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Wirtschaft Abgastest: VW Touareg stößt 3000 statt 180 Milligramm Stickoxid aus
Nachrichten Wirtschaft Abgastest: VW Touareg stößt 3000 statt 180 Milligramm Stickoxid aus
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19:17 28.10.2019
Bei neuen Messungen hat das Kraftfahrtbundesamt teils drastische Überschreitungen von Stickoxid-Grenzwerten festgestellt. Quelle: imago/Pixsell/Sina Schuldt/Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa/Montage RND

Der Abgasskandal ist noch längst nicht vorbei. Auf Deutschlands Straßen sind noch immer Dieselfahrzeuge in großer Zahl unterwegs, die erheblich mehr giftiges Stickoxid als erlaubt in die Luft blasen. Das geht aus Tests des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) hervor. Bei zwei von drei überprüften Fahrzeugen wurden die Grenzwerte überschritten – häufig um ein Vielfaches.

Das KBA hatte 2015 mit der sogenannten Marktüberwachung begonnen, um herauszufinden, wie hoch die Emissionen von Stickoxid (NOX) von Dieselmotoren im realen Fahrbetrieb sind. Dafür wurden über mehrere Jahre verteilt viele verschiedene Fahrzeuge stichprobenartig ausgewählt und mehrfach bei unterschiedlichen Wetterbedingungen getestet. Die Ergebnisse wurden weitgehend unter Verschluss gehalten. Schon vor mehr als einem Jahr wurde dem Verkehrsausschuss des Bundestages die Vorlage eines Berichts des KBA versprochen. Das steht bislang aus. Der Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) hat nun die Herausgabe der Testergebnisse unter Berufung auf das Umweltinformationsgesetz mit juristischen Mitteln erzwungen.

3000 statt 180 Milligram

Die KBA-Überprüfungen zeigen, dass von den Grenzwertüberschreitungen fast alle namhaften Marken betroffen sind: von Audi über BMW, Mercedes und Fiat bis zu Kia und Peugeot. Der höchste NOX-Wert wurde bei einem älteren VW Touareg ermittelt, der zwischen 2010 und 2014 verkauft wurde. Er kam bei einem Fahrtest bei winterlichen Außentemperaturen auf einen Ausstoß von mehr als 3000 Milligramm NOX pro Kilometer. Für dieses SUV gilt noch die Abgasnorm Euro 5, die 180 Milligramm erlaubt. Dieser Wert wurde von keinem der zwölf getesteten Autos, für die dieser Standard gilt, erreicht. Darunter sind unter anderem mehrere Pkw von Mercedes und BMW sowie ein Lieferwagen von Fiat. Wohlgemerkt haben alle diese Fahrzeuge bei den offiziellen Abgastests auf Prüfständen die vorgegebenen Werte eingehalten.

Das gilt auch für die Autos, die der strengeren Euro-6-Norm unterliegen. Sie erlaubt nur noch 80 Milligramm Stickoxid pro Kilometer. Hier hat ein Subaru Outback den Vogel abgeschossen. Er hat 2276 Milligramm in die Luft geblasen. Gefolgt vom Fiat 500x mit 1221 Milligramm. Unter den Top 5 der Negativliste sind zudem ein Audi A6 (814 Milligramm) und ein Peugeot 208 (771 Milligramm). Insgesamt führt der RBB 65 Euro-6-Modelle auf. Davon lagen 39 über dem Grenzwert. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Fahrverbote wegen zu hoher NOX-Werte in Städten nicht für Autos dieses Abgasstandards gelten. Die KBA-Daten könnten nun eine neue Debatte über Fahrverbote und eine Nachrüstung von Euro-6-Dieselmotoren auslösen.

WLTP-Tests zeigen Wirkung

Auffällig an den Testergebnissen ist indes auch, dass neue Modelle, die den strengsten und aktuellen Abgasstandards (Euro 6c und Euro 6d-temp) unterliegen, auch im realen Fahrbetrieb unter den 80 Milligramm bleiben. Am saubersten sind der Toyota Yaris (ein Milligramm), der VW Up (vier Milligramm) sowie der VW T-Roc (sechs Milligramm). Das dürfte damit zu tun haben, dass mittlerweile ein strengeres Prozedere für Abgastests namens WLTP eingeführt wurde, das realitätsnäher ist als das alte NEFZ-Verfahren. Dadurch wurden die Autobauer gezwungen, die Abgasreinigungssysteme umzukonstruieren, was sich offensichtlich auch auf die NOX-Emissionen positiv auswirkt. So hat der neue Dieselmotor des Touareg bei drei KBA-Testfahrten nur noch rund 32 Milligramm Stickoxid ausgestoßen.

Die Marktüberwachung wurde kurz nach Bekanntwerden der systematischen Manipulationen bei Volkswagen im September 2015 institutionalisiert. Erste Ergebnisse wurden zwar im Frühjahr 2016 mit dem Bericht der Untersuchungskommission Volkswagen publik gemacht. Danach testeten die KBA-Experten weiter, regelmäßige Berichte darüber wurden allerdings nicht veröffentlicht. Für 2019 wurde eine Publikation angekündigt. Sie steht bislang aus.

Bundestag beschließt Ausnahmen für Dieselfahrverbote

Zugleich hat das KBA aber zahlreiche Rückrufaktionen auf den Weg gebracht: erst kürzlich für Hunderttausende Mercedes-Fahrzeuge mit einem Euro-5-Dieselmotor. Mercedes will gegen den Rückrufbescheid vor Gericht Widerspruch einlegen, weil die Stuttgarter die Abgasreinigung für rechtmäßig halten. Dahinter steckt ein unentschiedener juristischer Streit um eine Grauzone in den EU-Bestimmungen. Viele Autobauer arbeiten mit sogenannten Thermofenstern: Bei bestimmten Temperaturen wird die Abgasreinigung abgeschaltet. Hersteller berufen sich dabei auf einen Passus im Regelwerk, der dies zeitweise erlaubt, um den Motor vor Schäden zu schützen. Unklar ist, wie zeitweise zu verstehen ist: nur wenige Minuten? Nur bei extremen Minustemperaturen? Oder schon beim Unterschreiten von zwölf oder 15 Grad Außentemperatur?

Sind jetzt neue Schadensersatzklagen möglich?

Die jetzt veröffentlichten NOX-Daten bestätigten indes Messungen, die unter anderem die Deutsche Umwelthilfe und andere Nichtregierungsorganisationen gemacht haben. Brisant an den KBA-Informationen ist aber, dass sie von der zuständigen Behörde stammen und damit offiziellen Charakter haben. Das könnte unter anderem bei vielen Schadensersatzklagen von Dieselfahrern relevant werden. Stephan Kühn, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, betont: Die Abgastests des KBA glichen einem Geheimmanöver. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) behindere die parlamentarische Kontrolle im Abgasskandal und er lege „lieber seine schützende Hand über die Autohersteller“.

Urteil: Verjährung im VW-Abgasskandal endet nicht zwingend Ende 2019

Von Frank-Thomas Wenzel/RND

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