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Wirtschaft Nirschl sieht Air-Berlin-Allianz positiv
Nachrichten Wirtschaft Nirschl sieht Air-Berlin-Allianz positiv
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09:07 20.06.2009
Von Jens Heitmann
TUIfly-Chef Dieter Nirschl.
TUIfly-Chef Dieter Nirschl. Quelle: Christian Burkert
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Herr Nirschl, Ihr Vorgänger hat TUIfly als „Nischenanbieter für Sekundärmetropolen“ bezeichnet. Wo siedeln Sie Ihre Gesellschaft an?
Wir bleiben der Haus- und Hofcarrierer von Hannover. Mit 21 Flugzeugen unserer Flotte sind wir künftig der integrierte Ferienflieger des TUI-Konzerns, mit 17 weiteren Maschinen werden wir als Dienstleister und starker Partner für Air Berlin fliegen - sofern das Kartellamt der Überkreuzbeteiligung unserer beiden Unternehmen von jeweils 20 Prozent zustimmt. Unsere bisherigen City-Verbindungen werden dann in der neuen Allianz von Air Berlin übernommen, und wir konzentrieren uns auf die touristischen Strecken.

Die TUI wollte im Fluggeschäft ursprünglich deutlich wachsen, es war einmal von einer Flotte von 70 Maschinen die Rede - vor zwei Jahren waren es immerhin 56. Was ist schief gelaufen?
Die Zielvorgabe stammt aus einer Zeit, in der man andere Marktbedingungen unterstellt hat. Damals gingen in der Branche alle von einem anhaltenden Boom der Billigflieger aus - mit der Konsequenz, dass auch die Flotten ausgebaut werden sollten. Doch dann wurde die Branche vom plötzlichen Höhenflug der Kerosinpreise überrascht. Es entstand ein enormer Wettbewerbs- und Kostendruck, auf den es zu reagieren galt. Natürlich haben wir auch selbst den einen oder anderen Fehler gemacht. Am Ende hat unsere britische Muttergesellschaft TUI Travel dann entschieden, dass künftig das ertragsschwache und sehr risikobehaftete Low-Cost-Segment nicht länger zum Kerngeschäft gehören sollte.

Welchen Anteil geben Sie hausgemachten Fehlern für das Scheitern der ursprünglichen Strategie?
Es ist nicht die Strategie gescheitert, vielmehr musste sie den Rahmenbedingungen angepasst werden. Als wir 2002 mit HLX gestartet sind, waren wir wahrscheinlich schon ein oder zwei Jahre zu spät dran. Da hatten sich andere bereits die starken Strecken mit dem größten Potenzial gesichert. Für uns blieben dann in unseren Anfangsjahren in der Tat häufig nur Sekundär- oder gar Tertiärmetropolen als Ziele übrig. Dass wir mit Hapagfly und HLX zunächst an den zwei Marken festgehalten haben, hat uns aus heutiger Sicht sicher auch nicht immer geholfen. Die neue Marke TUIfly ist ja letztlich nicht als Low-Cost-Marke positioniert, schließlich sind wir von unseren Kostenstrukturen und dem Geschäftsmodell her kein reinrassiger Low-Cost-Carrier.

Nun übernimmt Air Berlin die Vermarktung der alten HLX-Strecken. Was kann Ihr neuer Partner besser als Sie?
Das sollten Sie vielleicht besser Air Berlin fragen … Im Ernst: Das ist eine Frage der Marktpräsenz. Nehmen wir zum Beispiel die Strecke Hannover-Stockholm: In Schweden ist die Marke TUIfly längst nicht so bekannt wie etwa in Spanien - der Name Air Berlin hingegen schon. Hinzu kommt die wesentlich stärkere Vertriebspower, auf die Air Berlin durch Ihre Größe beim Vermarkten setzen kann.

Air Berlin hat für die 17 mitsamt der Besatzung gemieteten TUIfly-Maschinen eine Beschäftigungsgarantie für zehn Jahre gegeben. Gleichzeitig leidet auch Ihr Partner unter Überkapazitäten. Wie belastbar ist diese Zusage?
Unsere Verträge sind da eindeutig. Das Streckennetz von Air Berlin ergänzt sich gut mit den Städteverbindungen von TUIfly, beziehungsweise den alten HLX-Strecken. Air Berlin baut für sich somit bestimmte Märkte aus beziehungsweise steigt ein, wie etwa in Österreich und Italien. Hinzu kommt, dass wir attraktive Start- und Landerechte auf viel frequentierten Flughäfen wie Frankfurt, München und Düsseldorf haben, von diesen Slots kann künftig auch Air Berlin profitieren.

Bei den Beschäftigten von TUIfly galt Air Berlin immer als ein rotes Tuch. Nun müssen die Piloten und Stewardessen in die Uniformen des „Erzfeindes“ schlüpfen …
Es ist sicherlich nicht einfach, unseren Mitarbeitern zu vermitteln, den Konkurrenten künftig als neuen Partner anzunehmen. Aber die letzten Wochen und erste Projektgespräche haben uns gezeigt, dass die Unternehmenskulturen besser zusammenpassen, als wir selbst das für möglich gehalten haben.

In der jüngsten Tarifrunde haben Sie vergleichsweise hohe Gehaltszuschläge von mehr als 3 Prozent vereinbart und den Einstieg in die betriebliche Altersvorsorge. Geben das die Leasing-Raten von Air Berlin her?
Die Tarifverträge haben zu einer nicht unerheblichen Steigerung der Personalkosten geführt. Das macht uns Kopfzerbrechen und muss an anderen Stellen aufgefangen werden. Aber wir sahen uns einer riesigen Flut von Forderungen der beiden Gewerkschaften gegenüber, haben aber Kompromisse auf beiden Seiten finden können. Wir hoffen nun auf die befriedende Wirkung dieses Haustarifvertrages.

Langenhagen ist seit vielen Jahren die Heimat von Hapag-Lloyd Flug, wie Ihr Unternehmen offiziell immer noch heißt. Wie zukunftssicher ist dieser Standort?
Hannover ist unser Heimatflughafen, Sitz unserer Verwaltung und unsere zentrale technische Wartungsbasis. Das wird auch so bleiben. Großes Wachstum erwarten wir hier allerdings für unseren Standort Hannover nicht, wo wir derzeit sieben Flugzeuge stationiert haben. Dafür ist die Nähe der Flughäfen in Bremen und Hamburg zu groß und das Potenzial an Passagieren in der Gesamtregion zu begrenzt.

Gilt diese Stagnation auch für TUIfly oder könnte Ihre Flotte eines Tages auch mal wieder größer werden?
Wenn die Zahl der Reisenden im TUI-Konzern wieder wächst und sich die aktuelle Nachfrageschwäche erholt haben wird, werden wir natürlich mitwachsen. Zunächst einmal konzentrieren wir uns aber auf unsere Brot- und Butterstrecken, also die Verbindungen zu den Badezielen rund ums Mittelmeer und auf den Kanaren. Wichtig ist, dass unsere Qualität am Boden und an Bord wieder stimmt und von den Kunden honoriert wird. Es gilt wieder: Da wo TUI draufsteht, ist jetzt auch wieder TUI drin.

Zur Person:

Dieter Nirschl ist erst seit wenigen Tagen Sprecher der Geschäftsführung von TUI-
fly. Dem Gremium gehört der 42-Jährige bereits seit Oktober 2007 an, bis Mitte Juni dieses Jahres als Arbeitsdirektor. Der gebürtige Landshuter war vor acht Jahren als Personalchef zur TUI AG gewechselt. Er kam vom Ferienflieger LTU, wo er seine Karriere als Leiter Arbeitsrecht und Tarifwesen begonnen hatte. Nirschl ist promovierter Jurist, verheiratet und hat zwei Kinder.

Stichwort: TUIfly

Die Fluggesellschaften der TUI haben mehrfach Namen, Farbe und Strategie gewechselt. Formal firmiert das Unternehmen noch immer als Hapag-Lloyd Flug - jenem Namen also, unter dem es 1972 als Tochtergesellschaft der Hamburger Reederei gegründet wurde. Als beide 1997 von der Preussag übernommen wurden, merkten die Passagiere davon nichts - als jedoch der in TUI umbenannte neue Mutterkonzern 2002 seinen Billigflieger Hapag-Lloyd Express an den Start schob, wurde es schnell bunter: HLX präsentierte sich fortan Schwarz-Gelb, für die Charterflieger erfand die TUI 2005 die neue Marke Hapagfly in Blau-Orange. Zwei Jahre später führte der Konzern beide Marken unter dem neuen Logo TUIfly zusammen - nun in Gelb-Rot. Im Zuge der vereinbarten Zusammenarbeit mit Air Berlin werden bald 17 der 38 Maschinen auf das Rot-Weiß des neuen Partners Air Berlin umgespritzt, sie gehören aber weiterhin der Hapag-Lloyd Flug.