferndinand Piëch offenbar allein da. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

„Die Aussage von Herrn Dr. Piëch stellt seine Privatmeinung dar, welche mit der Familie inhaltlich und sachlich nicht abgestimmt ist“, ließ Wolfgang Porsche als Sprecher der Porsche-Familie gestern mitteilen.
Piëch hatte in einem Interview gesagt, er sei „auf Distanz zu Winterkorn“
– eine Äußerung, die für alle Beteiligten überraschend kam. Bisher galten Winterkorn und Piëch als Führungstandem des Konzerns. Demonstratives Abrücken des VW-Patriarchen von seinem Führungspersonal sorgt stets für große Aufregung – weil die Worte noch nie ohne Folgen geblieben sind.

Diesmal bekommt der 77-Jährige allerdings kräftigten Gegenwind für seine Äußerungen. Nicht nur die Arbeitnehmerseite, auch die niedersächsische Landesregierung stellte sich hinter Winterkorn. „Eine öffentliche Diskussion dieser Art ist schädlich für das Unternehmen Volkswagen“, sagte Regierungschef Stephan Weil (SPD) gestern der HAZ. „Im Übrigen hat Herr Professor Winterkorn einen laufenden Vertrag, und es besteht keinerlei Handlungsbedarf.“

Anzeige

Das Land hält 20 Prozent der Stimmrechte bei dem Wolfsburger Autobauer, die Familien Porsche und Piëch gut 
51 Prozent. Allerdings kommen Land und Arbeitnehmervertreter mit 12 von 20 Aufsichtsratsmitgliedern bereits allein auf eine Mehrheit im Konzern. Darauf spielte auch Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) an, der wie Weil in dem Kontrollgremium sitzt, als er der „Bild am Sonntag“ sagte, er sehe Piëchs Ankündigung „aufgrund der Mehrheitsverhältnisse im Aufsichtsrat sehr gelassen entgegen“.

Die Rückendeckung hat Winterkorn offenbar veranlasst, um seine Position zu kämpfen. Er wolle sich nicht einfach vom Hof jagen lassen, berichteten mehrere Medien am Wochenende. Winterkorns Vertrag läuft noch bis Ende 2016. Bisher war immer kolportiert worden, der 67-Jährige werde einmal Piëch als Aufsichtsratschef beerben.

Im Konzern wächst indes die Verwunderung über Piëchs Vorgehen. „Normalerweise hat er Leute dann angezählt, wenn er wusste, dass er dafür eine Mehrheit hat“, sagte ein Manager. Zudem seien die Betroffenen wie Winterkorns Vorgänger Bernd Pischetsrieder zum Zeitpunkt ihres Abgangs schon nicht mehr erfolgreich gewesen. Dies könne für Winterkorn bei allen Problemen im Detail nicht gelten. „Im ganzen Konzern herrscht Kopfschütteln.“

Piëch lastet Winterkorn vor allem die Mini-Margen bei der Kernmarke VW Pkw, ein schwaches US-Geschäft und Nachlässigkeiten beim geplanten Billig­auto an. Völlig zurecht, sagte Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer der HAZ. „VW steht deutlich schlechter da, als man das in Wolfsburg wahrhaben will.“ Der Chef des „Center Automotive Research“ an der Universität Duisburg-Essen hat auch keinen Zweifel daran, dass sich Piëch am Ende in der Familie durchsetzen wird. „Mit denen fährt er doch schon seit Jahren Karussell.“     

Die Lage bei VW

Womit hat alles begonnen?
Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zitierte Piëch am Freitag mit dem Satz: „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“. Dabei sind zwei Dinge wichtig: Erstens passte - zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung - bisher kein Blatt zwischen Piëch und seinen „Ziehsohn“ Winterkorn. Das Duo führte das Zwölf-Marken-Reich VW als eingespieltes Tandem. Zweitens: Piëch hat mit kurzen Sätzen, transportiert über die Medien, schon mehrere Manager-Karrieren beendet. Unüberlegtheit ist seine Sache nicht.

Welche Sprengkraft steckt überhaupt in einem so kurzen Satz?
VW wird straff geführt. Piëchs Wort ist dabei Gesetz, zumindest bisher. Der Porsche-Enkel und VW-Großaktionär gilt als das VW-Machtzentrum. „Göttervater“ nannte ein Kleinanleger Piëch einmal - dessen Aussagen gefürchtet sind. Das Vertrauen Piëchs in Winterkorn scheint erschüttert zu sein. Die Motive für Piëchs Handeln allerdings sind unklar. Spekuliert wird über sachliche Gründe wie VW-Probleme auf dem wichtigen US-Markt oder die Renditeschwäche der Kernmarke VW, aber auch persönliche Gründe - etwa, dass Winterkorn Piëch zu mächtig und selbstbewusst geworden ist.

Was halten die Winterkorn-Unterstützer der Piëch-Aussage entgegen?
Da ist allen voran der mächtige VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh. Er steht vereinfacht gesagt für die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat und damit für die Hälfte der 20 Sitze des Kontrollgremiums, das über Winterkorns Zukunft entscheidet. Osterloh sagte: „Wir haben eine klare Haltung, an der sich nichts geändert hat: Wir haben mit Dr. Winterkorn den erfolgreichsten Automobilmanager an Bord.“ Das Rekorde-Sammeln unter seiner Ägide sei beispiellos. „Wenn es nach uns geht, wird sein Vertrag über 2016 hinaus verlängert.“

Welche weiteren Stimmen gibt es?
Das Land Niedersachsen besetzt als VW-Ankeraktionär zwei Aufsichtsratsposten. Niedersachsens Regierungschef Stephan Weil (SPD), der mit seinem Parteigenossen und Wirtschaftsminister Olaf Lies im VW-Aufsichtsrat sitzt, sagte unmissverständlich: „Ich bin unangenehm überrascht über die zitierten Aussagen von Herrn Professor Piëch.“ Und: „Ich halte eine öffentliche Diskussion über die Spitzen von VW für schädlich.“

Aber steht Piëch denn tatsächlich allein da?
Das legt die Aussage seines Cousins und VW-Aufsichtsrat Wolfgang Porsche zumindest nahe. Der Familienclan Porsche/Piëch hält die Mehrheit an VW. Und Wolfgang Porsche sagte am Sonntag: „Die Aussage von Herrn Dr. Piëch stellt seine Privatmeinung dar, welche mit der Familie inhaltlich und sachlich nicht abgestimmt ist.“ Damit zeichnet sich ein Konflikt auch unter den Eigentümer-Familien ab. Der Piëch-Zweig ist im Aufsichtsrat neben Ferdinand Piëch mit dessen Frau Ursula und dessen Bruder Hans Michel vertreten. Mit der Doppelstimme des Aufsichtsratschefs haben sie gemeinsam vier Stimmen. Vom Porsche-Zweig sitzt neben Wolfgang Porsche dessen Neffe Ferdinand Oliver im Kontrollgremium.

Wie geht es nun weiter?
Die Lage bei VW ist vertrackt, eine Lösung derzeit nicht in Sicht. Dem Konzern drohen unruhige Wochen. Bei der VW-Aufsichtsratssitzung am 4. Mai dürfte es intern hoch hergehen. Einen Tag später ist die VW-Hauptversammlung - dann müssen Winterkorn und Piëch gemeinsam auf die Bühne.
dpa

Wirtschaft Illegale Anrufe von Callcentern - So wehren Sie sich gegen Telefonwerbung
11.04.2015
Wirtschaft Nach Piëch-Kritik an Winterkorn - VW-Führung steht vor schwieriger Zeit
11.04.2015
Anzeige