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Wirtschaft Moody’s stuft Kreditwürdigkeit Portugals auf „Ramschniveau“ herab
Nachrichten Wirtschaft Moody’s stuft Kreditwürdigkeit Portugals auf „Ramschniveau“ herab
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20:31 06.07.2011
Foto: Standseilbahn „Ascensor da Bica“ in Lissabon. Nach Einschätzung von Moody’s hat sich Portugals Kreditwürdigkeit massiv verschlechtert.
Standseilbahn „Ascensor da Bica“ in Lissabon. Nach Einschätzung von Moody’s hat sich Portugals Kreditwürdigkeit massiv verschlechtert. Quelle: dpa
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Frankfurt

„Wir müssen das Oligopol der Ratingagenturen brechen“, sagte Schäuble in Berlin, nachdem Moody’s die Kreditwürdigkeit Portugals auf „Ramschstatus“ herabgestuft hatte. Er könne nicht erkennen, was der Einschätzung zugrunde liege. Auch in Bankenkreisen rätselte man über den Sinn der neuen Beurteilung. Es sei schon überraschend, dass Moody’s ohne neue Fakten eine so drastische Korrektur vornehme, hieß es in Frankfurt.

Mal wieder hat eine der drei großen Ratingagenturen mit ihrem Urteil die Finanzmärkte in Aufregung versetzt und die Politik erzürnt. In der Nacht zum Mittwoch hatte Moody’s die Kreditwürdigkeit Portugals gleich um vier Stufen auf „Ba2“ herabgesetzt. Es bestehe ein hohes Risiko, dass Portugal ein zweites Hilfspaket benötige, bevor es an den Kapitalmarkt zurückkehren könne, begründete Moody’s den drastischen Schritt.

Portugal war im Frühjahr unter den Rettungsschirm geschlüpft, den die Europäische Union (EU) und der Internationale Währungsfonds (IWF) aufgespannt hatten. Das Land bekommt 78 Milliarden Euro über drei Jahre. Längerfristige Kredite braucht Portugal bis 2013 nicht. Portugals neue Mitte-rechts-Regierung bemängelte, Moody’s habe den starken Rückhalt in Portugal für die Sparmaßnahmen seit den Wahlen vom 5. Juni nicht berücksichtigt. Auch eine Sondersteuer sei ignoriert worden. Portugals Haushaltsdefizit soll in diesem Jahr von 9,1 auf 5,9 Prozent verringert werden.

Die Koalition in Lissabon wird bei ihrem Sparkurs von den kürzlich abgewählten Sozialdemokraten unterstützt. Der frühere Industrieminister Luis Mira Amaral bezeichnete die Beurteilung der Agentur als „Terrorismus“, und die Wirtschaftszeitung „Diario Economico“ titelte: „Ratingagentur treibt Portugal in den Bankrott“. EU-Währungskommissar Rehn appellierte an die Bonitätswächter, dass man der neuen Regierung erst einmal die Chance geben solle, das gemeinsam mit der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds ausgehandelte Sparprogramm umzusetzen.

Auch in Italien regt sich politischer Widerstand gegen die Urteile der Ratingagenturen. Vertreter von Standard and Poor’s (S&P) und Moody’s seien für Freitag zu einem Gespräch bei der italienischen Börsenaufsicht geladen worden, um ihre Stellungnahme zu erläutern, in der 16 italienischen Banken mit einer Herabstufung gedroht wird. S&P hatte am Freitag ein 47-Milliarden-Euro-Sparprogramm der italienischen Regierung als unzureichend bezeichnet, das diese erst am Vorabend beschlossen hatte. „Ich halte die Ratingagenturen schon seit Langem für eine große Gefahr wegen ihrer unzähligen Interessenkonflikte, wegen ihrer undurchsichtigen Arbeitsmethoden, wegen unzähliger begangener Fehler und weil sie nicht unabhängig sind“, sagte der Chef der Börsenaufsicht, Guiseppe Vegas.

Der Deutschland-Chef von S&P, Thorsten Hinrichs, nahm seine Branche vor der zunehmenden Kritik in Schutz. Es sei nicht Aufgabe der Bonitätsagenturen zu beurteilen, ob Rettungsprogramme der Regierungen politisch richtig seien. „Unsere Aufgabe ist es, eine Meinung dazu abzugeben, ob die zukünftige Zahlungsfähigkeit gegeben ist oder nicht“, sagte Hinrichs in einem Fernsehinterview. Die Rendite zehnjähriger portugiesischer Staatsanleihen erreichte gestern mit 11,59 Prozent einen Rekordstand seit der Euro-Einführung.

Klaus Dieter Oehler